Kostenlos für neue Abonnenten: 

Persönlichkeitsentwicklung Jumpstart: Die Essenz aus 15 beliebten Erfolgsbüchern



Geschrieben von Dr. Jan Höpker

Aktualisiert am 30. September 2021


Die Begriffe Ego-Depletion und Selbsterschöpfung bezeichnen eine vorübergehende Schwächung der Willenskraft, zu der es während und nach der Ausübung von Selbstkontrolle kommt. Bis vor Kurzem glaubte man, dass diese Form der Ermüdung des »Willenskraft-Muskels« unvermeidlich sei. 

Doch dann tauchten immer mehr Widersprüche auf, die am Ressourcenmodell der Selbstkontrolle zweifeln lassen. Womöglich ist Ego-Depletion gar kein Naturgesetz, sondern eine selbsterfüllende Prophezeiung. Wenn das stimmt, täten wir alle gut daran, an eine unerschöpfliche Willenskraft zu glauben.

Reverse Ego Depletion

Die Entdeckung der Ego-Depletion

Wir schreiben das Jahr 1998 und du hast dich freiwillig gemeldet, um an einem Experiment teilzunehmen, das heute an der Case Western Reserve University in Cleveland, Ohio stattfinden soll. Weil man dich darum gebeten hat, nüchtern zu erscheinen, bist du hungrig.

Schon auf der Türschwelle des Raumes, in dem das Experiment stattfinden soll, vernimmst du einen intensiven Duft nach frisch gebackenen Schokokeksen. Du wirst an einen Tisch geführt, auf dem einige der Kekse auf einem Teller angerichtet sind. Außerdem steht dort eine Schale mit roten und weißen Radieschen.

Man teilt dir mit, dass du der Radieschen-Gruppe zugeteilt wurdest, was bedeutet, dass du nur von den Radieschen, aber keine Schokokekse essen darfst. Um den vermeintlichen Geschmackstest in Ruhe durchführen zu können, lässt man dich für einige Minuten alleine in dem Raum zurück. Du ignorierst die Schokokekse und isst einige Radieschen.

Jetzt erfährst du, dass du mindestens 15 Minuten lang warten musst, bevor das Experiment weitergehen kann. Man fragt dich, ob du dir die Wartezeit mit einem Test vertreiben möchtest, in dem es auf Problemlösefähigkeit ankommt. Da du sowieso nichts Besseres zu tun hast, willigst du ein.

Es handelt sich um eine Variante von »Das Haus vom Nikolaus«, d. h. du sollst eine geometrische Figur nachzeichnen, ohne den Stift abzusetzen oder Linien zweimal zu durchlaufen. Was du nicht weißt: Der Test ist so konzipiert, dass es keine Lösung gibt. Der Leiter des Experiments, ein gewisser Roy Baumeister, möchte wissen, nach wie vielen Minuten du das Handtuch wirfst.

Baumeisters Hypothese: Die Radieschen-Gruppe wird früher aufgeben! Und genau so kam es dann auch: Diejenigen Probanden, die von den Schokokeksen essen durften, hielten im Mittel 19 Minuten lang durch, während der durchschnittliche Proband aus der Radieschen-Gruppe schon nach acht Minuten aufgab. Das ist ein deutlicher Unterschied! Wie sich in Baumeisters Veröffentlichung (pdf) nachlesen lässt, gab es natürlich auch eine Kontrollgruppe.

In den darauffolgenden Jahren wurde Baumeisters Experiment auch von anderen Wissenschaftlern durchgeführt. In den Details unterschieden sich die Experimente, aber das Kernstück bestand immer aus einer Ego-Depletion-Doppelaufgabe:

  1. Zuerst wurde die Willenskraft der Probanden strapaziert,
  2. dann wurde die verbliebene Willenskraft gemessen.

Das Phänomen, das die Wissenschaftler immer wieder beobachteten, wurde unter den Bezeichnungen Ego-Depletion und Selbsterschöpfung bekannt. Die Willenskraft der Probanden schien wie ein Muskel zu funktionieren. Durch die Ausübung von Selbstkontrolle kam es zu Ermüdungserscheinungen, die zusätzlich(!) zur normalen körperlichen und geistigen Ermüdung auftraten.

In weiteren Studien konnte Baumeister sogar zeigen, dass der »Willenskraft-Muskel« wie ein echter Muskel trainiert werden konnte. Zu den nachweislich geeigneten Trainingsmethoden gehören:

  • Kontrolle der Körperhaltung (Studie)
  • Bewusstes Benutzen der schwachen Hand (Studie; pdf)

Das Ressourcenmodell der Selbstkontrolle

Mit einer bahnbrechenden Studie, die Baumeister im Jahr 2007 veröffentlichte, bekam sein Modell ein biologisches Fundament und wurde zum Ressourcenmodell der Selbstkontrolle. Baumeisters Experimente hatten gezeigt, dass die Willenskraft von einer begrenzten Ressource abhängig war: dem Blutzuckerspiegel.

