Der eine Grund warum das (bedingungslose) Grundeinkommen kommen wird

Früher gab es mal so etwas wie Heimarbeit. Da baute man zu Hause aus Einzelteilen Kugelschreiber zusammen, oder man faltete bedruckte Blätter zu Infobroschüren.

Man schaffte mit dieser Arbeit Mehrwert, denn am Ende waren die Broschüren bereit, um in Briefkästen eingeworfen zu werden, und mit den Kugelschreibern konnte geschrieben werden. Für den geschaffenen Mehrwert bekam man ein paar Euro (oder DM).

Sprung ins Jahr 2017

Aus irendwelchen Gründen werden mir auf Facebook manchmal Beiträge aus Gruppen angezeigt, in denen es um das Geldverdienen im Internet geht. Die meisten davon ignoriere ich einfach (wie das meiste auf Facebook).

Neulich erschien mal wieder ein solches Posting in meiner Timeline, das ich mir genauer ansah. Der Poster versprach den Leuten Geld für das Angucken von Werbung. Man sollte eine Software installieren, die einem regelmäßig Werbung anzeigen würde. Dafür sollte man Geld erhalten – zwar nur kleine Beträge, aber man muss ja auch fast nichts dafür tun. Unter dem Posting gab es schon einige Kommentare von Leute, die sich dafür interessierten.

Sprung in die 90er Jahre

Ehrlich gesagt habe ich etwas Ähnliches vor fast 20 Jahren selbst schon einmal ausprobiert.

Wir sprechen von einer Zeit, in der niemand so richtig verstand, wie das Internet funktionierte und in der – rückblickend betrachtet – sehr viel Geld durch die absurdesten Ideen vernichtet wurde.

Damals gab es die Möglichkeit, einen Teil seines Bildschirmplatzes für Werbung freizugeben. Versprochen wurde damals rund 1 DM pro Stunde. Da es mehrere dieser Anbieter gab, die man parallel nutzen konnte, schien es theoretisch möglich zu sein, ein Vielfaches von 1 DM pro Stunde zu erhalten. Über die Hälfte des Bildschirms (damals hatte man nur 15 oder 17 Zoll) wäre dann voll mit Werbung gewesen.

Letztendlich erhielt ich dann doch kein Geld, denn niemand schien diese Werbeplätze zu buchen. Die Anzeigenplätze waren fast immer leer (und dafür gab es kein Geld).

Zurück ins Jahr 2017

Heute frage ich mich, warum Menschen auf so etwas hereinfallen? Auch ich damals. Im Grunde ist das System doch sehr einfach zu durchschauen.

Unternehmen, die Geld ausgeben, damit Menschen Werbung für die Produkte der Unternehmen gezeigt bekommen, tun dies aus einem einzigen und recht einfachen Grund: um Geld zu verdienen. Das verdiente Geld stammt letztendlich von denjenigen Menschen, denen die Werbung gezeigt wird. Sie kaufen die Produkte weil die Werbung ihren (einzigen) Zweck erfüllt.

Werbung wirkt bei allen Menschen und wer glaubt, dass er gänzlich immun gegen Werbung ist, hat nur nicht verstanden, wie Werbung wirklich funktioniert und gehört gerade deshalb vielleicht zu den größten Opfern von Werbung.

Die werbenden Unternehmen geben unterm Strich weniger Geld für Werbung aus, als sie durch die Werbung einnehmen. Andernfalls würden die gar keine Werbung schalten.

Wie kann nun jemand, der dieses einfache Prinzip verstanden hat, glauben, dass er Geld durch den Konsum von Werbung verdienen kann? Die Unternehmen, die die Werbung schalten, sind doch nicht blöd!

Natürlich zahlen die einem am Ende des Monats 10 Euro aus, aber gleichzeitig nehmen sie einem 50 Euro wieder ab – und zwar so, dass man es vielleicht gar nicht bemerkt.

(Man könnte das ganze als Arroganz-Steuer ansehen. Bestraft wird damit die Arroganz, zu glauben, die Werbung könne nur andere Menschen beeinflussen, aber nicht einen selbst.)

Wieder zurück in die 90er

Bei mir lief das damals ungefähr so ab: Eines Tages klingelte mein Handy und am Apparat war ein sehr freundlicher Herr Herz. Vielleicht hieß er auch nicht Herr Herz, sondern Herr Liebe oder so ähnlich – diese Abzocker haben immer solche Namen, weil man ihnen dann mehr vertraut.

