Gehirn­jog­ging – den IQ stei­gern ohne klüger zu werden

Gehirnjogging - Kann es die Intelligenz steigern?Der Markt für Gehirn­jog­ging ist in den letzten Jahren rapide gewach­sen. Die Anbie­ter von Apps und anderen Pro­duk­ten zum Gehirn­trai­ning teilen sich einen Kuchen von über einer Mil­li­arde US-$ jähr­lich.

Ist Gehirn­jog­ging nur eine neue Form des Zeit­ver­treibs, oder macht es tat­säch­lich Sinn, das eigene Gehirn mit Hilfe von Apps zu trai­nie­ren?

Im Zug sitzen sich zwei Männer gegen­über – der eine kaut ständig Apfel­kerne.

„Warum machen sie das?“

will der andere wissen.

„Weil die schlau machen!“

ant­wor­tet der erste und bietet ihm einige Kerne für jeweils einen Euro zum Kauf an. Dieser kauft ihm fünf Kerne ab und fängt eben­falls an zu kauen.

Nach einer Weile meint er:

„Für fünf Euro bekomme ich ja min­des­tens zwei Kilo Äpfel, da sind ja weit mehr als nur fünf Kerne drin!“

Da meinte der ersten:

„Sehen sie, es wirkt schon!“

Warum wird Gehirn­jog­ging betrie­ben?

René Des­car­tes stellte einmal fest, dass die Intel­li­genz das einzige ist, das gerecht unter den Men­schen ver­teilt ist – jeder glaubt er habe genug davon.

Obwohl sich fast alle Men­schen (ins­ge­heim) für über­durch­schnitt­lich intel­li­gent halten, erfreut sich das Gehirn­jog­ging einer wach­sen­den Beliebt­heit.

Da drängt sich die Frage auf: Warum wollen Men­schen, die sich bereits für sehr intel­li­gent halten, ihren IQ noch weiter stei­gern?

Mein Auto – mein Haus – mein IQ

Ein hoher IQ gilt als einer der zuver­läs­sigs­ten Indi­ka­to­ren für den beruf­li­chen Erfolg und wirkt sich damit indi­rekt positiv auf die Part­ner­wahl aus.

Ein hoher IQ ist ein Sta­tus­sym­bol. Sein Besit­zer kann der Zukunft gelas­se­ner ent­ge­gen­bli­cken.

Also einfach den IQ mit Gehirn­jog­ging-Apps stei­gern und alles im Leben wird besser?

Früher war die Intel­li­genz nur einer von meh­re­ren Erfolgs­fak­to­ren

Bis vor kurzem galten andere Eigen­schaf­ten als ebenso wichtig wie die Intel­li­genz:

  • Der Cha­rak­ter
  • Die innere Ein­stel­lung

Erst seit die Intel­li­genz über den IQ gemes­sen werden kann, gewann diese an Bedeu­tung.

Dabei ist die Messung der Intel­li­genz bei weitem nicht so einfach und ein­deu­tig, wie viele Men­schen glauben.

Die Exper­ten sind sich nicht einmal in der Frage einig, was Intel­li­genz über­haupt ist.

Intel­li­genz ist ein Sam­mel­be­griff für ver­schie­dene kogni­tive Fähig­kei­ten

Intel­li­genz ist nicht eine einzige klar defi­nierte Sache; es gibt viele ver­schie­dene Intel­li­genz­theo­rien.

Die meisten Intel­li­genz­for­scher lehnen sich mit ihren Aus­sa­gen und Ver­spre­chun­gen übri­gens nicht annä­hernd so weit aus dem Fenster, wie jene, die uns ihre Pro­dukte zur Stei­ge­rung der Intel­li­genz ver­kau­fen wollen.

Warum sich die Men­schen wirk­lich für Gehirn­jog­ging inter­es­sie­ren

Sehr wahr­schein­lich gibt es nicht den einen Grund für das stetig stei­gende Inter­esse an Gehirn­trai­ning.

