Die 10.000-Stunden-Regel ist falsch! (Neue For­schungs­er­geb­nisse)

10.000 Stunden Regel K Anders Ericsson Road to Excellence

Die berühmte 10.000-Stunden-Regel, wird meist so for­mu­liert:

Um exzel­lent zu werden (Exper­ten­sta­tus) musst du dich 10.000 Stunden lang mit einem Fach­ge­biet beschäf­ti­gen

Stimmt die 10.000-Stunden-Regel wirk­lich?

Nein, ganz so einfach ist es leider nicht!

Was jeder ange­hende Experte über die 10.000-Stunden-Regel wissen sollte, steht in diesem Artikel.

(Anstatt den Artikel zu lesen, kannst du dir auch mein Video angu­cken.)

Bevor wir uns näher mit der 10.000-Stunden-Regel beschäf­ti­gen, möchte ich zeigen, warum es über­haupt sinn­voll ist, einen Exper­ten­sta­tus auf irgend­ei­nem Fach­ge­biet anzu­stre­ben.

Jeder sollte ein Experte werden

Kein Erfolg ohne Exper­ten­wis­sen.

Um es im Leben weit zu bringen, braucht man ent­we­der großes Glück, oder man muss in irgend­et­was richtig gut sein.

Da sich Glück offen­sicht­lich nicht gezielt beein­flus­sen lässt, stellt die zweite Option den ein­zi­gen zuver­läs­si­gen Weg zum Erfolg dar.

Alle erfolg­rei­chen Men­schen zeich­net aus, dass sie kon­se­quent Metho­den zur Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung anwen­den, die ihnen dabei helfen, in dem was sie tun immer besser zu werden.

Wir befin­den uns in einem stän­di­gen Wett­be­werb

In unserer kom­pe­ti­ti­ven Welt erhal­ten die Gewin­ner oft nicht nur den grö­ße­ren Teil vom Kuchen, sondern den gesam­ten Kuchen.

Dass wir uns ständig im Wett­be­werb mit anderen Men­schen befin­den, gilt auch für Situa­tio­nen, in denen die Kon­kur­ren­ten nicht auf den ersten Blick sicht­bar sind.

Sobald es sich um eine Tätig­keit handelt, die dazu geeig­net ist, Geld zu ver­die­nen oder den sozia­len Status zu erhöhen, wird man immer in Kon­kur­renz­si­tua­tio­nen kommen.

Immer!

Was bedeu­tet das konkret?

Noch mehr Zeit und Mühe zu inves­tie­ren, um an der Kon­kur­renz vor­bei­zu­zie­hen, ist keine gute Stra­te­gie.

Ein gutes Motto unserer Zeit lautet:

Work smart, not hard! (Arbeite clever, nicht hart!)

Konkret: Man muss sein Hand­werk richtig gut beherr­schen!

10.000 Stunden

Die 10.000-Stunden-Regel stammt ursprüng­lich von dem schwe­di­schen Psy­cho­lo­gen K. Anders Erics­son und wurde durch den Best­sel­ler­au­tor Malcom Glad­well berühmt.

In den Medien wird die 10.000-Stunden-Regel meist nur sehr ober­fläch­lich und naiv behan­delt.

Es heißt, man müsse sich 10.000 Stunden lang mit einer Sache beschäf­ti­gen, um garan­tiert sehr gut in dieser Dis­zi­plin zu werden.

Daraus wird dann noch der Schluss gezogen, dass es so etwas wie Talent nicht geben kann.

Was die 10.000-Stunden-Regel tat­säch­lich besagt

Da ich mich sehr für dieses Thema inter­es­siere, habe ich mir vor einer Weile das Buch The Road to Excel­lence (*) von K. Anders Erics­son gekauft.

Abge­se­hen davon, dass 55 Euro für ein 370-sei­ti­ges Taschen­buch nicht gerade günstig ist, war ich von dem Buch begeis­tert.

Es handelt sich um eine Samm­lung wis­sen­schaft­li­cher Artikel zum Thema Exzel­lenz. Das Buch enthält viele Graphen, Tabel­len und vor allem Quel­len­an­ga­ben.

Erics­son und seine Kol­le­gen haben zum Bei­spiel diese Dis­zi­pli­nen unter­sucht:

  • Schach
  • Sport (Golf, Eis­kunst­lauf)
  • Musi­zie­ren
  • Ärzt­li­che Tätig­keit
  • Lesen
  • Künst­le­ri­sche Fer­tig­keit

In den Medien wird häufig behaup­tet, dass man sich nur 10.000 Stunden lang mit einer Sache beschäf­ti­gen muss, um wirk­lich gut darin zu werden.

