Umgang mit Kritik – den Spieß umdrehen und von Kritik profitieren

Konstruktiver Umgang mit Kritik

Für ganz Eilige: Den 4-Schritte-Masterplan für den konstruktiven Umgang mit Kritik gibt es am Ende des Artikels. Wer die 4 Schritte beherzigt, wird zu einem wahren Meister in Sachen Kritikfähigkeit.

Ich bin mit deinem Verhalten überhaupt nicht einverstanden. Du hast noch nicht einmal die Hälfte aller Artikel auf dieser Webseite gelesen und den Newsletter hast du auch noch nicht abonniert.

So kann das nicht weitergehen.

Ich bin schwer enttäuscht von dir!

Zugegeben: Ich bin kein besonders guter Kritiker. Ein guter Kritik-Nehmer bin ich aber auch nicht. Irgendwie mag ich Kritik nicht. Weder als Person die kritisiert, noch als derjenige, der kritisiert wird.

Kommt dir das bekannt vor?

Ich bin mir sicher: Durch unsere Kritik-Inkompetenz verpassen wir alle eine große Chance. Die Chance zu lernen und über unsere eigenen Grenzen hinauszuwachsen.

Der Milliardär Ray Dalio hat es noch krasser ausgedrückt: Seiner Meinung nach ist unsere mangelhafte Kritikfähigkeit das größte Problem der Menschheit überhaupt. Wir kommen später darauf zurück.

Die Unfähigkeit, konstruktiv mit Kritik umzugehen ist das größte Problem der Menschheit. (Ray Dalio)

Unsere Inkompetenz gegenüber Kritik hat unter anderem damit zu tun, dass sich kaum jemand die Mühe macht, sich in einer ruhigen Minute (besser: an einem verregneten Sonntagnachmittag) hinzusetzen und für sich selbst zu überlegen, wie man am besten mit Kritik umgeht. Ich habe das nie gemacht und du wahrscheinlich auch nicht. Warum macht das niemand?

Lass es uns gemeinsam machen! Jetzt und hier!

Was den Umgang mit Kritik so schwierig macht: die Empathie-Lücke

In einem entspannten Moment können wir uns nicht wirklich vorstellen, wie es sich anfühlt, wenn wir emotional aufgebracht sind. Diese Tatsache wird auch als Empathie-Lücke bezeichnet.

Klar können wir uns die Situation irgendwie vorstellen oder Erinnerungen an Situationen abrufen, in denen wir kritisiert wurden, aber dabei fehlt es an einer entscheidenden Zutat: Stresshormone (vor allem Adrenalin). Im kalten Gemütszustand können wir den heißen Gemütszustand nicht antizipieren.

Im kalten Zustand verstehen wir nicht einmal wirklich, dass wir überhaupt in eine Situation kommen können, in der wir uns nicht voll im Griff haben. Entsprechen erachten wir es nicht als notwendig, Vorkehrungen zu treffen.

Natürlich habe auch ich bisher keinen Masterplan für den Fall, dass ich kritisiert werde. Du wahrscheinlich auch nicht. Aber das ändern wir ja gerade.

Mein Umgang mit Kritik war bisher immer improvisiert

Mit anderen Worten: Ich habe meinen Umgang mit Kritik dem Zufall überlassen.

Im Detail verlief das oft so: Erstmal wurden Stresshormone ausgeschüttet (natürlich ungefragt).

Bedingt durch die Stresshormone wurden meine höheren Gehirnfunktionen eingestellt.

Ich stritt reflexartig alle Vorwürfe ab, wies sämtliche Anschuldigungen von mir, rechtfertigte mich mit an den Haaren herbeigezogenen Argumenten, erklärte, redete klein und übte gelegentlich auch Rache-Kritik an meinem Kritiker.

Das volle Programm eben.

Gefangen im Teufelskreis der Kritik-Inkompetenz

Die meisten von uns hassen es, wenn sie kritisiert werden. Niemand mag negative Emotionen.

Weil wir Kritik nicht mögen, macht es uns auch keinen Spaß, andere Menschen zu kritisieren. Wir halten mit Kritik also so lange zurück, bis es gar nicht mehr anders geht und wir extrem genervt und sprichwörtlich schon auf 180 sind.

Wenn kritisiert wird, steht also oft auch der Kritiker unter großem Stress und ist entsprechend emotional und weniger rational. Die Kritik fällt dann meist forsch, direkt und persönlich aus. Das befeuert wiederum den Kritik-Hass des anderen. Ein Teufelskreis.

