Wie man sich mit Fokus wahre Super­kräfte heran­züchtet (in 3 Schritten)

Der viel­leicht beste Vortrag zum Thema »Fokus und Konzen­tra­tion« ist der TED-Talk von Kitty Chisholm, der Autorin des Buches Neuro­sci­ence for Leadership (*). Die Expertin erklärt, wie man durch Aufmerk­sam­keits­ma­nage­ment zu heraus­ra­genden Fähig­keiten kommt. Die Inhalte des Vortrags habe ich im vorlie­genden Artikel auf Deutsch zusam­men­ge­fasst.

Es ist wichtig, zu verstehen, dass die Zusam­men­hänge komplex sind. Chisholm gibt nicht etwa eine Handvoll Tipps, aus denen man sich in Rosi­nen­pi­cker-Manier dieje­nigen heraus­greifen kann, die einem am besten gefallen.

Vielmehr präsen­tiert sie ein System, das nur dann funk­tio­niert, wenn alle Teile vorhanden sind. Ich stelle nun die einzelnen Teile ihres Systems vor und füge sie am Ende des Artikels zu einem funk­tio­nie­renden System zusammen.

Wir nutzen unsere kogni­tiven Fähig­keiten über unseren Fokus

Aufmerk­sam­keit ist unteilbar. Wenn wir aufmerksam sind, dann steht die »Rechen­ka­pa­zität« unseres Gehirns nur dieser einen Sache zu Verfügung. Mit anderen Worten:

Die Energie fließt auf das, worauf wir uns fokus­sieren

Die Schwie­rig­keit besteht darin, den Fokus zu halten und sich nicht ablenken zu lassen.

Wie unsere Aufmerk­sam­keit gelenkt wird

Unsere Aufmerk­sam­keit wird von drei verschie­denen Kräften gelenkt:

  • Willens­kraft
  • Uner­war­tetes
  • Gefühle/Emotionen

Mit unserer Willens­kraft erzeugen wir Konzen­tra­tion – eine soge­nannte Top-Down Aufmerk­sam­keit. Wir bestimmen, was unsere Aufmerk­sam­keit ins Visier nimmt. Uner­war­tetes und Gefühle erzeugen eine Bottom-Up Aufmerk­sam­keit – der Fokus wandert auto­ma­tisch.

Sich zu konzen­trieren, ist anstren­gend, denn die Top-Down Aufmerk­sam­keit muss gegen die Bottom-Up Aufmerk­sam­keit vertei­digt werden. Schauen wir uns die drei betei­ligten Kräfte einmal genauer an.

Willens­kraft

Mithilfe unserer Willens­kraft haben wir die Möglich­keit, unsere Aufmerk­sam­keit bewusst und willent­lich auf Objekte unserer Wahl zu richten. Man spricht von Konzen­tra­tion. Auf Dauer ist Konzen­tra­tion anstren­gend. Nach einer Weile ist der Willens­kraft­muskel ermüdet und steht erst am nächsten Tag wieder zur Verfügung, denn die Rege­ne­ra­tion findet haupt­säch­lich im Schlaf statt. (Der Willens­kraft­muskel lässt sich trai­nieren. Die wahr­schein­lich beste Trai­nings­me­thode ist die Medi­ta­tion.)

Uner­war­tetes

Das Gehirn erstellt ständig Prognosen über die Zukunft. Immer dann, wenn die tatsäch­lich eintre­tenden Ereig­nisse von den Prognosen des Gehirns abweichen, ist etwas Uner­war­tetes geschehen. Uner­war­tete Gescheh­nisse ziehen unsere Aufmerk­sam­keit auto­ma­tisch an, denn hinter Uner­war­tetem können sich Gefahren und Chancen verbergen. Insbe­son­dere die Gefahren sind zu wichtig, als dass überhaupt in Betracht gezogen werden könnte, sie zu igno­rieren.

Gefühle

Schon Sigmund Freud wusste, dass Menschen stets bemüht sind, Schmerzen zu entkommen und Lust zu verspüren. In unserem emotio­nalen Gedächtnis werden Personen, Dingen und Tätig­keiten mit Gefühlen verknüpft. Beim Erinnern werden diese Gefühle wieder aktiv. So können Schmerzen künftig vermieden und lustvolle Momente aktiv herbei­ge­führt werden.

Kitty Chisholm erklärt, dass zwischen den beiden Extremen Schmerz und Lust ein Spektrum der Gefühle existiert. Je weiter oben ein Gefühl in der folgenden Auflis­tung steht, umso mehr stößt es uns ab. Die Gefühle weiter unten ziehen uns und unsere Aufmerk­sam­keit an.

  • Angst
  • Wut
  • Ekel
  • Scham
  • Trau­rig­keit
  • Über­ra­schung
  • Aufregung
  • Vertrauen

Nur Übung macht den Meister

Schon seit einiger Zeit weiß man, dass kein Mensch je mit heraus­ra­genden Fähig­keiten geboren wurde. Nur durch Übung und Training können Fertig­keiten erworben werden. Einige Menschen sind schneller als andere, aber jeder, der eine Fertig­keit sehr gut beherrscht, hat intensiv geübt. Das gilt auch für vermeint­liche Natur­ta­lente, wie zum Beispiel Mozart.

