Gehirn­jog­ging – den IQ steigern ohne klüger zu werden

Gehirnjogging - Kann es die Intelligenz steigern?Ist Gehirn­jog­ging nur eine neue Form des Zeit­ver­treibs, oder macht es tatsäch­lich Sinn, das eigene Gehirn mit Hilfe von Apps zu trai­nieren?

Der Markt für Gehirn­jog­ging ist in den letzten Jahren rapide gewachsen. Die Anbieter von Apps und anderen Produkten zum Gehirn­trai­ning teilen sich einen Kuchen von über einer Milliarde US-$ jährlich.

Im Zug sitzen sich zwei Männer gegenüber – der eine kaut ständig Apfel­kerne.

„Warum machen sie das?“

will der andere wissen.

„Weil die schlau machen!“

antwortet der erste und bietet ihm einige Kerne für jeweils einen Euro zum Kauf an. Dieser kauft ihm fünf Kerne ab und fängt ebenfalls an zu kauen.

Nach einer Weile meint er:

„Für fünf Euro bekomme ich ja mindes­tens zwei Kilo Äpfel, da sind ja weit mehr als nur fünf Kerne drin!“

Da meinte der ersten:

„Sehen sie, es wirkt schon!“

Warum wird Gehirn­jog­ging betrieben?

René Descartes stellte einmal fest, dass die Intel­li­genz das einzige ist, das gerecht unter den Menschen verteilt ist – jeder glaubt er habe genug davon.

Obwohl sich fast alle Menschen (insgeheim) für über­durch­schnitt­lich intel­li­gent halten, erfreut sich das Gehirn­jog­ging einer wach­senden Beliebt­heit.

Da drängt sich die Frage auf: Warum wollen Menschen, die sich bereits für sehr intel­li­gent halten, ihren IQ noch weiter steigern?

Mein Auto – mein Haus – mein IQ

Ein hoher IQ gilt als einer der zuver­läs­sigsten Indi­ka­toren für den beruf­li­chen Erfolg und wirkt sich damit indirekt positiv auf die Part­ner­wahl aus.

Ein hoher IQ ist ein Status­symbol. Sein Besitzer kann der Zukunft gelas­sener entge­gen­bli­cken.

Also einfach den IQ mit Gehirn­jog­ging-Apps steigern und alles im Leben wird besser?

Früher war die Intel­li­genz nur einer von vielen Erfolgs­fak­toren

Bis vor kurzem galten andere Eigen­schaften als ebenso wichtig wie die Intel­li­genz:

  • Der Charakter
  • Die innere Einstel­lung

Erst seit die Intel­li­genz über den IQ gemessen werden kann, gewann diese an Bedeutung.

Dabei ist die Messung der Intel­li­genz bei weitem nicht so einfach und eindeutig, wie viele Menschen glauben.

Die Experten sind sich nicht einmal in der Frage einig, was Intel­li­genz überhaupt ist.

Intel­li­genz: Ein Sammel­be­griff für kognitive Fähig­keiten

Intel­li­genz ist nicht eine einzige klar defi­nierte Sache; es gibt viele verschie­dene Intel­li­genz­theo­rien.

Die meisten Intel­li­genz­for­scher lehnen sich mit ihren Aussagen und Verspre­chungen übrigens nicht annähernd so weit aus dem Fenster, wie jene, die uns ihre Produkte zur Stei­ge­rung der Intel­li­genz verkaufen wollen.

Warum Gehirn­jog­ging tatsäch­lich inter­es­sant ist

Sehr wahr­schein­lich gibt es nicht den einen Grund für das stetig steigende Interesse an Gehirn­trai­ning.

