10.000-Stunden-Regel: Deli­be­rate Practice macht den Meister?

Zuletzt aktua­li­siert am 11. Juli 2019 von Dr. Jan Höpker.

10.000 Stunden Regel K Anders Ericsson Road to Excellence

Im 21. Jahr­hun­dert bekommen die Eliten aller Diszi­plinen nicht mehr nur das größte Stück vom Kuchen; sie erhalten den gesamten Kuchen. Und dieje­nigen, die unten die übrig geblie­benen Krümel aufsam­meln, fragen sich: Wie komme ich an die Spitze dieser Pyramide? Seit 2008 gehört die 10.000-Stunden-Regel zu den häufigsten Antworten:

»Übe 10.000 Stunden und du wirst garan­tiert zu einem Meister, Experten oder Champion. Du schaffst es nach ganz oben, wenn du nur ausrei­chend übst.«

Diese Behaup­tung ist offen­sicht­lich naiv und wird deswegen völlig zu Recht scharf kriti­siert. Doch leider schießt die meiste Kritik über das Ziel hinaus und trifft außerdem den Falschen. Es wäre dumm, all die wert­vollen Erkennt­nisse über den Weg nach oben an die Spitze der Pyramide vom Tisch zu wischen, nur weil ein Jour­na­list eine naive Faust­formel verbreitet hat.

Woher stammt die 10.000-Stunden-Regel?

Die 10.000-Stunden-Regel tauchte erstmals 2008 in Malcom Gladwells Best­seller Über­flieger auf. Häufig wird aber nicht Gladwell, sondern der schwe­di­sche Psycho­loge K Anders Ericsson ange­griffen, auf dessen Arbeiten Gladwells Stun­den­regel beruht. Ericsson selbst hat sich von Gladwells verein­fachter Darstel­lung distan­ziert:

»[Die 10.000-Stunden-Regel ist eine] popu­la­ri­sierte, aber verein­fachte Sicht auf unsere Arbeit, die sugge­riert, dass jeder, der eine ausrei­chende Anzahl von Stunden Praxis in einer bestimmten Disziplin gesammelt hat, auto­ma­tisch zu einem Experten oder Champion wird.«

Tatsäch­lich gibt die 10.000-Stunden-Regel Ericssons Forschungs­er­geb­nisse nicht nur stark verein­facht wieder, sondern wider­spricht ihr sogar in einem entschei­denden Punkt: Gladwell sugge­riert, dass es auf die Anzahl der Übungs­stunden ankäme, also auf die Quantität. Zu Ericssons wich­tigsten Erkennt­nissen gehörte aber, dass die Qualität der Übung das Entschei­dende ist.

Kritik an der 10.000-Stunden-Regel

Die 10.000-Stunden-Regel ist insofern wahr, als dass Übung eine zwingend notwen­dige Voraus­set­zung für alles ist. Es gibt keinen Meister, Experten oder Champion, der nicht intensiv geübt, gelernt oder trainiert hat. Das trifft auch auf vermeint­liche Natur­ta­lente wie Wolfgang Amadeus Mozart zu, der aktuellen Schät­zungen zufolge im Alter von nur sechs Jahren bereits 3.500 Stunden Musik­trai­ning hinter sich hatte (Quelle).

Wie viel sind 10.000 Stunden?

Rein technisch betrachtet sind 10.000 Stunden 417 Tage. Wenn wir davon ausgehen, dass auch der ambi­tio­nier­teste Mensch pro Tag maximal vier Stunden intensiv üben kann, und auch mal krank ist oder Urlaub macht, entspre­chen 10.000 Stunden rund zehn Jahren.

Falsch ist, dass jeder Mensch ein Meistern, Experte oder Champion werden kann, und dass dieses Ziel nach der immer gleichen Anzahl von Trai­nings­stunden erreicht ist. Letzteres stimmt nicht einmal annähernd. Fernand Gobet und Guillermo Campi­telli haben die Fort­schritte von 104 argen­ti­ni­scher Schach­spieler verfolgt und dabei fest­ge­stellt, dass die lang­samsten Spieler 8‑mal so viele Stunden brauchten, um das Meister-Niveau zu erreichen, wie die schnellsten Spieler (Quelle).

Jeder Mensch kann sich in jeder Disziplin verbes­sern, aber manchmal reicht das nicht, weil die Fort­schritte so langsam kommen, dass das Lebens­ende näher ist, als die Meis­ter­schaft – so hart das auch klingen mag. In einer anderen Disziplin, die mehr ihren Bega­bungen entspricht, könnten diese Menschen natürlich trotzdem sehr erfolg­reich werden.

