Die 4 Lerntypen: nur kurzfristig nützlich (langfristig schädlich?)

Das Modell der 4 Lerntypen (auditiver Lerntyp, visueller Lerntyp, kommunikativer Lerntyp, motorischer Lerntyp)Du möchtest dich über Lerntypen informieren?

Du möchtest deinen eigenen Lerntyp ermitteln, oder Lernmethoden erhalten, die auf deinen Lerntyp zugeschnitten sind?

Dieser Artikel könnte dich überraschen, denn was ich dir über Lerntypen erzählen werde, wird dir auf anderen Webseiten zu diesem Thema fast immer verschwiegen.

In der Lernpsychologie gibt es das Modell der Lerntypen, nach dem jeder Mensch einem von insgesamt 4 Lerntypen (oder einer Mischung aus diesen Typen) zugeordnet werden kann:

  • Visueller Typ
  • Auditiver Typ
  • Motorischer Typ
  • Kommunikativer Typ

(Weitere Lerntypen, die hin und wieder genannt werden: personenorientierter Typ, medienorientierter Typ und logisch-mathematischer Typ.)

Was hat es mit den 4 Lerntypen auf sich?

Wer seinen Lerntyp kennt – so heißt es fast überall – könne seine Lernstrategie entsprechend anpassen, und das würde sich positiv auf den Lernerfolg auswirken.

Bevor ich (weiter unten) näher darauf eingehe, warum diese Idee irreführend und sogar schädlich ist, schauen wir uns die vier Lerntypen einmal genauer an.

1. Der visuelle Lerntyp

Wer ein visueller Lerntyp ist, was man angeblich daran erkennt, dass man beim Memory fast immer gewinnt, solle beim Lernen auf Bilder setzen: Skizzen, Lernposter und Videos seien besonders geeignet.

2. Der auditive Lerntyp

Der auditive Lerntyp solle mit hörbarem Lernmaterial arbeiten: Podcasts, Vorträge und Gespräche.

Dass man ein auditiver Lerntyp ist, soll man angeblich daran erkennen, dass man beim Lernen die Lippen mitbewegt.

3. Der motorische Lerntyp

Angeblich lernt der motorische Lerntyp am besten durch Nachmachen (Imitation), Gruppenaktivität und Rollenspiele.

Er sei jemand  – so heißt es –, der nach dem Prinzip „Learning by Doing“ lernt, und den man daran erkennt, dass er gerne Kaugummi kaut und beim Sprechen gestikuliert.

4. Der kommunikative Lerntyp

Wie der Name schon vermuten lässt, lernt der kommunikative Lerntyp am besten im Austausch mit anderen Menschen.

Für ihn eignen sich angeblich Dialoge und Diskussionen, zum Beispiel im Rahmen von Lerngruppen.

Auf weitere Lerntypen möchte ich hier nicht im Detail eingehen. Wer das Prinzip verstanden hat, kann sich leicht selbst zusammenreimen, auf welchem Wege sie (angeblich) am besten lernen.

Sind Lerntypen Realität oder ein Mythos?

Wer sich nicht mit dem abspeisen lässt, was er auf den (Verkaufs)Webseiten für irgendwelche fragwürdigen digitalen Lernprodukte findet, sondern seriöse Quellen zurate zieht, wird erfahren, dass das Modell der Lerntypen überhaupt keine empirische Basis hat.

Mit anderen Worten: Wissenschaftliche Untersuchungen konnten (bisher) nicht nachweisen, dass die Anpassung an irgendwelche Lerntypen (ob diese nun existieren oder nicht) zu besseren Lernergebnissen führt.

Lerntypen scheinen mit Horoskopen vergleichbar zu sein: Die Aussagen kommen einem irgendwie zutreffend vor, aber bei genauerem Hinsehen zerfällt das ganze Gebilde zu Staub.

Aus naheliegenden Gründen neigen wir  Menschen dazu, uns selbst und andere in Schubladen zu stecken: Das Schubladendenken gibt uns ein Gefühl von Sicherheit, weil die Illusion von Struktur und Ordnung mit dem Gefühl verknüpft ist, den Lauf der Dinge kontrollieren zu können.

Leider ist die Welt in Wahrheit weniger geordnet, als wir sie uns wünschen.

Man sollte lieber nicht nach Lerntyp lernen

Abgesehen davon, dass die Lerntypen ohnehin nur selten in Reinform auftreten (die meisten Menschen sind Mischformen aus verschiedenen Lerntypen), ist es meiner Meinung nach nicht sinnvoll, seinem Lerntyp entsprechend zu lernen.

Wer das tut, schadet sich langfristig sogar selbst! Dafür gibt es (mindestens) zwei Gründe, auf die ich im Folgenden näher eingehen möchte.

(1) Lerntypen sind Ungleichgewichte

Meist wird behauptet (oder zumindest suggeriert), dass Lerntypen angeboren seien und dadurch zustande kämen, dass die Sinne bei den Menschen unterschiedlich stark ausgeprägt seien.

Das ist Blödsinn, denn Lerntypen sind nicht angeboren sondern erlernt.

Um zu verstehen, wie wir nach der Geburt zu einem bestimmten Lerntyp werden, muss man sich bewusst machen, dass wir neue Dinge lernen, indem wir sie mit dem bereits vorhandenen Wissen verknüpfen. So erweitern wir unser Wissensnetz(werk).

