Cholin

Geschrieben am 11. Mai 2020 von Dr. Jan Höpker.

Cholin ist ein primärer einwer­tiger Alkohol und eine quartäre Ammo­ni­um­ver­bin­dung. Cholin ist Bestand­teil der Phos­pho­li­pide Phos­pha­ti­dyl­cho­line (Lecithine), die Bestand­teil der Zell­mem­branen von uns Menschen sind. Neben ihrer struk­tur­bil­denden Eigen­schaft haben Lecithine zahl­reiche weitere Aufgaben im Körper. Zum Beispiel bildet Cholin den Neuro­trans­mitter Acetyl­cholin, der eine wichtige Rolle bei der Aufrecht­erhal­tung von Aufmerk­sam­keit und beim Lernen und Bilden von Erin­ne­rungen spielt (Quelle1 Quelle2).

Einige tierische Orga­nismen sind nicht in der Lage, Cholin selbst herzu­stellen. Der Mensch zählt jedoch nicht dazu. Sofern unsere Nahrung Methionin und Folsäure enthält, produ­ziert unser Körper Cholin. Die Mengen, die auf diesem Wege herge­stellt werden, reichen jedoch vermut­lich nicht aus, um den Bedarf zu decken, weshalb wir weiteres Cholin über die Nahrung aufnehmen müssen. Cholin kommt beispiels­weise in Eigelb, Rinder- und Hühner­leber, Speck, Hühner­brust, Schwei­ne­fleisch, Kabeljau, Soja­bohnen und Spinat vor (Quelle). Wie man leicht erkennen kann, laufen insbe­son­dere Vege­ta­rier und Veganer Gefahr, einen Cholin-Mangel zu erleiden.

Wie viel Cholin sollte man über die Nahrung zuführen? Bislang konnte diese Frage noch nicht eindeutig geklärt werden, weshalb sich die Deutsche Gesell­schaft für Ernährung (DGE) mit einer Empfeh­lung zurück­hält. Das Food and Nutrition Board geht von rund 7 mg pro Kilogramm Körper­ge­wicht aus. Für durch­schnitt­liche Erwach­sene ergibt sich damit eine tägliche Zufuhr­menge von 425–550 mg (Cholin), die im Rahmen einer normalen Ernäh­rungs­weise auto­ma­tisch erreicht wird (Quelle).

Eine Studie aus dem Jahr 2007 kam zu dem Ergebnis, dass Menschen, in Abhän­gig­keit von ihrem Geschlecht, Alter und ihrer gene­ti­schen Ausstat­tung, mögli­cher­weise unter­schied­lich viel Cholin benötigen (Quelle). Die Wahr­schein­lich­keit, dass Träge­rinnen eines bestimmten Gens (MTHFD1), die sich vor der Menopause befinden, einen Cholin-Mangel haben, ist im Vergleich zu Frauen, die dieses Gen nicht tragen, um den Faktor 15 erhöht (Quelle).

Wer nicht in ausrei­chender Menge chol­inhal­tige Nahrungs­mittel verzehrt, kann auf verschie­dene Nahrungs­er­gän­zungs­mittel zurück­greifen: Alpha-GPC, CDP-Cholin, Cholinbit­artrat, Lecithin. Cholinbit­artrat ist am güns­tigsten – Alpha-GPC oder CDP-Cholin sind vermut­lich am besten.

CDP-Cholin (auch Citicolin genannt) ist ein Nukleo­tid­di­phos­phat. Die Base Cytosin ist über einen Phos­phor­säu­re­ester mit einem Cholinmo­lekül verknüpft. CDP-Cholin ist ein Zwischen­pro­dukt des Zell­mem­bran­stoff­wech­sels, genauer gesagt handelt es sich um den limi­tie­renden Schritt der Synthese von Phos­pha­ti­dyl­cholin.

Supple­men­tiertes CDP-Cholin wird noch im Darm hydro­ly­siert und als Cholin und Cytidin (= Nukleosid bestehend aus Cytosin und beta-D-Ribose) absor­biert. Beide Stoffe werden weiter verstoff­wech­selt und gelangen über die Blut-Hirn-Schranke ins Gehirn, wo sie zu CDP-Cholin resyn­the­ti­siert werden.

Schon seit über 30 Jahren wird CDP-Cholin zur Schlag­an­fall­be­hand­lung verwendet. CDP-Cholin wird eine nootro­pi­sche Eigen­schaft zuge­schrieben. Angeblich kann es kognitive Eigen­schaften wie Denk­leis­tung und Fokus verbes­sern.

Eine Behand­lung älterer Menschen mit CDP-Cholin konnte deren Phos­pho­lipid-Synthese-Rate erhöhen (Quelle).

In einer place­bo­kon­trol­lierten Doppel­blind­studie aus dem Jahr 1993 wurde Studenten entweder Phos­pha­ti­dyl­cholin (in einer Menge, die rund 3,75 g Cholin entsprach) oder ein Placebo verab­reicht. 90 Minuten später wurde eine Lern­auf­gabe durch­ge­führt, bei der dieje­nigen Probanden, die Cholin erhalten hatten, signi­fi­kant besser abschnitten (Quelle).

Für eine soge­nannte Cross­over­studie wurden nur solche Probanden ausge­wählt, deren Gedächt­nis­leis­tung in einer voran­ge­gan­genen Studie als unter­durch­schnitt­lich klas­si­fi­ziert worden war. Das Alter der Probanden erstreckte sich von 50 bis 85 Jahren. Im Rahmen einer 2‑monatigen Therapie mit CDP-Cholin (2000 mg pro Tag) kam es zu einer Verbes­se­rung ihrer Gedächt­nis­leis­tung.

In einer place­bo­kon­trol­lierten Doppel­bin­lind­studie aus dem Jahr 2012 sollte die poten­ziell positive Wirkung von CDP-Cholin auf die Aufmerk­sam­keits­leis­tung von gesunden erwach­senen Frauen unter­sucht werden. Nach einer 28-tägigen Supple­men­ta­tion von täglich 250 mg oder 500 mg CDP-Cholin schnitten die Proban­dinnen in einem Leis­tungs­test signi­fi­kant besser ab als die Placebo-Gruppe (Quelle).

>