An dieser Tatsache können auch schöne Geschichten, wie zum Beispiel die des Ungarn László Polgár, wenig ändern. Der ausge­bil­dete Pädagoge war davon überzeugt, dass Kinder sehr schnell lernen können, wenn man sie syste­ma­tisch fördert. Um diese Hypothese zu beweisen, brachte er seinen drei Töchtern Zsuzsa, Zsófia und Judith das Schach­spielen bei. Alle drei wurden extrem erfolg­reich. Die jüngste Tochter Judith Polgár gilt sogar als spiel­stärkste Frau aller Zeiten. Diese Geschichte ging vor allem deswegen um die Welt, weil es nicht die Regel, sondern ein Einzel­fall ist.

Nicht alle Expe­ri­mente enden mit einem Erfolg. 2010 ging der Fotograf Dan McLaughlin all-in: Er kündigte seinen Job, um 10.000 Stunden das Golf Spielen zu üben. Auf seinem Blog The Dan Plan konnte man seine Fort­schritte verfolgen. Nach etwa 5.000 Stunden gehörte er mit einem Handicap von 2,6 zu den besten 6 % aller Golf­spieler. Noch besser wurde er nicht. Nach 6.003 Stunden gab McLaughlin auf.

Deli­be­rate Practice (anstatt 10.000 Stunden)

Schon 1993 hatte der schwe­di­sche Psycho­loge K Anders Ericsson zusammen mit Rolf Krampe und Clemens Tesch-Römer an der Berliner Musik­aka­demie Violi­nisten unter­sucht. Die besten unter ihnen hatten im Alter von etwa 20 Jahren bereits rund 10.000 Übungs­stunden hinter sich. Sie waren sehr gut, aber noch weit davon entfernt heraus­ra­gend zu sein. Später haben Ericsson und seine Kollegen auch andere Diszi­plinen unter die Lupe genommen, darunter Schach­spieler, Golfer, Eiskunst­läufer, Ärzte und Künstler. Ihre wich­tigste Erkenntnis lautet: Die Resultate hängen ganz entschei­dend davon ab, wie geübt wird. Nur eine ganz bestimmte Art zu üben kann zur Meis­ter­schaft führen: Deli­be­rate Practice.

Was ist Deli­be­rate Practice?

Auf Deutsch übersetzt bedeutet Deli­be­rate Practice bewusstes oder gezieltes Üben. Im Kern geht es darum, nicht einfach nach Lust und Laune zu üben, sondern ganz gezielt nach Schwächen zu suchen, um diese mit spezi­ellen Übungen auszu­merzen. In den meisten Diszi­plinen braucht man einen Coach, Trainer oder Mentor, der auf die Schwach­stellen hinweist – man selbst ist dafür blind.

Deli­be­rate Practice ist extrem anstren­gend, weshalb man nach spätes­tens vier Stunden erschöpft ist und bis zum nächsten Tag pausieren muss. Wer von seiner Disziplin nicht extrem motiviert ist und außerdem jemanden hat, der ihm den Rücken freihält, hält das keine zehn Jahre lang durch.

Warum muss man überhaupt üben?

Für diese Frage scheint sich Ericsson nicht sonder­lich inter­es­siert zu haben, denn in seinem Buch (siehe unten) steht lediglich, dass »vermut­lich irgend­etwas im Gehirn passieren muss«. Genaueres kann man von Daniel Coyle erfahren. In seinem Buch The Talent Code* wird erklärt, dass häufig genutzte Nerven­bahnen im Gehirn nach und nach mit dem fett­rei­chen Protein Myelin ummantelt werden, wodurch deren Über­tra­gungs­ge­schwin­dig­keit (drastisch) erhöht wird. Da es so viele Nerven­bahnen gibt und weil diese mehrfach aktiviert werden müssen, bevor sie voll­ständig myeli­ni­siert sind, muss so lange geübt bzw. trainiert werden.

Buch­emp­feh­lung

Die Forschungs­er­geb­nisse von K Anders Ericsson gibt es auch als Buch: The Road to Excel­lence*. Es ist kein Ratgeber oder Sachbuch, sondern eine Sammlung wissen­schaft­li­cher Aufsätze mit vielen Tabellen und Grafiken. Zwar ist das 370-seitige Taschen­buch mit 55 Euro nicht gerade billig, aber im Vergleich zu Büchern wie Malcom Gladwells Über­flieger ist der Infor­ma­ti­ons­ge­halt enorm. Für jeden, der sich für das Thema inter­es­siert, ist das Geld gut inves­tiert.