Neben der Intel­li­genz­stei­ge­rung machen auch diese Motive Sinn:

  • Dem befürch­te­ten kogni­ti­ven Verfall vor­beu­gen. Einige Anbie­ter werben damit, dass ihre Pro­dukte Demenz und Alz­hei­mer vor­beu­gen können
  • Für einige dürfte das Gehirn­jog­ging ein Vorwand sein, um ohne schlech­tes Gewis­sen Com­pu­ter­spiele zu spielen

Effek­ti­ves Gehirn­training macht per Defi­ni­tion keinen Spaß

Einige Anbie­ter von Gehirn­jog­ging-Apps werben damit, dass ihre Spiel­chen Spaß machen, doch wahr­schein­lich ist dieses Ver­spre­chen mit der Wirk­sam­keit ihrer Pro­dukte nicht ver­ein­bar.

Kogni­ti­ves Trai­ning ist nur am Rande der Über­for­de­rung effek­tiv – man muss ständig an seine Grenzen stoßen.

Ständig über­for­dert zu sein, macht aber keinen Spaß. Wir Men­schen emp­fin­den nur Spaß an Tätig­kei­ten, die wir eini­ger­ma­ßen gut beherr­schen.

(Effek­ti­ves Mus­kel­trai­ning macht auch keinen Spaß – und wenn man die Übungen so durch­führt, dass sie Spaß machen, gibt es kaum einen Trai­nings­ef­fekt.)

Kann man das Gehirn über­haupt wie einen Muskel trai­nie­ren?

Schon immer haben die Men­schen das Gehirn mit den jeweils neu­es­ten tech­ni­schen Geräten ver­gli­chen. Erst war es die Dampf­ma­schine und dann der Com­pu­ter.

Im Zuge dieser Ver­glei­che über­tra­gen wir still und heim­lich bestimmte Eigen­schaf­ten der tech­ni­schen Geräte auf das Gehirn.

Gehirn = Com­pu­ter?

Auf einem Com­pu­ter, der aus einem Haufen Hard­ware besteht, kann ich viele ver­schie­dene Soft­ware­pro­gramme instal­lie­ren. Wenn ich eine bessere Hard­ware ein­setze, dann laufen sämt­li­che Soft­ware­pro­gramme schnel­ler.

Wenn ich das Gehirn als einen Com­pu­ter betrachte, dann erscheint es mir logisch, dass ich die Gehirn-Soft­ware schnel­ler laufen lassen kann, indem ich die Hard­ware ver­bes­sere.

Das Gehirn ist aber keine Hard­ware, auf der Soft­ware läuft. Die Hard­ware und die Soft­ware sind ein und das­selbe. Man kann nicht einfach nur die Hard­ware ändern, ohne gleich­zei­tig die Soft­ware zu ver­än­dern.

Gehirn = Muskel?

Wenn ich meine Mus­ku­la­tur trai­niere, gewinne ich an Kör­per­kraft. Diese dazu­ge­won­nene Kör­per­kraft kann ich uni­ver­sell für alle mög­li­chen kör­per­li­chen Akti­vi­tä­ten ein­set­zen.

Wenn ich das Gehirn mit einem Muskel ver­glei­che, dann erscheint es mir logisch, dass ich das Gehirn mit einer bestimm­ten Übung trai­nie­ren kann, und dass ich die dadurch gewon­nene höhere Leis­tungs­fä­hig­keit für viele andere geis­tige Auf­ga­ben nutzen kann.

Das Gehirn ist aber kein Muskel, und des­we­gen ist es nicht selbst­ver­ständ­lich, dass sich die durch Trai­ning ver­bes­ser­ten Funk­tio­nen auch auf andere Funk­tio­nen über­tra­gen lassen.

Einfach ein paar unter­halt­same Com­pu­ter­spiele spielen, um das Gehirn zu ölen, damit es wieder rund läuft – so funk­tio­niert das (sehr wahr­schein­lich) nicht!

Ist ein hoher IQ erstre­bens­wert?

Für viele Men­schen ist ein hoher IQ etwas magi­sches. Sie gehen davon aus, dass die Hoch­in­tel­li­gen­ten auto­ma­tisch Zugang zu völlig anderen Welten haben.

Stimmt das wirk­lich?

Was intel­li­gente Men­schen besser können

Hoch­in­tel­li­gente kochen auch nur mit Wasser. Das hier können Men­schen umso besser, je intel­li­gen­ter sie sind:

  • Benö­tig­tes (Wissen) kann schnel­ler aus dem Gedächt­nis abge­ru­fen werden
  • Das Arbeits­ge­dächt­nis kann mehr Infor­ma­tio­nen gleich­zei­tig ver­ar­bei­ten
  • Wich­ti­ges kann besser von Unwich­ti­gem unter­schie­den werden
  • Hand­lungs­al­ter­na­ti­ven können schnel­ler gegen­ein­an­der abge­wo­gen werden

Klingt ver­lo­ckend, aber wozu das alles?

