Aus diesen 3 Faktoren errechnet sich deine Unzu­frie­den­heit

Chronische Unzufriedenheit TitelDie Hälfte der Deutschen sind unzu­frieden, obwohl es uns objektiv betrachtet gutgeht.

Wie können Menschen in ärmeren Ländern mit deutlich weniger zufrie­dener sein?

Das scheint paradox, macht aber Sinn, sobald man verstanden hat, wie Zufrie­den­heit funk­tio­niert.

Jeder Hartz-IV-Empfänger hat Reich­tümer, von denen die reichsten Menschen vor  200 Jahren noch nicht einmal träumen konnten:

  • Seit über 70 Jahren kein Krieg mehr im eigenen Land
  • Dank Anti­bio­tika sind bakte­ri­elle Infek­tionen keine tödliche Gefahr mehr
  • Energie kommt aus der Steckdose

Sind die Deutschen alle über­ge­schnappt?

Nein, wir sind nicht über­ge­schnappt. Viele Menschen verstehen nur nicht, wie die Unzu­frie­den­heit funk­tio­niert und was ihr Ziel ist.

Unzu­frie­den­heit ist ein Natur­ge­setz

Solange man uns keine Drogen ins Trink­wasser mischt, wird ein großer Teil der Bevöl­ke­rung unzu­frieden sein – immer!

Das einzige was sich ändern kann, ist die Inten­sität der Unzu­frie­den­heit (und welche einzelnen Personen unzu­frieden sind).

Unzu­frie­den­heit ist ein soziales Gefühl

Es gibt etwa 400 verschie­dene Gefühle. Viele dieser Gefühle sind dazu da, unser soziales Mitein­ander zu orga­ni­sieren: Eifer­sucht, Vertrauen, Hass, usw. Auch Zufrie­den­heit und Unzu­frie­den­heit haben eine soziale Kompo­nente:

Unzu­frie­den­heit gleicht die Ambi­tionen der Mitglieder einer Gruppe an.

Wenn wir uns das Leben als einen 100-Meter-Lauf vorstellen, dann sorgen Zufrie­den­heit und Unzu­frie­den­heit dafür, dass wir alle ungefähr zeit­gleich ins Ziel kommen. Wer in Führung liegt, dem nimmt die Zufrie­den­heit den Wind aus den Segeln, und wer zurück­fällt, wird von der Unzu­frie­den­heit dazu ange­sta­chelt, etwas schneller zu laufen, um aufzu­holen.

Man hat beob­achtet, dass die engen Freunde von Personen, die kürzlich ein starkes Über­ge­wicht entwi­ckelt haben, mit einer signi­fi­kant erhöhten Wahr­schein­lich­keit ebenfalls über­ge­wichtig werden. Wenn sich das Körper­ge­wicht in unserem sozialen Umfeld verändert, dann verändert sich auch die Tole­ranz­grenze, ab der wir mit dem eigenen Gewicht unzu­frieden sind – wir sind mit einem höheren (Über-)Gewicht immer noch zufrieden.

Es geht um die Differenz, nicht um das Absolute

Je größer der Abstand zwischen den Läufern im 100-Meter-Lauf des Lebens, umso größer wird die Unzu­frie­den­heit derje­nigen, die zurück­fallen. Das Problem ist, dass das Leben des modernen Menschen mitt­ler­weile so kompli­ziert ist, dass man nicht immer sofort erkennen kann, auf welchen Lebens­be­reich sich die Unzu­frie­den­heit bezieht.

Ist es der Job?

Ist es die Gesund­heit?

Sind es die Finanzen?

Ist es die Beziehung?

Um die Unzu­frie­den­heit einem Lebens­be­reich zuordnen zu können, braucht man einen klaren Verstand. Wenn die Unzu­frie­den­heit ein bestimmtes Maß jedoch über­schreitet, dann trübt sich der Verstand. Es macht daher Sinn, auf die Unzu­frie­den­heit zu reagieren, bevor sich Stress­sym­ptome wie zum Beispiel eine verrin­gerte Konzen­tra­ti­ons­fä­hig­keit einstellen.