  • Während die Probanden Selbstkontrolle ausübten, konnte eine besonders rasche Abnahme ihres Blutzuckerspiegels beobachtet werden.
  • Bei niedrigem Blutzuckerspiegel trat das Phänomen der Ego-Depletion besonders häufig auf. Und wenn der Blutzuckerspiegel wieder stieg, kehrte auch die Fähigkeit zur Selbstkontrolle zurück.

Weil zur Regeneration des Blutzuckerspiegels gezuckerte Getränke eingesetzt wurden, berichteten die Medien gerne vom sogenannten »Limonadeneffekt«.

Der Psychologe Martin Hagger beschloss, 83 vergleichbare Studien, die alle mit Ego-Depletion-Doppelaufgaben gearbeitet hatten, zu einer sogenannten Metastudie zusammenzufassen, die er im Jahr 2010 veröffentlichte.

Im Abstract der Metastudie heißt es:

»Results revealed a significant effect of ego depletion on self-control task performance.«

Kurz, Selbsterschöpfung existiert!

Ein Jahr später brachten Roy Baumeister und der Journalist John Tierney gemeinsam das populärwissenschaftliche Buch Willpower: Rediscovering the Greatest Human Strength heraus, das 2012 unter dem Titel Die Macht der Disziplin auch auf Deutsch erschien (hier geht es zu meiner Zusammenfassung des Buches).

Das Buch wurde ein Bestseller, der sich bis heute gut verkauft. Es animierte die Medien dazu, das Paradigma der ressourcenabhängigen Selbstkontrolle zu einem Fakt zu erheben. In unzähligen Blogs erschienen Anleitungen zur Stärkung des Willenskraft-Muskels.

eBook jetzt kostenlos für Amazon Prime-Kunden (hier klicken!)

Gibt es doch keinen Willenskraft-Muskel?

Evan Carter war Doktorand an der University of Miami und damit betraut worden, den Limonaden-Effekt zu reproduzieren, den Roy Baumeister im Jahr 2007 beschrieben hatte (siehe oben). Doch der Effekt wollte einfach nicht auftreten. Auf der Suche nach dem Fehler – seinem Fehler, wie er zunächst vermutete – studierte der junge Wissenschaftler auch Martin Haggers Metastudie von 2010. Und er fand einige gravierende methodische Mängel.

Zum Beispiel hatte Hagger einige fragwürdige Studien verwertet:

  • Studien mit fragwürdigem Studiendesign und
  • Studien, die zu widersprüchlichen Ergebnissen geführt hatten.

Diese Studien hätte man aussortieren müssen. Der gravierendste Mangel aber war, dass die Metastudie unter einer systematischen Verzerrung litt, die sie gänzlich unbrauchbar machte.

Die Publikationsverzerrung

In Haggers Metastudie waren ausschließlich solche Studien enthalten, die zu einem positiven Ergebnis geführt hatten – Studien also, bei denen Ego-Depletion aufgetreten war. Studien, die keine Ego-Depletion feststellen konnten, waren hingegen nicht berücksichtigt worden – aber nicht, weil Hagger sie absichtlich ignoriert hätte, sondern weil sie niemals veröffentlicht worden sind.

Um den Fehler zu korrigieren, werteten Evan Carter und sein Betreuer Michael McCullough alle Studien erneut aus, wobei sie eine komplizierte statistische Analysemethode anwendeten, die die Publikationsverzerrung ausgleichen konnte. Aus Gründen, auf die ich hier nicht näher eingehen kann, war diese Methode jedoch umstritten, weshalb dem Ergebnis der erneuten Auswertung wenig Glauben geschenkt wurde. Das Ergebnis war: keine Ego-Depletion feststellbar.

Um ihr Ergebnis zu überprüfen, setzten Carter und McCullough eine eigene Metastudie auf, in der sie die Daten aus 48 unveröffentlichten Experimenten berücksichtigte. Das Ergebnis der neuen Metastudie (pdf) war wieder: keine Ego-Depletion feststellbar.

Weitere begründete Zweifel am Ressourcenmodell

In einem Artikel, der 2016 bei Psychology Today erschienen war, hat Nir Eyal auf weitere Ungereimtheiten und Phänomene hingewiesen, die Anlass geben, am Paradigma der ressourcenabhängigen Selbstkontrolle zu zweifeln:

  • Nach dem Trinken der Limonade regenerierte sich die Willenskraft der Probanden in einem viel zu kurzen Zeitraum. So schnell hätte die Glucose unmöglich ins Blut geschweige denn ins Gehirn gelangt sein können.
  • Die Psychologin Carol Dweck hatte 2013 eine Studie publiziert, die zu dem Schluss kam, dass Ego-Depletion nur bei solchen Probanden auftritt, die an die Theorie der Selbsterschöpfung glauben.