Wozu braucht man Intel­li­genz?

Aris­to­te­les sagte (über das Ziel im Leben):

Das Ziel mensch­li­chen Han­delns ist das im guten Leben ver­wirk­lichte Glück

Intel­li­genz nützt uns nur dann etwas, wenn sie uns diesem Ziel näher­bringt.

Intel­li­gente sind tat­säch­lich erfolg­rei­cher und glück­li­cher

Der IQ sagt den all­ge­mei­nen Lebens­er­folg mit einer gewis­sen Sicher­heit voraus.

Intel­li­gente Men­schen sind im Durch­schnitt außer­dem glück­li­cher, als weniger intel­li­gente Men­schen (Quelle).

Ein hoher IQ hilft, aber die Zusam­men­hänge sind nicht streng deter­mi­nis­tisch

Auch weniger intel­li­gente Men­schen können glück­lich und erfolg­reich sein, und ein hoch­in­tel­li­gen­ter Mensch ist nicht zwangs­weise erfolg­rei­cher und glück­li­cher.

Warren Buffett, einer der reichs­ten und intel­li­gen­tes­ten Men­schen des Pla­ne­ten, sagte einmal, dass man alle IQ Punkte ober­halb von 130 getrost ver­schen­ken könne – sie bringen einem im Leben keine Vor­teile mehr.

Unter der Annahme, dass das gute Leben erstre­bens­wer­ter ist, als ein mög­lichst hoher IQ, macht eine IQ Stei­ge­rung durch Gehirn­jog­ging nur dann Sinn, wenn man durch einen zu nied­ri­gen IQ daran gehin­dert wird, ein gutes Leben zu führen.

Wenn der IQ nicht der Engpass ist, warum dann Res­sour­cen ver­schwen­den, um ihn aus Eitel­keit zu ver­bes­sern?

Das Ziel ist nicht Intel­li­genz, sondern intel­li­gen­tes Handeln

Was uns im Leben wei­ter­bringt, ist nicht die Intel­li­genz an sich, sondern intel­li­gen­tes Handeln.

Das intel­li­gente Handeln wird neben einem gestei­ger­ten IQ auch noch von wei­te­ren Fak­to­ren begüns­tigt.

  • Eine schar­fer Fokus und eine gute Kon­zen­tra­ti­ons­fä­hig­keit haben eine ebenso hohe Vor­her­sa­ge­kraft für den Lebens­er­folg wie der IQ
  • Jeder Mensch kann inner­halb kür­zes­ter Zeit Tech­ni­ken erler­nen, mit deren Hilfe sich Termine, Namen, Pins, Pass­wör­ter und Voka­beln um ein Viel­fa­ches schnel­ler und ein­fa­cher merken lassen. (Sie dazu meinen Artikel über Gedächt­nis­trai­ning.)

Und intel­li­gen­tes Handeln kann seinen Ursprung sogar außer­halb des eigenen Kopfes haben (mehr dazu später).

Was ist Intel­li­genz?

Wie schon gesagt, gibt es ver­schie­dene Modelle und Theo­rien über Intel­li­genz.

Ein Modell mit dem ich per­sön­lich sehr viel anfan­gen kann, wird in dem fol­gen­den Video von Vera F. Bir­ken­bihl erklärt:

Nach diesem Modell hängt die Intel­li­genz von drei Fak­to­ren ab:

  1. Die Geschwin­dig­keit der Signal­über­tra­gung zwi­schen den ein­zel­nen Neu­ro­nen im Gehirn
  2. Der Menge des bereits im Gedächt­nis gespei­cher­ten rele­van­ten Wissens (Bir­ken­bihl spricht von einem Wis­sens­netz)
  3. Erlern­ba­ren Metho­den, Stra­te­gie und Tech­ni­ken (Bir­ken­bihl spricht von refle­xi­ver Intel­li­genz)

Eine Stärke bei einem der drei Fak­to­ren kann eine Schwä­che bei einem anderen Faktor aus­glei­chen.