Neben der Intel­li­genz­stei­ge­rung machen auch diese Motive Sinn:

  • Dem befürch­teten kogni­tiven Verfall vorbeugen. Einige Anbieter werben damit, dass ihre Produkte Demenz und Alzheimer vorbeugen können
  • Für einige dürfte das Gehirn­jog­ging ein Vorwand sein, um ohne schlechtes Gewissen Compu­ter­spiele zu spielen

Effek­tives Gehirn­training macht per Defi­ni­tion keinen Spaß

Einige Anbieter von Gehirn­jog­ging-Apps werben damit, dass ihre Spielchen Spaß machen, doch wahr­schein­lich ist dieses Verspre­chen mit der Wirk­sam­keit ihrer Produkte nicht vereinbar.

Kogni­tives Training ist nur am Rande der Über­for­de­rung effektiv – man muss ständig an seine Grenzen stoßen.

Ständig über­for­dert zu sein, macht aber keinen Spaß. Wir Menschen empfinden nur Spaß an Tätig­keiten, die wir eini­ger­maßen gut beherr­schen.

(Effek­tives Muskel­trai­ning macht auch keinen Spaß – und wenn man die Übungen so durch­führt, dass sie Spaß machen, gibt es kaum einen Trai­nings­ef­fekt.)

Kann man das Gehirn wie einen Muskel trai­nieren?

Schon immer haben die Menschen das Gehirn mit den jeweils neuesten tech­ni­schen Geräten vergli­chen. Erst war es die Dampf­ma­schine und dann der Computer.

Im Zuge dieser Vergleiche über­tragen wir still und heimlich bestimmte Eigen­schaften der tech­ni­schen Geräte auf das Gehirn.

Gehirn = Computer?

Auf einem Computer, der aus einem Haufen Hardware besteht, kann ich viele verschie­dene Soft­ware­pro­gramme instal­lieren. Wenn ich eine bessere Hardware einsetze, dann laufen sämtliche Soft­ware­pro­gramme schneller.

Wenn ich das Gehirn als einen Computer betrachte, dann erscheint es mir logisch, dass ich die Gehirn-Software schneller laufen lassen kann, indem ich die Hardware verbes­sere.

Das Gehirn ist aber keine Hardware, auf der Software läuft. Die Hardware und die Software sind ein und dasselbe. Man kann nicht einfach nur die Hardware ändern, ohne gleich­zeitig die Software zu verändern.

Gehirn = Muskel?

Wenn ich meine Musku­latur trainiere, gewinne ich an Körper­kraft. Diese dazu­ge­won­nene Körper­kraft kann ich univer­sell für alle möglichen körper­li­chen Akti­vi­täten einsetzen.

Wenn ich das Gehirn mit einem Muskel vergleiche, dann erscheint es mir logisch, dass ich das Gehirn mit einer bestimmten Übung trai­nieren kann, und dass ich die dadurch gewonnene höhere Leis­tungs­fä­hig­keit für viele andere geistige Aufgaben nutzen kann.

Das Gehirn ist aber kein Muskel, und deswegen ist es nicht selbst­ver­ständ­lich, dass sich die durch Training verbes­serten Funk­tionen auch auf andere Funk­tionen über­tragen lassen.

Einfach ein paar unter­halt­same Compu­ter­spiele spielen, um das Gehirn zu ölen, damit es wieder rund läuft – so funk­tio­niert das (sehr wahr­schein­lich) nicht!

Ist ein hoher IQ erstre­bens­wert?

Für viele Menschen ist ein hoher IQ etwas magisches. Sie gehen davon aus, dass die Hoch­in­tel­li­genten auto­ma­tisch Zugang zu völlig anderen Welten haben.

Stimmt das wirklich?

Was intel­li­gente Menschen besser können

Hoch­in­tel­li­gente kochen auch nur mit Wasser. Das hier können Menschen umso besser, je intel­li­genter sie sind:

  • Benö­tigtes (Wissen) kann schneller aus dem Gedächtnis abgerufen werden
  • Das Arbeits­ge­dächtnis kann mehr Infor­ma­tionen gleich­zeitig verar­beiten
  • Wichtiges kann besser von Unwich­tigem unter­schieden werden
  • Hand­lungs­al­ter­na­tiven können schneller gegen­ein­ander abgewogen werden

Klingt verlo­ckend, aber wozu das alles?