Eine neue MEGA-Studie sollte Klarheit bringen

Im Jahr 2014 kündigte die Association for Psychological Sience an, für Klarheit sorgen zu wollen. In 24 verschiedenen Laboren überall auf der Welt sollte das gleiche Experiment an insgesamt mehr als 2.000 Probanden durchgeführt werden. Anschließend wollte man die Daten zusammenfassen. Martin Hagger sollte dem Projekt vorstehen und Roy Baumeister sollte als wissenschaftlicher Berater fungieren.

Eine Herausforderung bestand darin, ein Experiment auszuwählen, das so »idiotensicher« war, dass es in jedem Labor auf die exakt gleiche Art und Weise durchgeführt werden konnte. Das Experiment mit den Schokokeksen kam nicht infrage.

Man entschied sich für einen Computertest, der aus zwei Teilen bestand (mehr dazu im grauen Kasten).

So lief das Experiment ab

Im ersten Teil sollte die Willenskraft der Probanden erschöpft werden. Auf einem Bildschirm bekamen die Probanden nacheinander verschiedene einzelne Wörter zu sehen. Wenn das entsprechende Wort den Buchstaben »e« enthielt, sollte eine Taste gedrückt werden. Allerdings sollte die Taste nicht gedrückt werden, wenn der nächste Vokal innerhalb des Wortes weniger als zwei Buchstaben von dem »e« entfernt war.

Im zweiten Teil sollte die übrig gebliebene Willenskraft gemessen werden. Den Probanden wurden dreistellige Zahlen dargeboten, die sich aus den Ziffern 0, 1, 2 und 3 zusammensetzen, und in denen immer eine Ziffer einmal und eine andere doppelt vorkam (Bsp.: 112, 303 usw.). Die Aufgabe bestand darin, entsprechend der Position der einmal vorkommenden Ziffer eine von drei Tasten zu drücken.

Die Schwierigkeit besteht darin, sich nicht von der Ziffer selbst ablenken zu lassen. Zum Beispiel verleitet die Zahl 112 dazu, die Taste »2« zu drücken, da die einmal vorkommende Zahl eine Zwei ist. Richtig wäre hier aber die Taste »3« zu drücken.

Eine Kontrollgruppe sollte nur den zweiten Teil durchführen.

Das Ergebnis

  • Nur zwei der 24 Labore konnten Ego-Depletion feststellen.
  • In einem Labor trat sogar der umgekehrte Effekt auf: Reverse Ego-Depletion (später mehr dazu).
  • In den restlichen 21 Laboren konnte kein Effekt festgestellt werden.

Macht unterm Strich: kein Effekt! (Mehr dazu auf der Webseite der Studie.)

eBook jetzt kostenlos für Amazon Prime-Kunden (hier klicken!)

Baumeister hält an Ego-Depletion fest

Roy Baumeister selbst war von dem Ergebnis des Experiments nicht überzeugt, denn der Versuchsaufbau gefiel ihm nicht. Seiner Meinung nach hätten die Probanden zunächst in einem Vortest darauf trainiert werde sollen, bei allen Wörtern, die den Buchstaben »e« enthielten, die Taste drücken zu wollen.

Außerdem hätte er die Tests nicht am Computer, sondern mit Stift und Papier durchführen lassen, denn im Vergleich zum Drücken einer Taste sei das handschriftliche Schreiben eine komplexere Handlung und damit schwerer willentlich zu unterdrücken.

Für Baumeister steht fest, dass nicht sein Modell, sondern die Studie gescheitert ist. Und er hat angekündigt, in Eigenregie weitere Experimente durchzuführen, um seine Theorie zu bestätigen.

Reverse Ego-Depletion

Die vielleicht interessanteste Studie zum Thema Ego-Depletion erschien 2017 und entstand aus einer Kooperation zwischen Wissenschaftlern der Universität Zürich und der Nanyang Technological University aus Singapur (pdf).

Die Studie wurde durchgeführt, um festzustellen, ob das Phänomen der Ego-Depletion kulturellen Einflüssen unterliegt. Während die Menschen aus westlichen Kulturkreisen üblicherweise davon ausgehen, dass ihre Willenskraft durch intensiven Gebrauch zunehmend ermüdet, sind viele Menschen aus indischen Kulturkreisen nämlich vom genauen Gegenteil überzeugt: Sie glauben, dass die Willenskraft nicht schwächer, sondern stärker wird.

