Carnitin

Geschrieben am 10. Mai 2020 von Dr. Jan Höpker.

Carnitin spielt eine wichtige Rolle im Ener­gie­stoff­wechsel, genauer gesagt beim Transport von Fett­säuren innerhalb der Zellen. Carnitin reagiert mit Fett­säuren, wodurch soge­nannte akti­vierte Fett­säuren entstehen. Nur in dieser Form können Fett­säuren durch die Mito­chon­dri­en­mem­bran trans­por­tiert werden. (Im Inneren der Mito­chon­drien werden die Fett­säuren zur Ener­gie­ge­win­nung genutzt.)

Der mensch­liche Körper nimmt Carnitin haupt­säch­lich über Fleisch auf, kann es aus den Amino­säuren Methionin und Lysin jedoch auch selbst bilden. Für die Synthese, die in der Leber statt­findet, braucht der Körper Vitamin C, Vitamin B6, Niacin (Vitamin B3) und Eisen. Carnitin-Defizite sind bei Vege­ta­riern und insbe­son­dere bei Veganern zu vermuten.

Carnitin ist ein bedingt essen­ti­eller Nährstoff, d.h. der Körper kann unter bestimmten Bedin­gungen nicht ausrei­chend davon herstellen. Über den Urin werden täglich etwa 20 mg Carnitin ausge­schieden. Vege­ta­rier und Veganer scheiden weniger aus.

Ein erwach­sener Mensch benötigt etwa 300 mg Carnitin pro Tag. Unter bestimmten Bedin­gungen (Krank­heiten, hohe Anfor­de­rungen an Körper und/oder Geist) kann der Bedarf auch höher sein.

Der mensch­liche Körper enthält insgesamt rund 20–25 g Carnitin, das sich fast ausschließ­lich in der Herz- und Skelett­mus­ku­latur befindet.

Carnitin ist der Ober­be­griff für eine Reihe von Verbin­dungen. Die wich­tigsten sind: L‑Carnitin, Acetyl-L-Carnitin (ALCAR) und Propionyl-L-Carnitin. In einer Studie aus dem Jahr 2004 wurden Patienten mit chro­ni­schem Erschöp­fungs­syn­drom 24 Wochen lang mit Acety-L-Carnitin, Propionyl-L-Carnitin oder der Kombi­na­tion aus beiden Formen (jeweils 2 g pro Tag) behandelt. Nach Gabe von Acetyl-L-Carnitin verbes­serte sich die mentale Erschöp­fung signi­fi­kant, während die Gabe von Propionyl-L-Carnitin der gene­rellen Erschöp­fung entge­gen­wirkte. Die Aufmerk­sam­keits­kon­zen­tra­tion verbes­serte sich in allen Gruppen (Quelle).

Die Gabe L‑Carnitin beein­flusst mehr als 70 Gene, darunter auch Enzyme des Zell­stoff­wech­sels (Citrat-Zyklus, beta-Oxidation, Fett­stoff­wechsel). Die Funktion von Carnitin ist nicht nur die eines Fett­säu­re­trans­por­ters (Quelle).

Mögli­cher­weise wirkt sich die Gabe von Acetyl-L-Carnitin positiv auf den Spiegel von Neuro­trans­mit­tern (Serotonin und Norad­re­nalin) und damit auf die Stimmung auf aus. Eine entspre­chende Wirkung wurde an Mäusen fest­ge­stellt (Quelle).

Mögli­cher­weise wirkt sich die Gabe von Acetyl-L-Carnitin auch positiv auf die Level neuraler Wachs­tums­fak­toren aus. Niedrige Spiegel von Neuro­trans­mit­tern und Wachs­tums­fak­toren werden mit Depres­sion in Verbin­dung gebracht. Kann Acetyl-L-Carnitin bei Depres­sion helfen? Bei Mäusen konnten entspre­chende Effekte erreicht werden (Quelle).

Kann die Einnahme von L‑Carnitin depres­siven Menschen helfen?

Im Rahmen einer place­bo­kon­trol­lierten Studie aus dem Jahr 1990 erhielten 14 depres­sive Patienten im Altern von 70 bis 80 Jahren dreimal täglich je 500mg Acetyl-L-Carnitin in Tablet­ten­form. Durch die Gabe des Wirk­stoffs konnte den Symptome der Depres­sion erfolg­reich entge­gen­ge­wirkt werden (Quelle).

Bei Patienten mit bipolarer Depres­sion zeigte Acetyl-L-Carnitin keine Wirkung (Quelle).

Dysthymie (Dysthymia) bezeichnet eine lang­an­hal­tende depres­sive Verstim­mung, die man – etwas verein­facht gespro­chen – als leichte Depres­sion betrachten kann. Die Symptome beider Erkran­kungen sind ähnlich, jedoch sind sie bei einer Dysthymie weniger ernst als bei einer (echten) Depres­sion. Dafür bestehen die Symptome der Dysthymie in der Regel über einen längeren Zeitraum. In vielen Fällen bleibt Dysthymie unent­deckt, da die Symptome der Persön­lich­keit zuge­schrieben werden.

In einer Doppel­blind­studie aus dem Jahr 2006 wurde die Wirk­sam­keit von Acetyl-L-Carnitin mit der von Amisul­prid vergli­chen. Bei beiden Gruppen konnte innerhalb des Studi­en­zeit­raumes von 12 Wochen eine solide Verbes­se­rung der Symptome gemessen werden (Quelle).

In einer Doppel­blind­studie aus dem Jahr 2013 wurde die Wirk­sam­keit von L‑Acetyl-Carnitin mit der von tradi­tio­nellen Anti­de­pres­sive wie Fluoxetin bei älteren Menschen mit Dysthymie vergli­chen. Die beiden Wirk­stoffe führten zu ähnlichen Verbes­se­rungen (Quelle).

Acetyl-L-Carnitin hat gegenüber den meisten anderen Wirk­stoffen den Vorteil, dass es besser verträg­lich ist. Ob ALCAR auch bei jüngeren Menschen gut wirkt, ist unklar. In Tier­ver­su­chen war die Wirkung bei älteren Tieren besser (Quelle).

Im Rahmen einer Meta-Studie aus dem Jahr 2003 wurden place­bo­kon­trol­lierte Studien zusam­men­ge­fasst, die die Wirkung der Gabe von Acetyl-L-Carnitin bei Patienten mit mildem Alzheimer unter­sucht hatten. Im Vergleich mit dem Placebo wurde ein signi­fi­kanter Vorteil von Acetyl-L-Carnitin gefunden (Quelle).

In einer place­bo­kon­trol­lierten Doppel­blind­studie aus dem Jahr 1988 wurden ältere Patienten mit leichter geistiger Beein­träch­ti­gung mit Acetyl-L-Carnitin behandelt. Obwohl sich die Test­ergeb­nisse der mit ALCAR behan­delten Patienten kaum von den Ergeb­nissen der Place­bo­gruppe unter­schieden, berichten die Autoren von signi­fi­kant positiven Ergeb­nissen, unter anderem im Gedächtnis- und Aufmerk­sam­keits­test (Quelle).

Wegen seiner stimu­lie­renden Wirkung sollte die Einnahme von ALCAR morgens oder mittags erfolgen.

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