Dein Gedächtnis macht jeden dieser 7 Fehler (mit Absicht)

Gedächt­nis­fehler gehören zum Alltag. In diesem Artikel möchte ich sieben Fehler vorstellen, die jedes gesunde Gedächtnis macht – sogar mit voller Absicht!

Zufällig laufe ich beim Joggen einem alten Freund über den Weg.

Spontan werde ich zu seiner Geburts­tags­feier einge­laden:

«Komm doch nächsten Samstag um 20.15 Uhr bei mir zu Hause vorbei!»

Ich habe keine Möglich­keit, mir diese Info aufzu­schreiben.

Zum Glück gibt es das Gedächtnis. Idea­ler­weise würde mein Gedächtnis folgendes tun:

  • Die Info abspei­chern: Samstag – 20.15 Uhr – bei ihm zu Hause
  • Die Info behalten
  • Die Info zum passenden Zeitpunkt wieder ausspu­cken
  • Die Info löschen, sobald sie nicht mehr gebraucht wird

Rein – Halten – Raus – Löschen

Auf allen vier Stufen können uner­wünschte Dinge passieren. Die folgenden Situa­tionen haben wir alle schon erlebt:

Das Gedächtnis hat die Infos einfach nicht gespei­chert

Die Info geht zum einen Ohr rein, und zum anderen Ohr wieder raus.

Das Gedächtnis besitzt eine Art Türsteher. Welche Infos der Türsteher akzep­tiert, hängt von einigen Faktoren ab, auf die ich in einem Artikel über kluge Lern­me­thoden genauer eingehe.

Das Gedächtnis hat die Infos nach­träg­lich verändert

Gedächt­nis­in­halte können sich nach­träg­lich verändern. Aus 20.15 Uhr wird 20 Uhr, und aus Samstag wird Freitag.

Das Gedächtnis spuckt die Infos nicht wieder aus

Manchmal lassen sich Gedächt­nis­in­halte einfach nicht abrufen. Der Name unseres Gesprächs­part­ners liegt uns auf der Zunge, aber das Gedächtnis rückt den Namen nicht raus.

Bestimmte Erin­ne­rungen gehen nicht mehr weg

Gele­gent­lich kommt es vor, dass wir eine Erin­ne­rung einfach nicht mehr loswerden. Wie ein Ohrwurm drängt sich eine bestimmte Szene ständig wieder ins Bewusst­sein.

Die Gedächtnis­forschung kennt sieben verschie­dene Gedächtnis­fehler

In dem Buch Aussetzer (*) stellt der Gedächt­nis­for­scher Daniel Schacter insgesamt sieben verschie­dene Gedächt­nis­fehler vor.

(Inter­es­santer als die Beschrei­bung dieser Fehler, ist Schacters Theorie über ihre Entste­hung: Sie sind viel­leicht gar keine Fehler. Später mehr dazu.)

Die sieben Gedächt­nis­fehler im Überblick

#1 | Transienz (Vergäng­lich­keit)

Theo­re­tisch könnte das Gedächtnis deutlich mehr Dinge speichern, als es tatsäch­lich dauerhaft speichert. Unterm Strich würde unser Leben dadurch aber nicht einfacher werden.

Unwich­tige Gedächt­nis­in­halte werden aussor­tiert, sie verblassen mit der Zeit. Verein­facht gesagt, wird all das wieder gelöscht, was wir nicht regel­mäßig benutzen.

Es gibt Ausnahmen: Einige Dinge sind so wichtig, dass sie niemals vergessen werden.

#2 | Geis­tes­ab­we­sen­heit

Das Gedächtnis speichert nur dieje­nigen Dinge, die uns in Zukunft wichtig sein könnten.

Bei der Entschei­dung, was wichtig ist, spielt unsere Aufmerk­sam­keit eine Rolle: Nur Dinge, auf die wir unsere Aufmerk­sam­keit richten, werden abge­spei­chert.

Alles, was nur am Rande passieren, geht zum einen Ohr rein und zum anderen Ohr wieder raus. Wenn wir nicht aufpassen, dann kann es ja nicht so wichtig sein.

#3 | Blockie­rung

Wir haben etwas auf der Zunge, können es aber nicht sagen. Die Ursache der Blockie­rung sind mangelnde Anknüp­fungs­punkte.

Dieses Phänomen tritt häufig bei Namen auf. Namen sind meistens zufällig, das heißt es gibt keine Esels­brü­cken.

Wenn Namen gleich­zeitig Berufe bezeichnen, wie zum Beispiel Bäcker, tritt die Blockie­rung seltener auf.

#4 | Fehlat­tri­bu­tion

Gele­gent­lich erinnern wir Ereig­nisse, die niemals auf die erinnerte Art und Weise statt­ge­funden haben. Oder wir glauben, einen genialen Einfall zu haben, aber in Wahrheit ist es bloß die Erin­ne­rung an eine fremde Idee, von der wir vor einiger Zeit gehört oder gelesen hatten.