Die wahre Ursache der Unzu­frie­den­heit

Ein empfeh­lens­wertes Buch über Zufrie­den­heit stammt von dem US-ameri­ka­ni­schen Psycho­logen Barry Schwartz: Anleitung  zur Unzu­frie­den­heit (Engli­scher Titel: Paradox of Choice).

Auch der TED-Talk zum Buch ist empfeh­lens­wert:

Die Kern­aus­sage des Buches lautet:

Was uns Menschen unzu­frieden macht, sind die ständigen Wahl­mög­lich­keiten mit vielen annähernd gleich­wer­tigen Optionen

  • 57 verschie­dene Sorten Marmelade im Super­markt
  • 112 verschie­dene Gerichte im China­re­stau­rant
  • 18.000 Studi­en­gänge an deutschen Hoch­schulen

Insbe­son­dere Perfek­tio­nisten, die den Anspruch haben, die best­mög­liche Wahl zu treffen, haben darunter zu leiden.

Leider ist die Unzu­frie­den­heit ein diffuses Gefühl, das uns nur sagt, dass irgend­etwas nicht gut für uns läuft. Wo genau das Problem liegt, verrät uns die Unzu­frie­den­heit nicht. Kein Wunder, dass die Unzu­frie­den­heit häufig den falschen Ursachen zuge­schrieben wird.

Aufgrund unserer weit fort­ge­schrit­tenen tech­ni­schen und kultu­rellen Entwick­lung, befinden wir uns mitt­ler­weile (weit) außerhalb der Grenzen, innerhalb derer uns die Unzu­frie­den­heit zuver­lässig den richtigen Weg weisen kann.

Viele Menschen zieht es förmlich in die Geschäfte mit der größten Auswahl. Sie wären wohl niemals von selbst darauf gekommen, dass es aber genau diese Auswahl ist, die sie unzu­frieden macht, und nicht etwa die Länge der Schlage an der Kasse oder der Stau auf dem Parkplatz.

Zufrie­den­heit wird vom Gehirn berechnet

Barry Schwartz schreibt, dass unsere Psyche die Zufrie­den­heit aus drei Diffe­renzen berechnet: Die Differenz zwischen dem , was wir momentan haben und ...

  1. Unserem persön­li­chen Höchst­stand in der Vergan­gen­heit.
  2. Dem, was andere Menschen haben.
  3. Unseren Wünschen, Ziele und Ansprü­chen.

Wenn wir zufrie­dener werden wollen, müssen wir eine oder mehrere diese drei Diffe­renzen mani­pu­lieren. Die Mani­pu­la­tion kann auf zwei verschie­dene Arten geschehen:

  • Wir können dafür sorgen, dass die jeweilige Differenz tatsäch­lich größer wird
  • Wir können dafür sorgen, dass es so aussieht, als ob die jeweilige Differenz größer würde

Der sinn­vollste Weg dürfte – wie so oft – ein Mittelweg sein.

Unzu­frie­den­heit entsteht bei Verschlech­te­rung

Wer in seinem Leben möglichst dauerhaft zufrieden sein möchte, sollte stetig wachsen. Die Tendenz ist wichtiger als der absolute Betrag.

Stetes Wachstum klappt am besten in Kombi­na­tion mit langsamem Wachstum.

Leider gewöhnt man sich mit der Zeit an das stete Wachstum, weshalb es wünschens­wert wird, hin und wieder kleine Rück­schläge zu erleiden.

Wer arbeitslos wird, verschlech­tert sich finan­ziell, was zu Unzu­frie­den­heit führt. Ob man mit dem Geld gut auskommt oder nicht, spielt für die Zufrie­den­heit nur eine unter­ge­ord­nete Rolle. Das gleiche gilt für Menschen, die in Rente gehen und nur die mickrige gesetz­liche Rente erhalten.