Erics­son hat das so aber nie gesagt!

Die Vor­aus­set­zung ist bewuss­tes Üben (deli­be­rate Prac­tise)

Erics­son hatte nie davon gespro­chen, dass man sich nur irgend­wie 10.000 Stunden lang mit einer Sache beschäf­ti­gen muss. Er sprach immer von deli­be­rate Prac­tise, was auf Deutsch mit bewuss­tem Üben über­setzt werden kann.

Man sollte sich die Sache außer­dem nicht so vor­stel­len, dass nach 10.000 Stunden plötz­lich ein Schal­ter umge­legt wird und man von einem auf den anderen Tag ein Experte ist.

Man ver­bes­sert sich stetig oder in Form von kleinen Stufen. Die 10.000 Stunden sind also nur ein Richt­wert.

Mal dauert es länger und mal kürzer

Das Tempo, in dem sich die ent­spre­chende Fähig­keit ent­wi­ckelt, ist nicht für alle Men­schen gleich.

Des­we­gen könnte man (sehr vor­sich­tig) doch von Talent spre­chen. Einige Men­schen sind einfach etwas schnel­ler als andere.

Außer­dem hängt die Mög­lich­keit, sich zu ver­bes­sern, vom Lebens­al­ter ab.

Die Alters­ab­hän­gig­keit beruht laut Erics­son aber haupt­säch­lich darauf, dass die von ihm unter­such­ten Exper­ten mit zuneh­men­dem Alter immer weniger dazu in der Lage waren zu trai­nie­ren.

Die Gründe müssen nicht zwangs­weise kör­per­li­cher Natur sein. Mög­li­cher­weise hatten die Per­so­nen einfach nur Fami­lien gegrün­det, wodurch sich ihre Prio­ri­tä­ten ver­scho­ben.

Die 10.000-Stunden-Regel in der Praxis

Mein Taschen­rech­ner sagt, dass 10.000 Stunden genau 416 Tage sind.

Da aber niemand 24 Stunden pro Tag bewusst üben kann, können wir nicht auf diese Weise rechnen.

Es sind nur maximal 4 bis 5 Stunden pro Tag möglich

Erics­son hat her­aus­ge­fun­den, dass die unter­such­ten Exper­ten maximal 4 bis 5 Stunden pro Tag effek­tiv bewusst üben konnten.

Über diese Anzahl von Stunden hinaus ergibt sich keine nen­nens­werte Ver­bes­se­rung der Leis­tung. Pausen und Erho­lungs­pha­sen sind sehr wichtig.

Bei 4 Stunden täg­li­chem Üben und einem Ruhetag pro Woche, dehnen sich die 10.000 Stunden schon auf knapp 7 Jahre aus.

(Grob geschätzt habe ich in meiner Jugend etwa diese Anzahl von Stunden auf dem Bas­ket­ball­platz ver­bracht. Da wir damals aber nur gespielt, und nicht bewusst geübt hatten, habe ich mich über diesen Zeit­raum nicht nen­nens­wert gestei­gert.)

Die Ent­wick­lung geht jen­seits der 10.000 Stunden weiter

Die Ent­wick­lung ist nach 10.000 Stunden kei­nes­falls abge­schlos­sen.

Erstens kann man sich auch jen­seits der 10.000 Stunden noch stei­gern (Schach­groß­meis­ter ist man bei­spiels­weise erst nach rund 30.000 Stunden) und zwei­tens ist es not­wen­dig, wei­ter­hin zu üben, um das Niveau zu halten und das Gelernte nicht wieder zu ver­ler­nen.

10.000 Stunden bewuss­tes Üben ist keine Garan­tie

Im Sport zeigte sich, dass bewuss­tes Üben zwar eine not­wen­dige, aber keine hin­rei­chende Vor­aus­set­zung für großen Erfolg ist.

Man kann die Pokale und Titel nicht erzwin­gen. Nicht jeder hat das Zeug zu einem Cham­pion.

Trainer und Men­to­ren erfül­len eine Schlüs­sel­rolle

Laut Erics­son besteht die Schwie­rig­keit vor allem darin, zu erken­nen, wie man trai­nie­ren bezie­hungs­weise üben muss, um sich über­haupt ver­bes­sern zu können.