Intel­li­genz ist effek­tive Kom­mu­ni­ka­tion

Und da Kom­mu­ni­ka­tion nicht nur inner­halb eines Gehirns statt­fin­det, sondern auch zwi­schen ver­schie­de­nen Gehir­nen, besitzt ein (sozia­les) Per­so­nen-Netz­werk auch eine Intel­li­genz (kol­lek­tive Intel­li­genz).

Ein intel­li­gen­tes Netz­werkt hilft mir dabei, intel­li­gen­ter zu handeln

Wenn ich mich mit intel­li­gen­ten Men­schen ver­binde, kann ich meine effek­tive Intel­li­genz stei­gern, ohne meinen IQ ver­bes­sern zu müssen.

Die Intel­li­genz meines Per­so­nen-Netz­wer­kes kann ich darüber hinaus stei­gern, indem ich an meinen kom­mu­ni­ka­ti­ven Fähig­kei­ten arbeite.

Wo sitzt die Intel­li­genz im Gehirn?

Im Gehirn lässt sich die Intel­li­genz weder einer ein­zel­nen Region zuord­nen, noch befin­det sich sie sich überall.

Das Modell vom dezen­tra­len Netz­werk der Intel­li­genz ist das aktuell beste Modell der Intel­li­genz.

(Quelle und weitere Infos)

Wovon hängt ab, wie intel­li­gent ein Mensch wird?

Das Poten­tial der Intel­li­genz (der Maxi­mal­wert) ist gene­tisch bedingt. Im Gegen­satz zu anderen Merk­ma­len, wie zum Bei­spiel der Augen­farbe, wird Intel­li­genz aber nicht domi­nant vererbt.

Die Intel­li­genz wird nicht von einem ein­zi­gen Mas­ter­gen vererbt, sie hängt von einer Viel­zahl ver­schie­de­ner Gene ab, die jeweils nur einen mini­ma­len Beitrag zur Intel­li­genz leisten.

Das Intel­li­genz-Poten­tial wird nur unter opti­ma­len Bedin­gun­gen voll aus­ge­schöpft

Je schlech­ter die Bedin­gun­gen sind, mit umso höherer Wahr­schein­lich­keit bleibt ein Kind unter seinen Mög­lich­kei­ten. (Um das ver­erbte gene­ti­sche Poten­tial voll aus­schöp­fen zu können, bleibt nur bis etwa zum zwölf­ten Lebens­jahr Zeit.)

Kinder von Eltern mit warm­her­zi­gem und demo­kra­ti­schem Erzie­hungs­stil sind im Mittel intel­li­gen­ter, als Kinder von Eltern mit auto­ri­tä­rem Erzie­hungs­ver­hal­ten, die häufig Strafen ein­set­zen.

Der Flynn-Effekt: Die durch­schnitt­li­che Intel­li­genz der Men­schen nimmt zu

Etwa seit dem zweiten Welt­krieg kann beob­ach­tet werden, dass der durch­schnitt­li­che IQ der Men­schen stetig ansteigt.

Zu einem gewis­sen Teil könnte dies mit einer all­ge­mei­nen Ver­än­de­rung der Erzie­hungs­me­tho­den zusam­men­hän­gen.

Der Ent­de­cker des nach ihm benann­ten Flynn-Effekts, James Flynn, erklärte den Effekt nicht mit der Erzie­hung sondern mit

  • Dem Fern­se­hen
  • Dem Com­pu­ter
  • Der Ver­än­de­rung der Arbeits­welt

All­ge­mein höhere kogni­tive Anfor­de­run­gen an die Men­schen führen  zu einer höheren Intel­li­genz.

(Damit der durch­schnitt­li­che IQ trotz­dem wei­ter­hin bei 100 Punkten liegt, wird die Skala ständig ange­gli­chen.)

Dass sich die Intel­li­genz an die Anfor­de­run­gen anpasst, lässt sich auch im Kleinen beob­ach­ten: Schon im Rahmen eines Erho­lungs­ur­lau­bes von übli­cher Länge, sinkt der IQ um rund 20 Punkte, um sich nach dem Urlaub in einem ähn­li­chen Zeit­rah­men wieder zu erholen (Quelle).