Es gab Personen in meinem Leben, die ich niemals kritisiert hätte. Diese Leute zu kritisieren, war ungefähr so gefährlich, als würde man mit laufenden Kettensägen beworfen werden.

Kritik ist besser als Gold

Nüchtern betrachtet ist Kritik eine gute Sache. In seinen Prinzipien (mehr dazu in meinem Artikel Das Geheimnis seines Erfolges – ein Milliardär packt aus) schreibt der Milliardär Ray Dalio die folgenden, von mir frei übersetzen Zeilen zum Thema Kritik:

„Für eine steile Lernkurve ist es unerlässlich, die eigene Ego-Barriere zu überwinden. Das Ego hält sehr viele Leute davon ab, über ihre Schwächen nachzudenken. Für ein erfolgreiches und glückliches Leben ist es aber wichtig, sich selbst und seine Werte und Fähigkeiten zu kennen und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen.

Die meisten Leute hassen es, wenn andere Menschen sie auf Schwächen oder Fehler hinweisen. Sie fühlen sich persönlich angegriffen. Es ist aber besonders wichtig, sich von anderen Menschen helfen zu lassen. Es ist nämlich äußerst schwierig, die eigenen Schwächen selbst zu entdecken. Andere Menschen können das viel besser, denn sie sehen uns objektiver als wir uns selbst sehen.“

Später im Text sagt Dalio dann noch, dass es sich dabei möglicherweise um das größte Problem der Menschheit überhaupt handelt.

Gehen wir mal davon aus, dass Dalio recht hat. Wäre es dann nicht sinnvoll, ja sogar notwendig, Kritik zu begrüßen? Wir sind ja blind für unsere eigenen Fehler. Ohne Kritik würden wir unsere Fehler niemals entdecken und sie immer und immer wieder machen.

Kritik erscheint auf den ersten Blick immer unangebracht

Dass Kritik auf den erste Blick immer unangebracht erscheint, hat folgenden Grund: Wir Menschen machen unsere Fehler nicht mit Absicht. Menschen handeln in einer gegeben Situation und unter Berücksichtigung aller Parameter immer so gut sie nur können. Wenn wir nicht optimal handeln, dann nur aus einem Grund: Weil wir es in dieser Situation nicht besser können oder nicht besser wissen.

Hätten wir besser handeln können, dann hätten wir auch besser gehandelt. Kritik trifft also immer auf einen blinden Fleck.

Warum man Kritik immer ernst nehmen sollte

Insbesondere im Internet findet man oft Sprüche wie: „Wenn dich jemand kritisiert, dann hat derjenige ein Problem nicht du.“

Diese Einstellung ist dumm. Nahezu jede plakative und undifferenzierte Einstellung ist dumm. Man kann nicht alle Kritik über einen Kamm scheren.

Wie unterscheidet man zwischen berechtigter und unberechtigter Kritik

Oben hatten wir gesehen, dass Kritik auf den ersten Blick immer unangebracht erscheint. Das liegt einfach in der Natur der Sache. Deswegen können wir nicht einfach der weit verbreiteten Herangehensweise folgen und sämtliche, uns unangebracht erscheinende Kritik an uns abprallen lassen.

Zunächst müssen wir alle Kritik gleich behandeln und einer Prüfung unterziehen. Erst sehr viel später können wir die Unterscheidung zwischen berechtigter und unberechtigter Kritik treffen.

Ich glaube, dass ein guter Umgang mit Kritik nur möglich ist, wenn man sich in einer ruhigen Minute (also im kalten Gemütszustand) überlegt, wie man in Zukunft auf Kritik reagieren möchte. Am besten macht man das Ganze schriftlich und guckt sich den Text alle paar Tage wieder an, bis man die neue Strategie so sehr verinnerlicht hat, dass man auch im Affekt nach den neuen Prinzipien handeln kann.

Wie werde ich in Zukunft mit Kritik umgehen?

Was wichtig ist: Die Strategie muss so einfach sein, dass man sich auch im Zustand der heruntergefahrenen höheren Gehirnfunktionen daran halten kann. Denn das eingeschränkte rationale Denken ist ja das Hauptproblem.

Wie kann eine solche Strategie konkret aussehen?