Unzu­frie­den­heit entsteht wenn andere mehr haben

Wie kann es sein, dass Menschen ein ganzes Jahres­ge­halt (oder mehr) für ein Auto ausgeben, das dann 95 % der Zeit am Stra­ßen­rand steht und an Wert verliert? Ich behaupte nicht, dass Autos unnötig sind, aber um von A nach B zu kommen, braucht man keinen Neuwagen für 50.000 Euro. Ein Gebraucht­wagen für 10.000 Euro erfüllt den gleichen Zweck.

Dass wir unnötig viel Geld für Autos und andere Produkte ausgeben, liegt daran, dass wir ein Bedürfnis danach verspüren, uns diese teuren Produkte zuzulegen. Die Entste­hung dieses Bedürf­nisses hat sehr viel damit zu tun, welches Model in der Auffahrt des Nachbarn steht, und neben welchen Modellen wir jeden Morgen auf dem Firmen­park­platz parken. Das Auto ist längst kein Gegen­stand mehr, der uns nur von A nach B bringt. Unser Auto definiert wer wir sind. (Das  Auto ist nur eines von mehreren möglichen Beispielen für mate­ri­elle und nicht­ma­te­ri­elle Besitz­tümer, über die sich Menschen defi­nieren.)

Wir haben lieber absolut wenig als relativ weniger

Die meisten Menschen hätten lieber ein Jahres­ge­halt von 50.000 Euro, während die Nachbarn nur 40.000 Euro haben, als 100.000 Euro in einem Umfeld, das  deutlich mehr Geld hat.

Unzu­frie­den­heit und falsche Reali­täten

Wenn sich unser Zufrie­den­heits­rechner an falschen Reali­täten orien­tiert, kann das zu unnötigem Leid führen. Unser Zufrie­den­heits­rechner ist für eine Welt ausgelegt, in der wir die Gescheh­nisse mit unseren eigenen Augen beob­achten. Wenn wir immer nur die High­lights aus den Leben unserer Mitmen­schen mitbe­kommen, zieht unser Gehirn die falschen Schlüsse und geht von einer zu hohen Differenz zwischen uns selbst und unseren Mitmen­schen aus. Die Folge ist chro­ni­sche Unzu­frie­den­heit. Kein Wunder also, dass Facebook unglück­lich macht.

Unzu­frie­den­heit entsteht durch hohen Ansprüche

Wer hohe Erwar­tungen und Ansprüche an sich selbst hat, ist eher unzu­frieden, als jemand, der weniger erwartet. Wie schon im letzten Abschnitt beschrieben, stehen unsere Wünsche aber nicht völlig frei im leeren Raum, sondern sie orien­tieren sich an dem, was die anderen Menschen in unserem Umfeld haben.

Die schönste Nach­bar­schaft ist eher nicht die Nach­bar­schaft, in der man am zufrie­densten ist. Die eigenen Ansprüche lassen sich leichter herun­ter­schrauben wenn man auch das Umfeld auswech­selt.

Wie wir zufrie­dener werden können

Nachdem wir jetzt wissen, was Zufrie­den­heit ist und von welchen Faktoren sie abhängt, können wir uns daran machen, Maßnahmen zu ergreifen, die uns zufrie­dener machen.

Die meisten verbrei­teten Tipps sind nutzlos

Viele der Ratschläge und Tipps, die uns so gerne gegeben werden, funk­tio­nieren nicht wirklich, weil sie nur an der Ober­fläche kratzen.

„Vergleiche dich nicht mit anderen Menschen!“

Ein solcher Ratschlag wirkt zwar klug, aber im Grunde ist er auch nicht hilfreich, denn sowohl die Berech­nung der Unzu­frie­den­heit, als auch die Vergleiche, die der Berech­nung zugrunde liegen, laufen nicht bewusst ab.