Wenn man sich nach einem Urlaub geistig klarer fühlt, hat das ver­mut­lich nicht mit einer gestei­ger­ten Intel­li­genz, sondern mit dem im Urlaub statt­fin­den­den Stress­ab­bau zu tun.

Die zwei Fak­to­ren der Intel­li­genz: Fluide und kris­tal­line Intel­li­genz

Das soge­nannte Zwei-Fak­to­ren-Modell von Rymond Cattell unter­schei­det zwei grund­ver­schie­dene Arten von Intel­li­genz.

Während die fluide Intel­li­genz ab etwa Mitte 30 all­mäh­lich nach­lässt, kann die kris­tal­line Intel­li­genz bis ins hohe Alter immer weiter zuneh­men.

Gehirnjogging - Kristalline und fluide Intelligenz

Das Zwei-Fak­to­ren-Modell der Intel­li­genz von Raymond Cattell (1971) – Die fluide Intel­li­genz erreicht einen Höhe­punkt, um im höheren Lebens­al­ter schwä­cher zu werden (rote Kurven). Die kris­tal­line Intel­li­genz kann – wenn sie geför­dert wird – bis ins hohe Alter anstei­gen (helle blaue Kurve). Wenn die kris­tal­line Intel­li­genz nicht geför­dert wird, bleibt dieser Effekt aus (dunkle blaue Kurve).

Die fluide Intel­li­genz bestimmt wie schnell wir denken

Das Herz­stück der fluiden Intel­li­genz bildet das soge­nannte Arbeits­ge­dächt­nis.

Das Arbeits­ge­dächt­nis ist ein Teil des Kurz­zeit­ge­dächt­nis­ses, mit dem wir uns Infor­ma­tio­nen nicht nur merken, sondern diese auch mani­pu­lie­ren können. Das Arbeits­ge­dächt­nis ist eine Art Werk­statt in unserem Kopf.

Das Arbeits­ge­dächt­nis spielt eine wich­tige Rolle bei der Intel­li­genz, denn die Leis­tungs­fä­hig­keit des Arbeits­ge­dächt­nis­ses bestimmt unter anderem, wie schnell es uns gelingt Ziele zu wech­seln und wie gut wir nicht mehr benö­tigte Ziele hemmen können.

Die kris­tal­line Intel­li­genz bestimmt was wir denken

Die Grund­lage der kris­tal­li­nen Intel­li­genz ist unsere Erfah­rung an Wissen und die erlern­ten Metho­den, Stra­te­gien und Tech­ni­ken.

Intel­li­gen­tes Handeln bedarf beider Formen der Intel­li­genz.

Das Gehirn­jog­ging zielt darauf ab, die fluide Intel­li­genz zu ver­bes­sern, indem das Arbeits­ge­dächt­nis trai­niert wird.

Wie sich her­aus­stellte, ist es zwar möglich, das Arbeits­ge­dächt­nis zu trai­nie­ren, aber die ver­bes­serte Leis­tung des Arbeits­ge­dächt­nis­ses äußert sich nicht in einer all­ge­mei­nen Stei­ge­rung der fluiden Intel­li­genz (Quelle).

Ist Gehirn­jogging zur Stei­ge­rung des IQ sinn­voll?

Gehirn­jog­ging würde Sinn machen, wenn die fol­gen­den drei Vor­aus­set­zun­gen erfüllt wären:

  1. Durch die ent­spre­chen­den Übungen wird man nicht nur in der kon­kre­ten Übung besser, sondern es ver­bes­sert sich ein weites Spek­trum an Fähig­kei­ten
  2. Die ver­bes­ser­ten Fähig­kei­ten sind für das Leben rele­vant
  3. Es exis­tiert keine bessere Methode, um die ent­spre­chen­den Fähig­kei­ten zu ver­bes­sern

Schauen wir uns die Punkte einzeln an:

Was wird durch Gehirn­jog­ging tat­säch­lich ver­bes­sert?

Dass sich ein­zelne Gehirn­funk­tio­nen mittels Gehirn­jog­ging gezielt ver­bes­sern lassen, steht außer Frage. Studien haben gezeigt, dass das möglich ist.

Die ent­schei­dende Frage ist, ob sich die punk­tu­elle Ver­bes­se­rung auch auf andere kogni­tive Fähig­kei­ten über­trägt.