Und tatsächlich konnte die Studie bei den indischen Studienteilnehmern eine umgekehrte Ego-Depletion (reverse Ego-Depletion) feststellen. Damit wurde die Kernaussage aus Corol Dwecks Studie (siehe oben) noch einmal bestätigt:

Was man über die Funktionsweise der eigenen Willenskraft zu wissen glaubt, scheint zu einer sich selbsterfüllenden Prophezeiung zu werden!

Ist Selbsterschöpfung eine Emotion?

Welches neue Paradigma könnte Roy Baumeisters Ressourcen-Paradigma ersetzen? Ein heißer Kandidat ist das sogenannte Process Model oder auch Shifting Priorities Model von Michael Inzlicht, einem Psychologen der University of Toronto. Für ihn ist das Phänomen der Ego-Depletion nicht auf eine zur Neige gehende biologische Ressource zurückzuführen, sondern auf eine Verschiebung unserer Prioritäten (nachzulesen auf Inzlichts Webseite). Mit anderen Worten:

»Unsere Selbstkontrolle nimmt nicht ab, weil wir uns nicht mehr kontrollieren können, sondern weil wir nicht mehr wollen

Wenn wir Ego-Depletion als Emotion verstehen wollen, dann sollten wir sie auch wie eine Emotion handhaben, d. h. uns anhören, was sie uns mitzuteilen hat. In vielen Fällen – so Inzlicht – sei die Botschaft, dass wir das Interesse an unserer aktuellen Tätigkeit verloren haben und dass wir uns nun mit etwas anderem beschäftigen sollten.

Das Modell des Psychologen geht noch einen Schritt weiter: Die kognitive Kontrolle (auch bekannt als Exekutive Funktionen) wird seiner Ansicht nach nicht bloß von unseren Emotionen beeinflusst, sondern die kognitive Kontrolle könnte selbst ein emotionaler Prozess sein. Unsere kognitive Kontrolle wird nämlich immer dann aktiv, wenn unsere Ziele miteinander in Konflikt geraten – und was wir in dieser Situation empfinden, ist eine Art Spannung, die unsere Aufmerksamkeit auf den Konflikt lenkt und uns die Energie bereitstellt, die wir brauchen, um zu handeln.

Aktuell wird diese Hypothese in Inzlichts Labor experimentell überprüft.

eBook jetzt kostenlos für Amazon Prime-Kunden (hier klicken!)

Dr. Jan Höpker ist Wissenschaftler, Autor und Gründer der Websites HabitGym und Der perfekte Ratgeber. Mit seinem Buch Erfolg durch Fokus & Konzentration hat er bis heute mehr als 20.000 Leser erreicht und ihnen dabei geholfen, fokussierter zu leben, zu lernen und zu arbeiten.

Ähnliche Beiträge

  • Hallo,
    vielen Dank für den ausführlichen und informativen Bericht.
    Unterschiedliche Meinungen zu reflektieren finde ich äußerst spanned.
    Beste Grüße

  • Hallo,
    meiner Meinung nach sind beide Studien richtig, denn einerseits sind wir irgendwann nicht mehr so fit, weil unser Blutzuckerspiegel mit der Zeit sinkt, andererseits, haben wir irgendwann auch keine Lust mehr.
    Ich denke aber, man sollte bedenken, dass die Probanden bei den Experimenten aufgeregt sein könnten, was zusätzlich den Blutzuckerspiegel steigen lässt und die Probanden ein durchgängiges Ergebnis abliefern können.
    Was meiner Meinung nach hier wichtig ist, ist das die Willenskraft vom Blutzuckerspiegel abhängig ist und wir dadurch bessere Leistungen erbringen, nur halt über einen bestimmten Zeitraum.
    Man sollte vor allem motiviert bleiben, denn man muss auch wissen wofür man seine Willenskraft einsetzt, ob Sie nun endlich oder unendlich ist.

    Sehr interessanter Artikel!

    Tim

  • Vielen Dank für diese überaus informative Darstellung!
    Lässt einiges in einem anderen Licht sehen, bzw. erklärt so manches Verhalten.

    Bitte weiter so, Wissen und Anwendung ist immens wichtig.

  • {"email":"Email address invalid","url":"Website address invalid","required":"Required field missing"}

    (*) Die mit Sternchen gekennzeichneten Links sind sogenannte Affiliate-Links. Wenn du auf einen Affiliate-Link klickst und anschließend bei Amazon einkaufst, erhalte ich eine geringe Provision, die einen Teil meiner Serverkosten deckt. Für dich verändert sich der Preis natürlich nicht. Keine Sorge, dies ist keine Verkaufsseite. Ich empfehle nur Bücher, die ich wirklich gelesen habe und die mich weitergebracht haben.

    Kostenlos für neue Abonnenten: 

    Persönlichkeitsentwicklung Jumpstart: Die Essenz aus 15 beliebten Erfolgsbüchern

    >