Auf diese Art und Weise ist es schon zu Plagiaten gekommen.

Schacter sagt, dass Fehlat­tri­bu­tionen häufig vorkommen, meist aber unbemerkt bleiben.

#5 | Sugges­ti­bi­lität

Wir sehen etwas im Fernsehen und glauben anschlie­ßend, dass es uns selbst passiert wäre.

(Wurde eigent­lich schon unter­sucht, ob Science-Fiction-Fans häufiger von Außer­ir­di­schen entführt werden, als Menschen, die keine Science-Fiction mögen?)

#6 | Verzer­rung

Unsere Erin­ne­rungen werden nach­träg­lich verändert, denn das Gehirn passt die Vergan­gen­heit an die Gegenwart an.

Jeder kennt das: Ein Freund hat seine Meinung geändert, und jetzt behauptet er, dass er schon immer dieser neue Meinung gehabt hätte.

#7 | Persis­tenz (Beharr­lich­keit)

Wir würden bestimmte Erin­ne­rungen gerne wieder loswerden, aber es passiert einfach nicht. Das bekann­teste Beispiel ist der Ohrwurm.

Persis­tenz tritt insbe­son­dere bei emotional besetzen Ereig­nissen auf. Wie ich bei der Geis­tes­ab­we­sen­heit (#2) schon geschrieben hatte, möchte das Gedächtnis möglichst nur solche Dinge dauerhaft abspei­chern, die wichtig sind.

Um die Wich­tig­keit zu beur­teilen, nutzt das Gedächtnis Indi­ka­toren wie die Aufmerk­sam­keit und den emotio­nalen Zustand. Wenn wir etwas fühlen, dann ist es wichtig!

Positive Emotionen mag das Gedächtnis am liebsten: Die entspre­chenden Erin­ne­rungen bleiben länger im Gedächtnis, als das bei den negativen Emotionen der Fall ist.

Übrigens: Wer aktiv versucht, etwas zu vergessen, erreicht damit oft genau das Gegenteil. Ohrwürmer sollten wir uns einfach so lange anhören, bis das Gehirn selbst genug hat.

Gedächtnis­fehler sind keine Fehler (sondern Features)

Der Gedächt­nis­for­scher Daniel Schacter vertritt die These, dass die Gedächt­nis­fehler von der Natur beab­sich­tigt sind, weil sie sinnvoll waren, als unsere Urururur-Groß­el­tern als Jäger und Sammler durch die Land­schaft zogen.

Die Aufgabe des Gehirns bestand schon immer darin, intel­li­gentes Handeln zu planen, ohne dabei zu viele Ressourcen zu verbrau­chen.

In der Steinzeit wäre es klug gewesen, eine Tele­fon­nummer sofort wieder zu vergessen, denn es gab ja ohnehin keine Telefone.

Die Aufgabe des Gehirns ist noch die gleiche, aber die Umwelt hat sich verändert

Heute gibt es Telefone, und es wäre wünschens­wert, sich einige Nummern merken zu können.

Im Zusam­men­hang mit all den Dingen, die es in der Steinzeit nicht gab, sollten wir uns nicht zu sehr auf unser Gedächtnis verlassen.

Die meisten Menschen verlassen sich zu sehr auf ihr Gedächtnis

Auch ich habe geglaubt, dass ich ein unfehl­bares Super­ge­dächtnis habe.

Aufschreiben? Nee! Kann ich mir merken!

Ich kann mir ALLES merke!

Haus­auf­gaben? Wir hatten Haus­auf­gaben auf?

Wenn sich meine eigene Erin­ne­rung nicht mit der Erin­ne­rung eines Freundes deckte, bin ich auto­ma­tisch davon ausge­gangen, dass ich recht habe und er sich irrt. Meine Erin­ne­rung fühlte sich ja echt an.

Fakt ist: Die Wahr­schein­lich­keit, dass mein Kumpel recht hatte, war genau so groß, wie die Wahr­schein­lich­keit, dass ich recht hatte.

Jeder ist von Gedächt­nis­feh­lern betroffen

Natür­liche Gedächt­nis­fehler sind unver­meid­lich. Es gibt keine funk­tio­nie­rende Pille gegen diese Fehler, und es wird auch niemals eine solche Pille geben.

Wir müssen diese Gedächt­nis­fehler akzep­tieren, und wenn wir uns keine Fehler leisten können, brauchen wir Prothesen, wie zum Beispiel Notiz­bü­cher.

In einem Artikel über kluge Lern­me­thoden stelle ich übrigens eine Art Gebrauchs­an­wei­sung für das Gedächtnis vor: Methoden, um sich mehr Infos länger und besser zu merken.

Inter­es­sante Bücher über das Gedächtnis

Ich wünsche viel Erfolg!
Jan

Dr. Jan Höpker - Foto Autorenbox

Dr. Jan Höpker

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