Wenn ich durch Sudoku nur in Sudoku besser werde, aber in nichts anderem, dann macht Sudoku nur zum Zeit­ver­treib Sinn, aber nicht, um mein Gehirn zu trai­nie­ren.

Dass die Anbie­ter von Gehirn­jog­ging-Apps behaup­ten, sie hätten den Hei­li­gen Gral des Gehirn­trai­nings gefun­den, ist klar, aber es ist kein Beweis für die Wirk­sam­keit ihrer Trai­nings­me­thode.

Da sich mehr als die Hälfte von allen psy­cho­lo­gi­schen Stu­di­en­ergeb­nis­sen nicht repro­du­zie­ren lassen, sollte man aus den Ergeb­nis­sen ein­zel­ner Studien lieber keine Schluss­fol­ge­run­gen für das eigene Leben ziehen (Quelle).

Mit ganz wenigen Aus­nah­men kamen bisher alle Studien zu dem Ergeb­nis, dass sich die all­ge­meine Gehirn­leis­tung durch Gehirn­jog­ging nicht ver­bes­sern lässt. Auch gegen Alz­hei­mer und Demenz ist Gehirn­jog­ging unwirk­sam (Quelle).

Unterm Strich scheint die Wirk­sam­keit von Gehirn­jog­ging eher unwahr­schein­lich zu sein.

Wird das Leben durch Gehirn­jogging besser?

Wie schon weiter oben gesagt, gibt es einen Zusam­men­hang zwi­schen Intel­li­genz und Lebens­er­folg. Dieser Zusam­men­hang ist kor­re­la­tiv aber nicht kausal.

Im Klar­text heißt das, dass intel­li­gente Men­schen sta­tis­tisch betrach­tet etwas öfters in der Lot­te­rie des Lebens gewin­nen, als weniger intel­li­gente Men­schen.

Ihr Lebens­er­folg hat aber nicht direkt etwas mit ihrer Intel­li­genz zu tun, sondern ist darauf zurück­zu­füh­ren, dass sie im Durch­schnitt bessere Ent­schei­dun­gen treffen.

Die Frage ist, ob ihre Fähig­keit, bessere Ent­schei­dun­gen zu treffen, auf ihre fluide oder auf ihre kris­tal­line Intel­li­genz zurück­zu­füh­ren ist.

Wenn über­haupt, dann kann Gehirn­jog­ging nur die fluide Intel­li­genz ver­bes­sern, denn die kris­tal­line Intel­li­genz hängt ja von Wissen und Erfah­run­gen ab.

Meiner per­sön­li­chen Ein­schät­zung nach beruhen gute (Lebens-)Entscheidungen eher auf Wissen und Erfah­rung, als auf der Geschwin­dig­keit, mit der sie getrof­fen werden.

Unterm Strich scheint es eher unwahr­schein­lich zu sein, dass sich Gehirn­jog­ging positiv auf den Lebens­er­folg aus­wirkt.

Gibt es etwas bes­se­res als Gehirn­jog­ging?

Gleich aus meh­re­ren Gründen scheint es sinn­vol­ler, die kris­tal­line Intel­li­genz zu ver­bes­sern, anstatt mit frag­wür­di­gen Metho­den an der fluiden Intel­li­genz her­um­zu­dok­tern.

Während die fluide Intel­li­genz nach oben hin aus gene­ti­schen Gründen beschränkt ist, lässt sich die kris­tal­line Intel­li­genz prak­tisch unbe­grenzt stei­gern.

Hier gibt es sogar einen Zin­ses­zins­ef­fekt: Je mehr (Vor-)Wissen man schon hat, umso leich­ter lässt sich wei­te­res Wissen erwer­ben. Die kris­tal­line Intel­li­genz wächst expo­nen­ti­ell.

Unterm Strich macht es wohl mehr Sinn, Res­sour­cen in die eigene Bildung, als in frag­wür­di­ges Gehirn­jog­ging zu inves­tie­ren.

Ein wei­te­res Argu­mente gegen Gehirn­jog­ging-Apps: Oppor­tu­ni­täts­kos­ten

Das Gehirn passt sich an die jewei­li­gen Anfor­de­run­gen an.

Fähig­kei­ten, bei denen wir regel­mä­ßig an unsere Grenzen stoßen, ver­bes­sern sich, und Auf­ga­ben, die wir nicht mehr regel­mä­ßig durch­füh­ren, ver­ler­nen wir wieder.