Mein 4-Schritte-Plan zum konstruktiven Umgang mit Kritik

Schritt 1 im Umgang mit Kritik: Die Klappe halten und zuhören

Die meisten Menschen hören demjenigen, der sie kritisiert nicht wirklich zu. Sobald ihnen klar ist, dass sie gerade kritisiert werden, überlegen sie sich schon eine Antwort, während der andere noch spricht.

Sobald sie eine Antwort gefunden haben, unterbrechen sie den Kritiker und fallen ihm ins Wort. Aufgrund des erhöhten Stresspegels fällt diese Antwort in den meisten Fällen nicht konstruktiv aus. Man wird sie später sehr wahrscheinlich bereuen. Deswegen sollte das erste Gebot lauten: Ruhe bewahren und zuhören, auch wenn es schwer fällt.

Dem Kritiker nicht ins Wort zu fallen hat noch einen weiteren Vorteil:

Böse Kritiker werden in Gegenwart eines geduldigen, verständnisvollen Zuhörers oft zahm. (Dale Carnegie)

Schritt 2 im Umgang mit Kritik: Mache dir klar, dass du nicht sofort auf die Kritik reagieren musst

Die meisten Menschen äußern sich immer sofort zu jeder Kritik, die gegen sie vorgebracht wird. Man muss sich aber nicht sofort zu den Kritikpunkten zu äußern. Es gibt kein Gesetz, welches das vorschreibt.

Man kann auch einfach sagen: „Danke für deine Rückmeldung. Ich werde darüber nachdenken, sobald ich wieder rational denken kann“.

Soweit ich informiert bin, dauert es rund eine halbe Stunde, bis die Stresshormone wieder auf einem niedrigen Level sind. So lange sollte man also mindestens warten.

Schritt 3 im Umgang mit Kritik: Mache dir klar, dass auch berechtigte Kritik auf den ersten Blick wie unberechtigte Kritik aussieht

Wie schon weiter oben gesagt, liegt es in der Natur der Sache, dass man Kritik auf den ersten Blick nicht einsieht. Man handelt ja immer so gut, wie man in der gegebenen Situation den Umständen entsprechend handeln kann. Logisch, dass einem da nicht gleich klar ist, was man hätte besser machen können. Wenn einem das klar wäre, dann hätte man es ja von vornherein besser gemacht.

Man sollte Kritik also grundsätzlich ernst nehmen und über die Kritikpunkte nachdenken. Kritik birgt immer eine Chance zu lernen.

Schritt 4 im Umgang mit Kritik: Versuche die Situation aus einer Beobachterperspektive zu sehen

Die meisten Menschen betrachten Kritik als einen persönlichen Angriff. In den wenigsten Fällen ist Kritik jedoch als Angriff gedacht.

Sicherlich: Ungeübte Kritiker sind manchmal etwas unüberlegt (und außerdem sind sie sehr oft selbst im Stress) und so kommt Kritik eben häufig wie ein persönlicher Angriff rüber. In den seltensten Fällen ist die Kritik aber so gemeint. Halte dir das vor Augen. Am besten versuchst du die Situation aus der Beobachterposition (Vogelperspektive) zu verstehen.

Was man sich auch vor Augen halten sollte: Wenn jemand kritisiert, dann bedeutet das nicht, dass diese Person in irgendeiner Weise besser ist als man selbst. Der Kritiker steht nicht über demjenigen, der kritisiert wird. Im Fußball kann der Nationaltrainer seine Jungs ja auch kritisieren obwohl jedem klar, dass dieser auf dem Feld keine Chance hätte.

Die richtigen Rahmenbedingungen für konstruktive Kritik schaffen

Die meisten Probleme lassen sich durch Prävention am leichtesten aus der Welt schaffen. Das gilt auch für den Umgang mit Kritik.

Um selbst möglichst oft in guter Weise kritisiert zu werden, sodass es einem maximal beim Lernen hilft, sollte man die richtige Rahmenbedingungen schaffen und es anderen Menschen ermöglichen, sinnvoll zu kritisieren.

Wer andere bei der kleinsten Kritik gleich mit laufenden Kettensägen bewirft, ist selbst schuld wenn er nicht die Kritik erhält, die ihm nützlich sein könnte. Die anderen werden dann lieber hinter dem Rücken über einen reden, als die direkte Konfrontation zu suchen.