Die 10.000-Stunden-Regel ist eine Faust­formel, nach der man sich etwa 10.000 Stunden lang mit einem Fach­ge­biet beschäf­tigen muss, um zu einem Meister oder Experten zu werden. Chisholm betont, dass es nicht ausreicht, sich irgendwie 10.000 Stunden lang mit seinem Fach­ge­biet zu beschäf­tigen. Man muss beim Üben bis an seine Grenzen gehen.

No Pain- No Gain! (ohne Schmerz kein Gewinn)

Während man sich mühevoll und mit voller Aufmerk­sam­keit seinem Fach­be­reich widmet, verändert sich das Gehirn. Dieje­nigen Nerven­netz­werke, die mit dem Fach­be­reich zu tun haben, werden optimiert.

  • Die Signal­über­tra­gung an den Synapsen wird effi­zi­enter
  • Es bilden sich neue Synapsen
  • Die Nerven­bahnen werden mit Myelin umkleidet, wodurch die Signal­über­tra­gung schneller wird

Übung bringt nur dann etwas, wenn sie Verän­de­rungen im Gehirn anstößt!

Use-it-or-lose it

Fähig­keiten, die man nicht benutzt, verliert man wieder. Sobald man damit aufhört, sich mit seinem Fach­ge­biet zu beschäf­tigen, bilden sich die opti­mierten Nerven­netz­werke wieder zurück.

Wie man Super­kräfte heran­züchtet

Wer zu einem Experten seines Faches werden möchte, muss dafür sorgen, dass die folgenden drei Bedin­gungen gleich­zeitig erfüllt sind:

  1. Aufmerk­sam­keit
  2. Leiden­schaft (allgemein: Ein Gefühl, das mühelose Bottom-Up Aufmerk­sam­keit erzeugt)
  3. Anstren­gende Übung

Die 3 Kompo­nenten hängen wech­sel­seitig vonein­ander ab. Leiden­schaft sorgt für mühelose Aufmerk­sam­keit. Die mühelose Aufmerk­sam­keit ermög­licht effek­tives Training – und die Erfolge im Training befeuern die Leiden­schaft. Es ergibt sich eine Aufwärts­spi­rale, die sich selbst immer weiter verstärkt. Die Aufwärts­spi­rale funk­tio­niert nur, wenn alle drei Kompo­nenten vorhanden sind. Sobald eine Kompo­nente fehlt, fällt das ganze System wie ein Karten­haus in sich zusammen.

Der erste prak­ti­sche Schritt sollte darin bestehen, die Konzen­tra­ti­ons­fä­hig­keit zu opti­mieren. Geeignete Maßnahmen enthält mein Über­sichts­ar­tikel über effektive Methoden zur Konzen­tra­ti­ons­stei­ge­rung sowie mein Buch Erfolg durch Fokus und Konzen­tra­tion.

Ich wünsche dir viel Erfolg!
Jan Höpker

Dr. Jan Höpker - Foto Autorenbox

Über Dr. Jan Höpker

Eines Tages wachte ich auf und stellte fest, dass ich über viele spannende Themen nicht nur nichts wusste, sondern nicht einmal wusste, dass ich nichts über sie wusste (trotz Studium und Promotion). Seitdem lese ich viele schlaue Bücher und mache mir Gedanken, die ich auf dieser Webseite veröf­fent­liche.

Meine Artikel gehen in die Tiefe, weil ich für Ober­fläch­lich­keit keine Zeit habe. Warum die Seite HabitGym heißt? Weil es nicht darum geht, Dinge nur zu wissen, sondern Wissen auch anzu­wenden, was einiger Übung bedarf. Auch Geld ist nur ein Werkzeug, nicht mehr und nicht weniger. Zurzeit arbeite ich übrigens an meiner zweiten Million – die erste Million hat leider nicht geklappt ;)

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P.S.: Mitt­ler­weile bin ich selbst Autor mehrerer Bücher (siehe hier).

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3 Antworten auf Wie man sich mit Fokus wahre Super­kräfte heran­züchtet (in 3 Schritten)

  1. AvatarNico sagt:

    Hey Jan,

    starker Artikel! Habe mich bisher viel mit dem Thema Fokus und Acht­sam­keit befasst, jedoch weitest­ge­hend nur in der prak­ti­schen Anwendung. War spannend, den ebenso mal den wissen­schaft­li­chen Aspekt dahinter kennen­zu­lernen.

    • AvatarJan sagt:

      Hey Nico,

      Danke für das Lob. Ich gebe es direkt weiter an Kitty Chisholm, denn sie hat ja die ganze Arbeit gemacht.

      Viele Grüße,
      Jan

  2. Hallo Jan,

    »unser Gehirn lenkt unsere Aufmerk­sam­keit auto­ma­tisch auf Uner­war­tetes – ja, das merken wir jedes Mal auf dem Weg zum Job oder bei anderen Dingen, die wir täglich im Auto­pi­lot­modus erledigen. Wir nehmen kaum etwas am Rande wahr (wer erinnert sich schon spontan an die Häuser­ab­folge auf dem Weg zur Arbeit?), gerade weil wir es täglich tun. So spart unser Gehirn Energie für Dinge, die plötzlich und uner­wartet auftau­chen, und viel­leicht Gefahr bedeuten könnten.
    Aber manchmal ist es gerade schön, auch mal kurz anzu­halten, mal nach links oder rechts zu schauen und altbe­kannte Dinge wieder bewusst wahr­zu­nehmen. Das weckt auch die Krea­ti­vität – da spreche ich als Schreib­coach aus Erfahrung :-)

    Viele Grüße
    Gabriele
    schrei​ben​und​leben​.com

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