Es gibt keinen Still­stand – ent­we­der wir lernen oder wir ver­ler­nen.

Was vielen Men­schen nicht klar zu sein scheint ist, dass viele der Dinge, die wir im Alltag tun, aus Sicht des Gehirns kom­plexe Auf­ga­ben sind. Ins­be­son­dere der soziale Umgang mit anderen Men­schen ist hier zu nennen. Alle diese Auf­ga­ben trai­nie­ren das Gehirn.

Die meisten Gehirn­pro­zesse sind zudem unbe­wusst, sodass wir ihre Kom­pli­ziert­heit aus dem Gefühl heraus gar nicht beur­tei­len können.

Zum Bei­spiel muss das Gehirn bei mehr­spra­chig auf­ge­wach­se­nen Men­schen immer die­je­nige Sprache aktiv unter­drü­cken, die gerade nicht gespro­chen wird.

Dabei wird das Gehirn per­ma­nent so sehr trai­niert, dass Demenz­er­kran­kun­gen bei Men­schen, die zwei­spra­chig auf­ge­wach­sen sind, im Mittel erst drei bis fünf Jahre später auf­tre­ten, als bei Men­schen, die ein­spra­chig auf­ge­wach­sen sind (Quelle).

Das gezielte Gehirn­trai­ning macht im Grunde nur dann wirk­lich Sinn, wenn man es sich zu einer dau­er­haf­ten Ange­wohn­heit macht.

Einmal für ein paar Wochen zu trai­nie­ren, um dann die nächs­ten Monate davon zu pro­fi­tie­ren, klappt nicht. Man ver­schwen­det nur seine Zeit

Das große Problem am geziel­ten Gehirn­trai­ning sind die Oppor­tu­ni­täts­kos­ten: Während man Gehirn­jog­ging macht, macht man nichts anderes.

Man trai­niert nur eine einzige von vielen Fähig­kei­ten, die im Alltag zudem keine Rele­vanz hat. Man hofft, dass sich diese eine Fähig­keit auf viele andere, im Alltag nütz­li­che und rele­vante Fähig­kei­ten über­trägt, aber es gibt keine Garan­tie, dass das wirk­lich pas­siert.

Ist Gehirn­jog­ging für alle Men­schen unge­eig­net?

Nein. Ver­mut­lich kann Gehirn­jog­ging Men­schen helfen, bei denen bestimmte Gehirn­funk­tio­nen auf­grund ein­sei­ti­ger Berufe stark unter­for­dert und damit schlecht trai­niert sind.

Wer abwechs­lungs­reich lebt und arbei­tet, braucht aber kein Gehirn­jog­ging.

Besser als Gehirn­jog­ging: Das Gehirn neben­bei trai­nie­ren

Diese Hobbies wirken sich positiv auf die Intel­li­genz und das Gehirn aus:

  • Spra­chen lernen
  • Medi­ta­tion
  • Video­spiele (aber nur 30 Minuten pro Tag)
  • Lesen
  • Sport
  • Musik­in­stru­mente spielen

(Quelle)

Wenn man außer­dem noch diese Dinge ver­mei­det, kann das Gehirn gut gedei­hen:

  • Mono­to­ner Beruf
  • Chro­ni­scher Stress
  • Chro­ni­scher Schlaf­man­gel
  • Ruhe­stand ins­be­son­dere in Ver­bin­dung mit Armut (wer rastet rostet)
  • Stun­den­lan­ges TV gucken

Außer­dem wird das Gehirn durch soziale Inter­ak­tion trai­niert.

Fazit

Anstatt mit irgend­wel­chen frag­wür­di­gen Com­pu­ter­spie­len die Intel­li­genz zu trai­nie­ren, macht es mehr Sinn, einen Intel­li­genz-för­dern­den Lebens­stil anzu­stre­ben und niemals mit dem Lernen auf­zu­hö­ren.

Nur wenn das nicht möglich ist, kann es Sinn machen, Gehirn­jog­ging zur Gehirn­op­ti­mie­rung in Betracht zu ziehen.