Ist Deli­be­rate Practice ein Erfolgs­ga­rant?

Auch Deli­be­rate Practice führt nicht zwangs­läufig zur Meis­ter­schaft. In einer Meta­studie haben Brooke Macnamara und Kollegen von der Princeton Univer­sity unter­sucht, welchen Anteil Deli­be­rate Practice am Erfolg der besten der besten aus verschie­denen Diszi­plinen hat. Das Ergebnis:

  • Spiele (z. B. Schach): 26 %
  • Musi­zieren: 21 %
  • Sport: 18 %
  • Bildung: 4 %
  • Beruf: weniger als 1 %

Exper­tentum ist nicht absolut, sondern relativ, d. h. wir betrachten Menschen als Experten, wenn sie mehr wissen und/oder können als die meisten anderen Menschen. Folglich ist es sehr viel einfacher, in einer Disziplin heraus­zu­ragen, für die sich kaum jemand inter­es­siert, als in einer Disziplin, in der sich viele Mitbe­werber tummeln. Kein Wunder, dass Deli­be­rate Practice im Beruf nur zu etwa 1 % für den indi­vi­du­ellen Erfolg verant­wort­lich ist.

P. S.: Der Weg zur Meis­ter­schaft ist lang. Die viel­leicht wich­tigste Grund­vor­aus­set­zung, um am Ball zu bleiben, ist Fokus und Konzen­tra­tion. Um es kurz zu machen: Lies mein Buch Erfolg durch Fokus & Konzen­tra­tion, um dein Ziel sicher zu erreichen. Für Lese­muffel gibt es auch eine Hörbuch-Version.
Ich wünsche dir viel Erfolg!
Jan Höpker

Dr. Jan Höpker - Foto Autorenbox

Über Dr. Jan Höpker

Eines Tages wachte ich auf und stellte fest, dass ich über viele spannende Themen nicht nur nichts wusste, sondern nicht einmal wusste, dass ich nichts über sie wusste (trotz Studium und Promotion). Seitdem lese ich viele schlaue Bücher und mache mir Gedanken, die ich auf dieser Webseite veröf­fent­liche.

Meine Artikel gehen in die Tiefe, weil ich für Ober­fläch­lich­keit keine Zeit habe. Warum die Seite HabitGym heißt? Weil es nicht darum geht, Dinge nur zu wissen, sondern Wissen auch anzu­wenden, was einiger Übung bedarf. Auch Geld ist nur ein Werkzeug, nicht mehr und nicht weniger. Zurzeit arbeite ich übrigens an meiner zweiten Million – die erste Million hat leider nicht geklappt ;)

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P.S.: Mitt­ler­weile habe ich selbst einige Bücher geschrieben (siehe hier).

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3 Antworten auf 10.000-Stunden-Regel: Deli­be­rate Practice macht den Meister?

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  2. Hallo Jan!

    HabitGym ist wirklich eine tolle Website mit vielen span­nenden und aufschluss­rei­chen Artikeln – herz­li­chen Glück­wunsch!
    Zur 10.000 Stunden Regel ist mir die Aussage des Neuro­wis­sen­schaft­lers Gerald Hüther einge­fallen. Er meint, wir sind nur erfolg­reich, wenn wir etwas mit Freude tun, begeis­tert sind oder einen Sinn darin finden. Sein Beispiel: Auch mit 80 Jahren kann man noch Chine­sisch lernen – wenn man sich in eine junge Chinesin verliebt und mit ihr nach China ziehen möchte. Eine weitere Erklärung habe ich bei »Quarks und Co« auf der Seite des WDR gefunden »Wie wir lernen« – eine ziemlich gute und verständ­liche Zusam­men­fas­sung über die Funktion unseres Gehirns.
    Kurzes Fazit: Beim Lernen belohnt sich das Gehirn für jeden Erfolg durch die Ausschüt­tung von Dopamin, was wiederum als eine Art Verstärker wirkt. Wenn uns das Üben keinen Spaß macht oder wir keinen Sinn darin sehen, ist der Erfolg auch keine Belohnung und die Dopamin-Ausschüt­tung bleibt aus. So könnte ich es mir erklären. Aber auch die Neuro­wis­sen­schaften stecken ja noch in den Kinder­schuhen, in ein paar Jahren weiß man viel­leicht mehr.

    Danke für die Anre­gungen!
    Gerda

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