Zu guter Letzt: Ich bin beim Schreiben dieses Artikels davon ausgegangen, dass du nur mit Personen verkehrst, die grundsätzlich ernst zu nehmen sind. Mir ist durchaus bewusst, dass es auch sehr wenige Menschen gibt, die ständig unberechtigt kritisieren und deren Kritik man überhaupt nicht ernst nehmen kann. Im Umgang mit solchen Menschen hilft eine andere Strategie, über die ich in diesem Artikel ausführlich berichtet habe. Die Kurzfassung: Beschränke den Umgang mit diesen Menschen auf ein Minimum.

Das war mein Beitrag zur Blogparade „Gegenwind – Was tun bei Fehlentscheidungen, Rückschlägen und Kritik“, zu der Frank Albers von www.einfach-effektiv.de eingeladen hat.

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ÜberJan

Dr. Jan Höpker hat die Webseite HabitGym gegründet, um seine Erkenntnisse über persönliche Entwicklung und das Setzen, Verfolgen und Erreichen von persönlichen Zielen mit seinen Lesern zu teilen. Jan ist Diplom-Chemiker und hat einen Doktor in Biochemie. Unter dem Menupunkt Starte hier! kannst du mehr über Jan und HabitGym erfahren.

6 Antworten auf Umgang mit Kritik – den Spieß umdrehen und von Kritik profitieren

  1. Jonas sagt:

    Hallo Jan,

    das sehe ich genau so. Nicht die Kritik selbst sondern der Umgang ist das entscheidende. Durch Kritik können wir schließlich viel über uns lernen und uns selbst (unser Produkt, usw.) verbessern.

    Dafür muss natürlich die Kritik auch entsprechend inhaltsvoll sein. Gut, dass du in einem anderen Blogbeitrag auch dafür Tipps gibst 🙂

    Einen Tipp habe ich übrigens auch noch. Wenn die Kritik per Mail eingeht, dann schreibe ruhig direkt eine emotionale Antwort. Lass deine Wut raus, ABER: Schick sie nicht ab.
    Mach was anderes, gehe raus, spazieren, Sport, Mittagsschlaf. Schau eine lustige Serie. Hauptsache du gewinnst Abstand von der kritischen Mail.

    Dann gehe zurück und schreib deine Antwort. Sie wird weniger emotional und damit sachlicher sein. Vielleicht hat der Kritiker ja recht? Dann hättest du es bereut, zuvor „ihm deine Meinung gesagt zu haben“. Probiert es aus 🙂

    Grüße
    Jonas

  2. Dario sagt:

    Hi Jan,

    vor allem das Klappe halten ist echt schwierig. Ich merke erst, wenn die Kritik vorbei ist oder wenn das Gespräch schon extrem weit geschritten ist, dass das Kritik ist, die mir helfen könnte.
    Was ich im Punkt vier noch mach ist mich in die Person hinein zu versetzen, warum sie so fühlt/reagiert.

    Grüße
    Dario

    • Jan sagt:

      Hey Dario,

      Danke für deinen Kommentar. Du hast recht: Das alles ist sehr schwierig praktisch umzusetzen. Mein 4-Schritte-System (oder jedes andere System) ist sicherlich nichts, was man von heute auf morgen einfach mal perfekt in sein Verhalten integriert. Meiner Meinung nach ist es aber schon ein Fortschritt, wenn man sich kurz nach dem „Streit“ daran erinnert, dass man ja eigentlich geplant hatte, das System anzuwenden. Man muss einfach dran bleiben und in kleinen Schritten immer besser werden. Wie siehst du das?

      Sich in die andere Person hineinzuversetzen ist natürlich auch sehr sehr wichtig. Für mich fällt das unter Punkt 4 (Beobachterperspektive), aber vielleicht hätte ich es explizit erwähnen sollen.

      Viele Grüße,
      Jan

      • Dario sagt:

        Ich sehe das auch so. Es sind die kleinen Schritte, die den Unterschied machen. Das Doofe ist nur, dass man die kleinen Schritte nicht so bemerkt. Erst wenn man z.B. nach einem halben Jahr zurückblickt und überlegt, wo man heute ist und wo man vor sechs Monaten war, wird einem der Unterschied bewusst.

  3. Lieber Jan,

    vielen Dank für die Teilnahme an meiner Blogparade. Ein sehr tiefsinniger Artikel inklusive einen einfaches Howtos, wie man sich selbst helfen kann. Ich mache es in sehr ähnlicher Weise.

    Mein Lieblingszitat: „Diese Leute zu kritisieren ist ungefähr so, als würde man mit laufenden Kettensägen beworfen werden.“

    So welche kenne ich auch ;-).

    Liebe Grüße

    Frank

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