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4 Antworten auf Gehirn­jog­ging – den IQ stei­gern ohne klüger zu werden

  1. Waldemar sagt:

    Hallo ihr beiden,
    ich kann Jahn da nur bei­pflich­ten. Mir macht dieses Trai­nie­ren an meiner kör­per­li­chen Grenze ganz beson­ders viel Spaß. Aller­dings bin ich mir nicht sicher, ob das bei mir schon immer so war oder ich mir das ein biss­chen aner­zo­gen habe genauso wie meine Liebe zu Knie­beu­gen und Kreuz­he­ben.
    Ansons­ten wie sonst auch ein äußerst fun­dier­ter Beitrag von dir, Jan. Schön, dass ich mein Wissen mal wieder auf­fri­schen konnte, ins­be­son­dere der Punkt mit der fluiden und kris­tal­li­nen Intel­li­genz war in eine ver­staubte Ecke meines Gedächt­nis­ses gerutscht.
    Bei dieser Liste:
    „Spra­chen lernen, Medi­ta­tion, Video­spiele (aber nur 30 Minuten pro Tag), Lesen, Sport, Musik­in­stru­mente spielen“
    …kann ich auch nur zustim­men. Seit ich selber noch eine vierte Sprache lerne und viel lese, medi­tiere und Sport treibe, geht die Leis­tungs­fä­hig­keit meines Hirns zumin­dest für meine Ver­hält­nisse immer mehr durch die Decke.
    Danke für den Beitrag und ein schönes Wochen­ende.
    Herz­lichst,
    Wal­de­mar

    • Jan sagt:

      Hey Wal­de­mar,

      Vielen Dank für das Feed­back. Ich selbst habe über­haupt keine Erfah­rung mit Kraft­trai­ning, aber jetzt bin ich über­zeugt, dass es auch Spaß machen kann. Ich betreibe seit über 20 Jahren nur Aus­dauer- und Team­sport, haupt­säch­lich Jogging und Bas­ket­ball. Beim Joggen geht es mir auch oft so, dass ich Spaß daran habe, mich selbst zu „quälen“.

      Ich wünsche dir eben­falls ein schönes Wochen­ende,
      Viele Grüße,
      Jan

  2. Hi Jan,

    sehr span­nen­der Artikel zu einem Thema, das ich bislang nicht so kon­tro­verse gesehen habe. Ich muss zugeben, dass ich nicht in allen Punkten Deiner Meinung bin aber das regt micht auf ejden Fall zum Nach­den­ken an.

    In einem Punkt muss ich Dir, als Fit­ness­blog­ger, aller­dings wider­spre­chen: Effek­ti­ves Mus­kel­trai­ning macht asehr wohl Spaß! Gerade dieses an seine Grenzen gehen kann ein sehr befrie­di­gen­des Erleb­nis sein. Ich denke auch, dass sich dies eben­falls auf die geis­tige Leis­tung über­tra­gen lässt.

    Alles in allem muss ich auch noch los­wer­den, dass mir dieser Trend etwas auf den Sack geht. Das ist doch wieder so ein Aus­wuchs unserer Leis­tungs­ge­sell­schaft, den eigent­lich keiner braucht. Nur des­we­gen machen das so viele, obwohl sie keinen Spaß daran haben und werden diesen aus dem gefühl­ten Zwang heraus auch nie finden.

    Die Auf­zäh­lung von Alter­na­ti­ven finde ich auf jeden Fall eine posi­tive Message an alle, die sich mit etwas wirk­lich Sinn­vol­lem etwas Gutes tun wollen.

    Viele Grüße
    Jahn

    • Jan sagt:

      Hey Jahn,

      Danke für’s Teilen deiner Erfah­rung mit dem Spaß beim Mus­kel­trai­ning. Wenn es ent­ge­gen meiner Ver­mu­tung doch Spaß macht (Ich per­sön­lich mache fast nur Aus­dau­er­sport.), dann umso besser. Dass sich Mus­kel­trai­ning positiv auf die geis­tige Lei­sungs­fä­hig­keit aus­wirkt, ist glaub ich sogar wis­sen­schaft­lich belegt.

      Was mich am Trend mit dem Gehirn­jog­ging, und an den meisten anderen Trends auch, nervt ist, dass es im Grunde nur ums Geld­ver­die­nen geht. Man ver­kauft den Men­schen ein gutes Gewis­sen mit einem Lebens­stil, der objek­tiv betrach­tet nicht gut ist.

      Viele Grüße,
      Jan

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