Jedenfalls rief er im Auftrag einer mir unbekannten Lottogesellschaft an, um mir freudig davon zu berichten, dass ich ein paar Freispiele in irgendeiner Systemlotterie gewonnen habe. Die Lotterie hatte irgendwie mit einem dieser Werbeanbieter, die ich zu nutzen versuchte, zu tun.

Einige meiner Freispiele hätten sogar schon gewonnen. Er brauchte also dringend noch meine Bankverbindung, um mir direkt meine Gewinne überweisen zu können – er würde mir dazu ein Formular zuschicken.

Naiv und unter dem Einfluss der Werbepsychologie stehend, habe ich ihm meine Bankverbindung letztendlich zukommen lassen.

Das Ende vom Lied: Ich hatte irgendein Abo am Hals, das mich so lange Geld kostete, bis ich mich dazu aufgerafft hatte, es zu kündigen. Das Aufraffen zur Kündigung wurde dadurch erschwert, dass ich jeden Monat tatsächlich ein paar Pfennig oder Mark gewann (aber natürlich weniger als das Abo kostete).

Was dieses Geschichte mit dem bedingungslosen Grundeinkommen zu tun hat

Wir leben in einer Welt, in der ein immer größerer Teil derjenigen Arbeit, die tatsächlich Mehrwert stiftet, von Maschinen erledigt wird. Es handelt sich um einen Trend, der sich nicht mehr aufhalten lassen wird:

  • Die Nahrungsmittelproduktion benötigt immer weniger Menschen.
  • Dienstleistungen, wie die von Banken und Reisebüros, werden digital automatisiert, sodass man dort immer weniger Menschen braucht.
  • Die Vermittlung von Informationen und Bildung findet immer mehr digital statt, sodass ein Lehrer sehr viel mehr Schüler unterrichten kann, als in einem realen Klassenraum. Folglich braucht es immer weniger Lehrer.
  • Die Produktion von Gütern kommt mit immer weniger Menschen aus. Mittlerweile kommen sogar ganze Häuser aus dem 3D-Drucker (siehe das Video).

Brauchen wir denn nicht Menschen um die Maschinen zu bauen und zu warten?

Ein Einwand lautet häufig, dass wir dann aber doch wieder Menschen brauchen, die die Maschinen bauen und warten. Das stimmt zwar, aber die Anzahl der Menschen, die dafür gebraucht werden, ist deutlich geringer. Auch das folgt direkt aus der Logik.

Wenn man zum Bau und zur Wartung einer Maschine, die einen Arbeiter ersetzt, zwei Arbeiter bräuchte, dann würde ja niemand diese Maschine kaufen, weil es sich finanziell überhaupt nicht lohnen würde. Das wäre das gleiche, wie zu glauben, man könne Geld verdienen, indem man sich mit Werbung berieseln lässt.

Es werden immer weniger Arbeiter gebraucht.

Wir brauchen also immer weniger Menschen, um den gleichen Mehrwert zu schaffen. Die Anzahl der Menschen, die für ihren Broterwerb Geld verdienen müssen, bleibt aber gleich.

Die Bedürfnisse der Menschen

Es ist nicht so, dass die Bedürfnisse der Menschen stetig zunehmen würden und wir deswegen lauter neue Dinge und Dienstleistungen brauchen, die in Zukunft alle noch erfunden werden. Ich spreche von den realen biologischen und psychologischen Bedürfnissen und nicht von irgendwelchen künstlich durch die Werbung geschaffenen Bedürfnissen.

Natürlich werden noch ganz viele neue Dinge und Dienstleistungen erfunden werden, aber das meiste davon werden wir im Grunde gar nicht brauchen und auch diese neuen Erfindungen werden größtenteils nicht auf menschlicher Arbeit, sondern digital oder mit Maschinen arbeiten.

Wir brauchen keine Matrix, die uns rundumversorgt und uns von sämtlichen körperlichen Anstrengungen und von allen Gefahren befreit. Wir wollen auch nicht alle unsterblich werden. Wir wissen heute, dass der Mensch unbedingt leichten Stress braucht – zum Beispiel in Form von Bewegung. Außerdem wissen wir, dass es uns glücklich macht, selbst Dinge zu erschaffen und persönlich an unseren Aufgaben zu wachsen.

Wir brauchen also nicht alle möglichen Maschinen, die uns jegliche Anstrengung und das Erschaffen abnehmen. Um körperlich und geistig gesund und stark zu werden, brauchen wir sehr wahrscheinlich auch ein bisschen Unbequemlichkeit und sogar den Kontakt zu Schmutz und Bakterien.