Bewuss­tes Üben ist eine Kunst für sich

Es geht darum, sich auf Ziele und Auf­ga­ben zu kon­zen­trie­ren und effek­tiv Feed­back zu gene­rie­ren, an dem der Fort­schritt gemes­sen werden kann.

Einfach ins Blaue hinein zu üben, macht wenig Sinn. Hier sieht man schon, wie wichtig Trainer und Men­to­ren sind.

Erics­son bezeich­net Coa­ching als einen der kri­ti­schen Fak­to­ren, wobei die Wich­tig­keit von Coa­ching durch­aus von der jewei­li­gen Dis­zi­plin abhängt.

Je nütz­li­cher das Feed­back, welches der Experte durch sein Trai­ning erhält, umso eher kann auf einen Coach ver­zich­tet werden. Schach lässt sich laut Erics­son auch ohne Trainer meis­tern.

Die 10.000 Stunden Regel. Bei Spielen wie Schach gilt sie noch am ehesten

Wer Experte werden möchte, muss sich fokus­sie­ren

Welche Schluss­fol­ge­rung kann man aus all dem ziehen?

Wenn man sehr gut in einer bestimm­ten Dis­zi­plin werden möchte, muss man sich voll und ganz auf diese Sache kon­zen­triert. Man braucht Fokus!

Man hat in seinem Leben nicht die Mög­lich­keit, in beson­ders vielen Dingen beson­ders gut zu werden.

Die Stei­ge­run­gen werden mit zuneh­men­dem Fort­schritt immer kleiner. Das macht es umso schwie­ri­ger, am Üben dran­zu­blei­ben.

(Wenn du selbst fokus­sier­ter und kon­zen­trier­ter werden möch­test, könnte mein gratis eBook-Bundle ein guter Ein­stieg für dich sein.)

Was dahin­ter­steckt: Die bio­lo­gi­sche Grund­lage der 10.000-Stunden-Regel

Warum muss man über­haupt üben?

Dazu steht in Erics­sons Buch nur, dass ver­mut­lich irgend­et­was mit der Hard­ware (dem Gehirn) pas­sie­ren muss.

Genaue­res steht in einem anderen Buch: The Talent Code (*) von Daniel Coyle.

Durch das Üben werden die Schalt­kreise im Gehirn opti­miert

Dies geschieht dadurch, dass häufig benutzte Ner­ven­bah­nen nach und nach mit einem fett­rei­chen Protein (Myelin) umman­telt werden, wodurch sich die Über­tra­gungs­ge­schwin­dig­keit der ent­spre­chen­den Ner­ven­bahn dras­tisch erhöht.

Dieser Prozess ist lang­wie­rig. Daher muss so lange trai­niert werden.

Etwas falsch zu lernen ist kost­spie­lig

Der Mecha­nis­mus macht deut­lich, dass es wichtig ist, zu kon­trol­lie­ren, dass man nicht das falsche übt. Myelin kennt den Unter­schied nicht.

Sich etwas falsch Gelern­tes wieder abzu­ge­wöh­nen, dauert etwa 10mal so lange, wie etwas neues zu lernen.

Es emp­fiehlt sich daher, die Dinge von Anfang an richtig zu lernen.

Inter­es­sante Bücher zu diesem Thema

K. Anders Erics­son – The Road to Excel­lence (*)

Das Buch ist aus den 90er Jahren und mit über 50 € für ein Taschen­buch auch relativ teuer. Trotz­dem ist das Buch meiner Meinung nach auch heute noch lesens­wert, vor­aus­ge­setzt man möchte ganz genau wissen wie Men­schen in den ver­schie­dens­ten Dis­zi­pli­nen (Schach, Sport, Musik, Lesen etc.) extrem starke Fähig­kei­ten erlan­gen können.


Daniel Coyle – The Talent Code (*)

Bei diesem Buch handelt es sich um ein popu­lär­wis­sen­schaft­li­ches Buch, welches an das Buch „The Road to Excel­lence“ von K. Anders Erics­son anknüpft.

Es geht um den bio­che­mi­schen Hin­ter­grund der 10.000-Stunden-Regel: Myelin. Es handelt sich um ein Fett, welches sich an häufig benutzte Ner­ven­bah­nen anla­gert. Diese Ner­ven­bah­nen sind dadurch in der Lage, Impulse um ein Viel­fa­ches schnel­ler zu über­tra­gen als ohne diese Sub­stanz. Wer eine Tätig­keit immer wieder übt, lagert dabei immer mehr Myelin an.