Die Gesamtheit unseres Wissens ist unser Wissensnetz

Eine gedankliche Verknüpfung in diesem Netz entspricht immer auch neuronaler Verknüpfungen, die im Gehirn real existieren. Was sich (noch) nicht verknüpfen lässt, ist (noch) nicht lernbar.

Als wir auf die Welt kamen, war in unserem Gehirn überhaupt kein Wissen über die Welt vorhanden.

Wir mussten das Wissensnetz quasi aus dem Nichts aufbauen

Was haben wir also gemacht? Wir haben damit angefangen, die Gegenstände in unserer Umgebung mit unseren Sinnen zu verknüpfen: Angucken, anfassen und in den Mund nehmen – was Babys eben gerne machen.

So wurden die ersten Maschen unseres Wissensnetzes geknüpft: ausgehend von unseren Sinnen.

Wissen und Erfahrungen, die später gelernt wurden, wurden – direkt oder indirekt – mit den bereits gelernten Gegenständen verknüpft, die ihrerseits weiterhin mit den Sinnen verknüpft blieben, über die sie von uns erstmalig entdeckt und erforscht wurden.

Wer als Kind nichts anfassen oder in den Mund nehmen, sondern nur gucken durfte, wurde zu einem visuellen Lerntyp: Ihm fällt es leichter, Neues auf visuellem Wege in das bereits vorhandene Wissen zu integrieren, weil das Wissensnetz hier dichter ist.

Man kann es auch negativ ausdrücken: Auf den anderen Kanälen ist er schwach, weil sein Wissensnetz hier dünn ist.

Wer als Kind wenig zu gucken, aber viel zu hören hatte, wurde entsprechend zu einem auditiven Typ, weil das Wissensnetz um den akustischen Kanal herum dichter ist, sodass sich für neues Wissen entsprechend mehr Anknüpfungspunkte finden lassen.

Die entscheidende Frage ist, ob man diese Einseitigkeit fördern, oder ihr entgegenwirken sollte

Wer das Lernen seinem Lerntyp entsprechend empfiehlt, propagiert die Stärkung der Einseitigkeit.

Wer als visueller Lerntyp beispielsweise hauptsächlich mit visuellem Material lernt, wird mit der Zeit immer „tauber“ und unkommunikativer.

Ich bin der Meinung, dass das der falsche Weg ist.

Genau wie es zu orthopädischen Problemen kommt, wenn die Skelettmuskulatur ungleichmäßig trainiert wird, dürfte man im echten Leben Probleme bekommen, wenn man einen einzigen Lernkanal, sei der nun auditiv, visuell, kommunikativ oder was auch immer,  auf Kosten der anderen Kanäle immer weiter stärkt.

Klar, solange man sich in einer Lernumgebung befindet, die Rücksicht auf den Lerntyp nimmt, wird nichts passieren, aber (spätestens) das echte Leben wird keine Rücksicht nehmen.

Das echte Leben „sendet“ seine Lektionen auf allen Kanälen und entsprechend sollte man auf allen Kanälen empfangsbereit sein.

(2) Man sollte immer möglichst viele Sinne gleichzeitig nutzen.

Das Konzept der Lerntypen suggeriert, dass nur auf einem einzigen Kanal gelernt werden sollte: dem starken Kanal.

In Wahrheit ist es aber so, dass wir etwas neu Gelerntes umso leichter wieder erinnern können, je größer die Anzahl der Kanäle war, über die das Wissen aufgenommen wurde.

Die folgenden Wahrscheinlichkeiten für das spätere Erinnern in Abhängigkeit der Art und Weise des „Einspeicherns“ sprechen für sich:

  • Nur Hören: 20%
  • Nur Sehen: 30%
  • Sehen und hören: 50%
  • Sehen, hören und diskutieren: 70%
  • Sehen, hören, diskutieren und selbst tun: 90%

Jeder Lerntyp sollte möglichst immer alle Kanäle gleichzeitig nutzen.

Fazit

Ja, es gibt so etwas wie unterschiedliche Lerntypen, aber daraus sollte man nicht den Schluss ziehen, dass man als Lerner mit einem bestimmten Lerntyp langfristig davon profitiert, wenn das Lernmaterial auf den eigenen Lerntyp zugeschnitten wird – im Gegenteil.

Dr. Jan Höpker - Foto Autorenbox

Über Dr. Jan Höpker

Das vielleicht größte Problem unserer Zeit sind die allgegenwärtigen Ablenkungen, die uns in unserer persönlichen Entwicklung ausbremsen und denen die meisten Menschen mangels Wissen und wirksamer Strategien schutzlos ausgeliefert sind.

In seinem Buch Erfolg durch Fokus & Konzentration beleuchtet Jan den universellen und nachweislich wichtigsten Erfolgsfaktor Fokus und Konzentration tiefgründig und praxisnah.

Jan hat Chemie studiert und in Biochemie promoviert. Im Mai 2015 hat er die Webseite HabitGym gegründet. Im November 2017 haben 15.000 monatliche Leser Jans Artikel gelesen und 4.200 Follower folgen ihm in den Sozialen Netzwerken.

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