Die meisten biologischen und psychologischen Bedürfnisse der Menschen sind doch schon längst erfüllt oder sogar über-erfüllt. Das einzige echte Bedürfnis, das ich noch unter-erfüllt sehe, sind erfüllende soziale Beziehungen. Dieses Bedürfnis kann aber nicht durch Produkte oder Dienstleistungen befriedigt werden. Was man für erfüllendere soziale Beziehungen braucht, sind mehr Menschen, die weniger gestresst, sondern ganz bei der Sache sind.

Wenn die biologischen und psychologischen Bedürfnisse der Menschen nicht zunehmen, aber ein immer größer werdender Teil der die Bedürfnisse befriedigenden Arbeit von immer weniger Menschen erledigt wird, dann müssen zwangsläufig immer mehr Jobs entstehen, die keinen Mehrwert im Sinne der Bedürfnisbefriedigung liefern, sondern Mehrwert nur vortäuschen oder sogar vernichten.

Und diese Jobs ziehen einen ganzen Rattenschwanz weiterer unnötiger Jobs nach sich. Abzocker ziehen Politiker und Bürokraten nach sich, die Gesetze gegen Abzocker erlassen, was wiederum Abmahnanwälte auf den Plan ruft, woraufhin Dienstleister entstehen, die die ehrlichen Menschen beraten, damit diese nicht zum Opfer von Abmahnanwälten werden. Bei alledem wird natürlich auch das Leben der wenigen verbleibenden Menschen, die mit ihrer Arbeit noch echten Mehrwert stiften dürfen, erschwert, weil diese ständig über diesen Rattenschwanz stolpern.

Ich glaube nicht, dass Herr Herz (oder wie auch immer der Typ wirklich hieß) damals abends von der Arbeit nach Hause fuhr und sich erfüllt und zufrieden in sein Bett legte, weil seine Bestimmung darin bestand, 18-jährige Schüler abzuzocken. Der hätte bestimmt auch lieber etwas sinnvolleres gemacht (oder aber gar nichts – wenn er die Möglichkeit dazu gehabt hätte).

Ich glaube, dass wir ein Grundeinkommen brauchen und auch erhalten werden, damit nicht immer mehr Menschen dazu gezwungen sein werden, ihr Geld damit zu verdienen, andere Menschen nur zu verarschen oder ihnen Steine aus dem Weg zu räumen, die sie (oder ihre Kollegen) vorher selbst dort hingelegt haben.

Ein Argument, das häufig gegen das bedingungslose Grundeinkommen angeführt wird, lautet:

Dann verwahrlosen die Menschen ja alle, weil sie nur noch Alkohol-trinkend vor dem Fernseher sitzen

Das muss nicht zwangsläufig so sein, weil sich im Rahmen des Grundeinkommens vielleicht auch das Fernsehen selbst verändern wird. Schon jetzt gucken die meisten jungen Menschen ohnehin kein TV mehr, sondern YouTube.

Auf YouTube gibt es Videos und ganze Kanäle, die tausendmal mehr Mehrwert liefern, als das öffentlich-rechtliche Bildungsfernsehen und dazu noch Spaß machen. Ganz anders als Telekolleg. YouTube zu gucken, bedeutet nicht mehr zwangsläufig, entweder zu verblöden oder einzuschlafen.

Im Fernsehen darf man sich nur so lange und tiefgend mit einem Thema befassen, wie der Fernsehsender dies vorgesehen hat. Es gibt eine Sendung zu einem Thema und in der Regel war’s  das dann für nächsten Wochen. Außerdem schreiben die TV-Sender den Zuschauern vor, wann sie sich mit dem entsprechenden Thema zu befassen haben. Für die meisten Zuschauer ist das gar nicht der Zeitpunkt, zu dem sie das entsprechende Bedürfnis dazu haben. Was machen die Menschen also? Sie gucken Sendungen, die ein Bedüfnis befriedigen, das sie ständig haben: andere Menschen. Aus einem Mangel an Alternativen gucken sie sinnlose Serien und sogenannte Reality-Dokus, in denen es darum geht, wie die Mutter eines Jugendlichen eine halbe Stunde lang mit der Mutter eines Mädchens streitet, weil der Sohn der einen Frau der Tochter der anderen Frau zu lange und auffällig auf den Hintern geschaut hat. Ich erfinde das nicht, so ein Mist kommt wirklich im Fernsehen. Jeden Nachmittag und stundenlang.