Neuere Daten wider­le­gen die naive Form der 10.000-Stunden-Regel end­gül­tig

Im Jahr 2014 erschien eine Meta­stu­dien von Mac­na­mara et al von der Prince­ton Uni­ver­si­tät, die dem ganzen Thema leider einen Dämpfer ver­passt.

Laut dieser Studie (Meta­stu­dien sind sehr aus­sa­ge­kräf­tig) kann bewuss­tes Üben nur einen Bruch­teil der Varianz von Leis­tung („Per­for­mance“) erklä­ren.

Mcnamara et al 2014

Meta­stu­die von Mac­na­mara et al (2014) | Sie ver­passt der Theorie vom bewuss­ten Üben einen Dämpfer. Damit ist die 10.000-Stunden-Regel in ihrer naiven Form end­gül­tig wider­legt.

Im Ein­zel­nen konnte bewuss­tes Üben fol­gende Anteile an der beob­ach­te­ten Varianz erklä­ren:

  • Spiele – 26%
  • Musi­zie­ren – 21%
  • Sport – 18%
  • Bildung – 4%
  • Beruf – weniger als 1%

Die Autoren schlie­ßen aus diesen Ergeb­nis­sen, dass bewuss­tes Üben zwar wichtig ist, aber nicht so wichtig, wie bisher ange­nom­men.

(Wenn du erfah­ren möch­test, worauf es neben dem bewuss­ten Üben auch noch ankommt, dann lade dir mein gratis eBook die 8 Säulen von Erfolg her­un­ter.)

Dr. Jan Höpker - Foto Autorenbox

Hallo, ich bin Jan Höpker

Ich habe Chemie stu­diert und in Bio­che­mie pro­mo­viert. Im Mai 2015 habe ich Habit­Gym gegrün­det. Mitt­ler­weile hat die Web­seite über 25.000 monat­li­che Leser und über 1.000 Men­schen lesen meinen News­let­ter.

In meinem Buch Erfolg durch Fokus & Kon­zen­tra­tion beleuchte ich den nach­weis­lich wich­tigs­ten Erfolgs­fak­tor FOKUS tief­grün­dig und pra­xis­nah.

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4.6/5 (10)

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3 Antworten auf Die 10.000-Stunden-Regel ist falsch! (Neue For­schungs­er­geb­nisse)

  1. Pingback: Scheiß auf Talente! Dein Schicksal bestimmst du selbst. - Pionierimpulse

  2. Hallo Jan!

    Habit­Gym ist wirk­lich eine tolle Website mit vielen span­nen­den und auf­schluss­rei­chen Arti­keln – herz­li­chen Glück­wunsch!
    Zur 10.000 Stunden Regel ist mir die Aussage des Neu­ro­wis­sen­schaft­lers Gerald Hüther ein­ge­fal­len. Er meint, wir sind nur erfolg­reich, wenn wir etwas mit Freude tun, begeis­tert sind oder einen Sinn darin finden. Sein Bei­spiel: Auch mit 80 Jahren kann man noch Chi­ne­sisch lernen – wenn man sich in eine junge Chi­ne­sin ver­liebt und mit ihr nach China ziehen möchte. Eine weitere Erklä­rung habe ich bei „Quarks und Co“ auf der Seite des WDR gefun­den „Wie wir lernen“ – eine ziem­lich gute und ver­ständ­li­che Zusam­men­fas­sung über die Funk­tion unseres Gehirns.
    Kurzes Fazit: Beim Lernen belohnt sich das Gehirn für jeden Erfolg durch die Aus­schüt­tung von Dopamin, was wie­derum als eine Art Ver­stär­ker wirkt. Wenn uns das Üben keinen Spaß macht oder wir keinen Sinn darin sehen, ist der Erfolg auch keine Beloh­nung und die Dopamin-Aus­schüt­tung bleibt aus. So könnte ich es mir erklä­ren. Aber auch die Neu­ro­wis­sen­schaf­ten stecken ja noch in den Kin­der­schu­hen, in ein paar Jahren weiß man viel­leicht mehr.

    Danke für die Anre­gun­gen!
    Gerda

    • Jan sagt:

      Hallo Gerda!

      Danke für das Lob. Das freut mich sehr.

      Die Punkte, die du ange­spro­chen hast sind auch sehr wichtig.

      Gruß Jan

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