Wozu braucht man Intel­li­genz?

Aris­to­teles sagte (über das Ziel im Leben):

Das Ziel mensch­li­chen Handelns ist das im guten Leben verwirk­lichte Glück

Intel­li­genz nützt uns nur dann etwas, wenn sie uns diesem Ziel näher­bringt.

Intel­li­gente sind tatsäch­lich erfolg­rei­cher und glück­li­cher

Der IQ sagt den allge­meinen Lebens­er­folg mit einer gewissen Sicher­heit voraus.

Intel­li­gente Menschen sind im Durch­schnitt außerdem glück­li­cher, als weniger intel­li­gente Menschen (Quelle).

Die Zusam­men­hänge sind nicht streng deter­mi­nis­tisch

Auch weniger intel­li­gente Menschen können glücklich und erfolg­reich sein, und ein hoch­in­tel­li­genter Mensch ist nicht zwangs­weise erfolg­rei­cher und glück­li­cher.

Warren Buffett, einer der reichsten und intel­li­gen­testen Menschen des Planeten, sagte einmal, dass man alle IQ Punkte oberhalb von 130 getrost verschenken könne – sie bringen einem im Leben keine Vorteile mehr.

Unter der Annahme, dass das gute Leben erstre­bens­werter ist, als ein möglichst hoher IQ, macht eine IQ Stei­ge­rung durch Gehirn­jog­ging nur dann Sinn, wenn man durch einen zu niedrigen IQ daran gehindert wird, ein gutes Leben zu führen.

Wenn der IQ nicht der Engpass ist, warum dann Ressourcen verschwenden, um ihn aus Eitelkeit zu verbes­sern?

Es geht nicht um IQ-Punkte, sondern um intel­li­gentes Handeln

Was uns im Leben weiter­bringt, ist nicht die Intel­li­genz an sich, sondern intel­li­gentes Handeln.

Das intel­li­gente Handeln wird neben einem gestei­gerten IQ auch noch von weiteren Faktoren begüns­tigt.

  • Eine scharfer Fokus und eine gute Konzen­tra­ti­ons­fä­hig­keit haben eine ebenso hohe Vorher­sa­ge­kraft für den Lebens­er­folg wie der IQ
  • Jeder Mensch kann innerhalb kürzester Zeit Techniken erlernen, mit deren Hilfe sich Termine, Namen, Pins, Pass­wörter und Vokabeln um ein Viel­fa­ches schneller und einfacher merken lassen. (Sie dazu meinen Artikel über Gedächt­nis­trai­ning.)

Und intel­li­gentes Handeln kann seinen Ursprung sogar außerhalb des eigenen Kopfes haben (mehr dazu später).

Was ist Intel­li­genz?

Wie schon gesagt, gibt es verschie­dene Modelle und Theorien über Intel­li­genz.

Ein Modell mit dem ich persön­lich sehr viel anfangen kann, wird in dem folgenden Video von Vera F. Birken­bihl erklärt:

Nach diesem Modell hängt die Intel­li­genz von drei Faktoren ab:

  1. Die Geschwin­dig­keit der Signal­über­tra­gung zwischen den einzelnen Neuronen im Gehirn
  2. Der Menge des bereits im Gedächtnis gespei­cherten rele­vanten Wissens (Birken­bihl spricht von einem Wissens­netz)
  3. Erlern­baren Methoden, Strategie und Techniken (Birken­bihl spricht von refle­xiver Intel­li­genz)

Eine Stärke bei einem der drei Faktoren kann eine Schwäche bei einem anderen Faktor ausglei­chen.

Intel­li­genz ist effektive Kommu­ni­ka­tion

Und da Kommu­ni­ka­tion nicht nur innerhalb eines Gehirns statt­findet, sondern auch zwischen verschie­denen Gehirnen, besitzt ein (soziales) Personen-Netzwerk auch eine Intel­li­genz (kollek­tive Intel­li­genz).

