Warnung: Die Deutschen sitzen weit länger als sie zugeben (oder sich bewusst sind)

Stehschreibtisch

 

Vielleicht bist du dem folgenden Spruch schon begegnet:

„Sitzen ist das neue Rauchen“

Hintergrund: Studien haben gezeigt, dass Personen, die viel sitzen, mit höherer Wahrscheinlichkeit Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes bekommen und fettleibig werden, als Personen, die nicht so viel sitzen.

Auch ich saß schon immer sehr viel, aber ich ging in meiner Freizeit joggen und spielte im Sommer einmal pro Woche mit Kollegen Fußball. Ich war der Meinung, damit eine gültige Ausrede zu haben. Aber: weit gefehlt!

Studien haben nämlich auch gezeigt, dass Sport die negativen Auswirkungen des Sitzens nicht vollständig ausgleichen kann. Langes Sitzen ist einfach schlecht. Punkt.

Falls du dich fragst „wie viel ist denn viel?“ Lies einfach weiter, wir kommen später dazu.

Vielen Leuten ist nicht klar, wie viel sie sitzen

Ein großes Problem scheint mir darin zu bestehen, dass vielen Menschen gar nicht klar ist, wie viele Stunden sie pro Tag sitzend verbringen. Dies wurde mir bewusst, als ich kürzlich auf dem Blog Foodlinx einen Artikel über Fettleibigkeit las.

An dem Artikel selbst habe ich überhaupt nichts auszusetzen. Trotzdem kamen mir einige Dinge seltsam vor. Die Daten passten einfach nicht zusammen. Es geht um folgende Zahlen:

  • Wir (Deutschen) schlafen pro Nacht im Durchschnitt etwa 7 Stunden
  • Wir (Deutschen) gehen an typischen Wochentagen im Durchschnitt nur etwa 400 Meter. Selbst bei sehr langsamem Gehen benötigt man nicht länger als 20 Minuten für diese Strecke
  • Die meisten Deutschen sitzen pro Tag zwischen 5 und 8 Stunden

Die möglichen Körperhaltungen, die ein Mensch einnehmen kann sind ja ziemlich beschränkt. Im Prinzip können wir gehen, liegen, sitzen oder stehen. Manche Menschen können auch fliegen, aber nur auf die Nase und die Flugzeit ist in der Regel so kurz, dass man sie vernachlässigen kann.

Wenn wir die Zahlen addieren kommen wir auf 12 bis 16 Stunden. Der Tag hat aber 24 Stunden. Es fehlen also 8 bis 12 Stunden. Bedeutet das jetzt, dass die Menschen pro Tag durchschnittlich 8 bis 12 Stunden stehen?

Im Alltag steht man an der Bushaltestelle, in der Küche, beim Zähneputzen, an der Kasse, in überfüllten Zügen und vielleicht noch in der Disco. Kommen wir so auf 8 bis 12 Stunden pro Tag? Eher nicht.

Sicherlich gibt es auch Berufe, in denen man sehr viel stehen, aber nicht gehen muss. Mir fallen beispielsweise diese verkleideten Typen ein, die den ganzen Tag vor Hotels rumlungern und den Gästen die Türen aufhalten. Ich denke aber nicht, dass solche, doch eher seltenen Berufe, die fehlenden 8 bis 12 Stunden erklären können.

Mir ist übrigens schon bewusst, dass man Statistiken nicht allzu wörtlich nehmen darf, aber für eine derart große Abweichung (wir reden hier über fast einen halben Tag) muss es einfach eine Erklärung geben.

In meiner Verzweiflung habe ich der Autorin des Blogartikels eine Nachricht geschrieben. Ihre freundliche Antwort: Der Rest ist wohl Freizeit. Im Schnitt schaut der Deutsche (angeblich) 3,5 Stunden pro Tag fern. Manche Menschen lesen auch.

So langsam dämmerte es mir. In welcher Körperhaltung sieht man nochmal fern oder liest? Dabei sitzt man normalerweise doch auch.

Die Statistiken sind also möglicherweise total verhunzt weil viele Menschen in Umfrage zum Thema „Sitzen“ (unbeabsichtigt) unterschlagen, dass sie auch in ihrer Freizeit sehr viel sitzen.

Ich glaube, dass viele Deutsche pro Tag auf 12 bis 15 Stunden im Sitzen verbrachte Zeit kommen. Ich selbst gehöre auch in diese Gruppe.

Besser formuliert: Ich gehörte in diese Gruppe!

Gestern habe ich Jeff Bezos noch ein wenig reicher gemacht und mir bei Amazon für €64,90 einen höhenverstellbaren Stehpult mit Rollen gegönnt.

Diesen Artikel schreibe ich gerade im Stehen. Es ist etwas ungewohnt, macht aber Spaß.

Alle paar Minuten habe ich den Rechner sogar verlassen und bin ein paar Schritte umhergelaufen. Früher wäre ich dafür wohl nicht von meinem Stuhl aufgestanden.

Und wie lange sollte man maximal sitzen?

Ich halte es für wenig sinnvoll, nach einer genauen Anzahl von Stunden zu suchen. Auch die Studien, die gezeigt haben, dass Sitzen ungesund ist, beruhen ja auf Umfragen. Selbst wenn die Umfragen absolut verlässlich wären, wird es keine Stundenzahl geben die absolut ungefährlich ist.