Wer sich einmal an die Breite und Tiefe von YouTube gewöhnt hat, wird das Fernsehen danach erschreckend oberflächlich finden und den ganzen Müll, der täglich im Fernsehen rauf und runter läuft, überhaupt nicht mehr angucken wollen. Auf YouTube findet man beliebig viele lehrreiche (und gleichzeitig noch unterhaltsame) Videos zu genau den Bedürfnissen, die man gerade hat.

Ich glaube nicht, dass ein Grundeinkommen besonders viele Menschen vor den Fernseher treiben würde. Ich glaube eher, dass der erschreckend hohe Fernsehkonsum vieler Menschen heutzutage von genau dem Problem verursacht wird, das ein (bedingungsloses) Grundeinkommen lösen würde: sinnlose Jobs, in denen man sich kein Stück weiter- sondern zurückentwickelt. Jobs, in denen man das Denken (und Fühlen!) verlernt, sodass man sich keine eigene Meinung über Themen bilden kann und man darauf angewiesen ist, Talkshows und Reality-TV zu gucken, um sich von den Autoritäten dort Meinungen abzugucken. Jobs, die einen als Menschen so langweilig werden lassen, dass es echte Menschen mit einem gar nicht mehr aushalten und man „TV-Freunde“ braucht, um wenigstens die Illusion von sozialen Kontakten zu haben.

Der vielleicht wichtigste Grund warum die Menschen durch ein (bedinungsloses) Grundeinkommen nicht verwahrlosen werden

Man darf auch eines nicht vergessen: Menschen wollen Paarbeziehungen eingehen und zwar nicht mit irgendwem. Wer nur noch saufend vor dem Fernseher verwahrlost, wird dadurch extrem unattraktiv für das andere Geschlecht und läuft Gefahr, keinen Partner zu finden. Insbesondere Frauen haben es bei der Partnerwahl auf möglichst erfolgreiche Männer abgesehen – jedenfalls im Rahmen ihrer eigenen Attraktivität. Kann es einen größeren Anreiz geben,  nicht zu verwahrlosen?

Außerdem, was wäre so falsch daran, wenn Herr Herz tagsüber vor der Glotze säße, anstatt seinen jetzigen Job auszuüben? Ein Fortschritt wäre es allemal 😀

Was haltet ihr von einem Grundeinkommen und wie wird es eurer Meinung nach die Welt verändern (und warum)? Ich freue mich über Kommentare 🙂

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2 Antworten auf Der eine Grund warum das (bedingungslose) Grundeinkommen kommen wird

  1. Jahn sagt:

    Hi Jan,
    ich bin ein Freund des bedingungslosen Grundeinkommens. Ich galube das würde uns eine ganze Menge neuer gesellschaftlicher Möglichkeiten eröffnen. Damit dies gesellschaftlich wirklich funktionieren könnte müsste allerdings noch eine ganze Menge Transformation stattfinden.
    Ich glaube die Finanzierbarkeit ist da gar nicht so das große Problem. Ich halte es eher für problematisch, dass es einige Berufe gibt, die weiterhin von Menschen getan werden müssen aber bereits jetzt wenig attraktiv sind. Das ist nur eine von zahlreichen herausforderungen, mit denen man umgehen müsste.
    Viele Grüße
    Jahn

    • Jan sagt:

      Hey Jahn,

      schön von Dir zu lesen. Ich stimme Dir zu, dass da noch eine Menge Hürden und Hindernisse warten und, dass mit dem (bedingungslosen) Grundeinkommen vielleicht auch das Eine oder Andere schlechter würde.

      Ich finde das Thema auf jeden Fall super spannend und kann mir einfach nicht vorstellen, dass wir alles Automatisierbare automatisieren und am Ende trotzdem noch genug Arbeit für alle haben. Und wenn doch, dann fände ich das beängstigend, weil es ja bedeuten würde, dass der Fortschritt von einer neuen Gegenkraft (Terrorismus, Bürokratie, feindliche Außerirdische, neue Krankheiten …?) komplett aufgefressen wird. Ich glaube fast, dass wir uns diese Gegenkraft selbst heranzüchten wenn wir das das (bedingungslose) Grundeinkommen nicht einführen. Wer arbeiten muss, um Geld fürs Überleben zu erwirtschaften, aber keine gewinnbringende Arbeit findet, der findet zur Not halt etwas anderes …

      Viele Grüße,
      Jan

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