Zufrie­dener zu werden, ist ein drei­stu­figer Prozess

  1. Annehmen
  2. Analy­sieren
  3. Plan ausar­beiten

Nimmt deine Unzu­frie­den­heit an!

Das unan­ge­nehme Gefühl der Unzu­frie­den­heit zu bekämpfen, würde keinen Sinn machen, denn Gefühle lassen sich nicht gerne igno­rieren. Solange die Ursache des Gefühls bestehen bleibt, wird das Gefühl zurück­kehren – womöglich wird es beim nächsten Mal stärker sein.

Analy­siere deine Situation

Die Schwie­rig­keit besteht darin, heraus­zu­finden, welche Botschaft die Unzu­frie­den­heit zu über­bringen versucht.

Dabei helfen können:

Beruht die Unzu­frie­den­heit auf der Realität oder auf einem Irrtum?

Arbeite einen konkreten Plan aus

Zum Schluss sollte ein konkreter Umset­zungs­plan ausge­ar­beitet werden.

Was möchte ich in Zukunft anders machen?

Wie kann ich erreichen, dass ich das Vorhaben auch wirklich umsetze?

Die Umsetzung wird nur dann ein Erfolg, wenn sie auf einfachen und leicht umzu­set­zenden konkreten Hand­lungen beruht. Die konkreten Hand­lungen müssen dazu führen, dass sich der Fokus dauerhaft verschiebt: Weg von den Dingen, die dich unnö­ti­ger­weise unzu­frieden machen, und hin zu den Dingen, die dafür sorgen, dass du glücklich wirst.

Hier einige Anre­gungen:

Fazit

Am Ende wird unsere Zufrie­den­heit auch davon abhängen, was wir über die Unzu­frie­den­heit selbst denken. Unzu­frie­den­heit fühlt sich viel­leicht nicht so gut an, aber wir dürfen nicht vergessen, dass sie ein starker Motor und Motivator ist. Wären wir immer zufrieden mit allem, würden wir in unserem Leben gar nichts erreichen.

Wer große Ziele hat, sollte seine Unzu­frie­den­heit begrüßen wie einen Freund (oder sich von den großen Zielen verab­schieden). Niemand, der in seinem Leben Großes erreicht hat, war ständig zufrieden.

Auf der anderen Seite: Muss man im Leben wirklich Großes erreichen?

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4 Antworten auf Aus diesen 3 Faktoren errechnet sich deine Unzu­frie­den­heit

  1. Jens sagt:

    In deinem Prozess fehlt Punkt 4 – Umsetzen. Ohne den wird das nichts. Kenne ich aus Erfahrung :-)
    Wobei mir auch kein Plan geholfen hat, sondern raus­zu­finden was ich eigent­lich will und daraus eine Vision mit Strategie. Denn Pläne halten meist nur solange bis sie auf die Realität treffen oder wie es eine Postkarte sagt: Alles lief nach Plan. Nur war der Plan halt scheisse.

    • Jan sagt:

      Hey Jens,

      Danke für deinen Kommentar. Ich gebe dir grund­sätz­lich recht, aber der Bezug zum Artikel ist mir nicht ganz klar. Von welchem Prozess sprichst du?

      Viele Grüße,
      Jan

  2. Julius sagt:

    Lieber Jan,

    danke für diesen tollen Artikel, besonders die Empfeh­lung des Dank­bar­keits­ta­ge­bu­ches.

    Es wurde mir schon auf meiner letzten Reise von einem sehr inspi­rie­renden Menschen empfohlen, ich habe es aber wieder vergessen.

    Gleich kaufe ich mir aber eines und dann nehme ich mir jeden tag 5 Minuten Zeit dafür.

    Lg

    • Jan sagt:

      Hey Julius,

      Vielen Dank für den Kommentar. Ich wünsche dir viel Erfolg bei deinem Vorhaben :)

      Viele Grüße,
      Jan