Ich halt es für sinnvoller, zu versuchen, die im Sitzen verbrachte Zeit so weit wie möglich zu reduzieren. Ob das in Form einer radikalen Umstellung oder eher schrittweise über einige Wochen erfolgt, muss jeder mit sich selbst ausmachen. Fakt ist: es gibt genug Möglichkeiten weniger zu sitzen:

  • Stehschreibtische (noch besser: Stehschreibtische mit Laufband)
  • Laufen oder mit dem Fahrrad fahren (statt mit dem Auto oder mit der Bahn)
  • Spazierengehen statt vor dem Fernseher sitzen
  • In nicht überfüllten Zügen freiwillig stehen
  • Stehplatzkarten statt Sitzplatzkarten bei Sport- und Kulturveranstaltungen
  • Dir fällt bestimmt noch mehr ein

Weiterführende Überlegungen zu diesem Thema

– Sascha Fast von ME Improved über Möglichkeiten, das Sitzen einzuschränken
– Der im Beitrag erwähnte Artikel von Foodlinx über Fettleibigkeit

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ÜberJan

Jan hat sich gefragt, welches DIE EINE Fähigkeit ist, über die man den größten Unterschied in seinem Leben bewirken kann. Die nicht ganz überraschende Antwort: Fokus bzw. Konzentration. Den meisten Menschen mangelt es an Fokus und dem, der genug Fokus hat, dem steht die ganze Welt offen (langfristig) ... Jan ist promovierter Chemiker und seit Mai 2015 Betreiber des Blogs HabitGym - FITNESSSTUDIO FÜR DEIN LEBEN.

6 Antworten auf Warnung: Die Deutschen sitzen weit länger als sie zugeben (oder sich bewusst sind)

  1. Jonas sagt:

    „Sitting is the new cancer“, sagte Tim Cook und stellte die Apple Watch vor.
    Fitness-Tracker helfen uns dabei, einen Überblick über unsere Bewegungsgewohnheiten zu bekommen.

    400 Meter geht der Durchschnittsbürger am Tag? Ich schätze mal, dass jeder, der das liest, sagt: Ja, aber ich bestimmt nicht! Doch würde man alle mal mit Fitnesst-Trackern ausstatten, dann würde die bittere Realität schnell zutage kommen.

    Nun gut, wir wissen, dass wir uns zu wenig bewegen. Ein Trend, der unter CEOs und Gründer von Techunternehmen aus der Bay Area gestartet wurde, ist das Arbeiten im Stehen. Das geht teilweise soweit, dass manche noch ein Laufband unter den Tisch stellen. Bei 2 Km/h wird dann gearbeitet.

    Für alle anderen wäre es schon hilfreich, das Auto stehen zu lassen und zu Fuß bzw. mit dem Fahrrad ins Geschäft zu fahren.

    Mal schauen, wie lange dieser Trend Arbeit+Sport noch so präsent ist.

    Jonas

    • Jan sagt:

      Hallo Jonas,

      ich könnte mir vorstellen, dass auch die Statistik zur täglichen Gehstrecke ziemlich verzerrt ist. 400 Meter kommt mir absurd wenig vor. So weit läuft man ja fast schon in der eigenen Wohnung wenn man mal einen Tag lang gar nicht vor die Haustür geht.

      Die einzige Möglichkeit um etwas Licht in diese Angelegenheit zu bringen scheint mir auch das Tracken mit Fitnessarmband zu sein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Menschen gut darin sind, solche Daten aus dem Gedächtnis abzuschätzen.

      Gruß Jan

  2. Nadja sagt:

    Hey Jan,
    toll, dass du dir auch einen Stehtisch angeschafft hast.
    Julia und ich haben schon lange einen und stehen ziemlich viel. Das schöne ist, dass man viel produktiver ist, denn auf das Stehen muss man sich tatsächlich konzentrieren. Das klingt im ersten Moment komisch, aber man kann die „Körperkontrolle“ wirklich nicht so gut „abschalten“ wie beim Sitzen. Nach einer Woche hat man sich übrigens dran gewöhnt.
    Mein Mann steht seit seinem ersten Bandscheibenvorfall vor 15 Jahren. Und ich sag’s mal so: er hat ordentliche Muskeln in den Beinen, ganz ohne Squats u.ä. Ein netter Nebeneffekt 🙂
    LG Nadja

    • Jan sagt:

      Hallo Nadja,

      danke für den Kommentar. Das mit den Muskeln kann ich insoweit bestätigen, als dass ich nach dem ersten Stehtag schon ziemlich erschöpft war. Bin gespannt wie es weitergeht.

      Gruß Jan

  3. Julia sagt:

    Um zu messen wie viel ich mich am Tag tatsächlich bewege (oder sitze) hat mir die Anschaffung eines „Activity Trackers“ (oder „Fitness Armbands“) geholfen. Jetzt weiß ich nicht nur, dass ich am Tag im Schnitt 9-10h im Sitzen und 4-5h im Stehen verbringe, sondern auch wir lange am Stück ich gesessen hab. Die meisten Armbänder haben sogar eine Funktion mit der du gewarnt wirst, wenn du zu lange gesessen hast. Mir hat das Armband geholfen meine „Sitzzeiten“ zu erkennen und zu minimieren. Den Stehtisch werde ich auch mal ausprobieren. (Leider sind Laufband-Schreibtische ja so teuer :C)

    • Jan sagt:

      Hallo Julia

      Danke für deinen Kommentar. So ein Fitnessarmband scheint eine super Sache zu sein. Daten mit technischer Hilfe zu messen ist meiner Meinung immer besser, als sich auf sein eigenes Gefühl zu verlassen. Darüber hatte ich auch schon einen Artikel geschrieben.

      Menschen tendieren dazu, sich (unbewusst) selbst zu betrügen. Jeder tut das, auch diejenigen, die glauben, dass sie es nicht tun 😉

      Gruß Jan

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