Ein intel­li­gentes Netzwerkt hilft mir dabei, intel­li­genter zu handeln

Wenn ich mich mit intel­li­genten Menschen verbinde, kann ich meine effektive Intel­li­genz steigern, ohne meinen IQ verbes­sern zu müssen.

Die Intel­li­genz meines Personen-Netz­werkes kann ich darüber hinaus steigern, indem ich an meinen kommu­ni­ka­tiven Fähig­keiten arbeite.

Wo sitzt die Intel­li­genz im Gehirn?

Im Gehirn lässt sich die Intel­li­genz weder einer einzelnen Region zuordnen, noch befindet sich sie sich überall.

Das Modell vom dezen­tralen Netzwerk der Intel­li­genz ist das aktuell beste Modell der Intel­li­genz.

(Quelle und weitere Infos)

Wovon hängt ab, wie intel­li­gent ein Mensch wird?

Das Potential der Intel­li­genz (der Maxi­mal­wert) ist genetisch bedingt. Im Gegensatz zu anderen Merkmalen, wie zum Beispiel der Augen­farbe, wird Intel­li­genz aber nicht dominant vererbt.

Die Intel­li­genz wird nicht von einem einzigen Mastergen vererbt, sie hängt von einer Vielzahl verschie­dener Gene ab, die jeweils nur einen minimalen Beitrag zur Intel­li­genz leisten.

Das Intel­li­genz-Potential wird nur unter optimalen Bedin­gungen voll ausge­schöpft

Je schlechter die Bedin­gungen sind, mit umso höherer Wahr­schein­lich­keit bleibt ein Kind unter seinen Möglich­keiten. (Um das vererbte gene­ti­sche Potential voll ausschöpfen zu können, bleibt nur bis etwa zum zwölften Lebens­jahr Zeit.)

Kinder von Eltern mit warm­her­zigem und demo­kra­ti­schem Erzie­hungs­stil sind im Mittel intel­li­genter, als Kinder von Eltern mit auto­ri­tärem Erzie­hungs­ver­halten, die häufig Strafen einsetzen.

Der Flynn-Effekt: Die durch­schnitt­liche Intel­li­genz der Menschen nimmt zu

Etwa seit dem zweiten Weltkrieg kann beob­achtet werden, dass der durch­schnitt­liche IQ der Menschen stetig ansteigt.

Zu einem gewissen Teil könnte dies mit einer allge­meinen Verän­de­rung der Erzie­hungs­me­thoden zusam­men­hängen.

Der Entdecker des nach ihm benannten Flynn-Effekts, James Flynn, erklärte den Effekt nicht mit der Erziehung sondern mit

  • Dem Fernsehen
  • Dem Computer
  • Der Verän­de­rung der Arbeits­welt

Allgemein höhere kognitive Anfor­de­rungen an die Menschen führen  zu einer höheren Intel­li­genz.

(Damit der durch­schnitt­liche IQ trotzdem weiterhin bei 100 Punkten liegt, wird die Skala ständig ange­gli­chen.)

Dass sich die Intel­li­genz an die Anfor­de­rungen anpasst, lässt sich auch im Kleinen beob­achten: Schon im Rahmen eines Erho­lungs­ur­laubes von üblicher Länge, sinkt der IQ um rund 20 Punkte, um sich nach dem Urlaub in einem ähnlichen Zeit­rahmen wieder zu erholen (Quelle).

Wenn man sich nach einem Urlaub geistig klarer fühlt, hat das vermut­lich nicht mit einer gestei­gerten Intel­li­genz, sondern mit dem im Urlaub statt­fin­denden Stress­abbau zu tun.

Die 2 Faktoren der Intel­li­genz: Fluide und kris­tal­line Intel­li­genz

Das soge­nannte Zwei-Faktoren-Modell von Rymond Cattell unter­scheidet zwei grund­ver­schie­dene Arten von Intel­li­genz.

Während die fluide Intel­li­genz ab etwa Mitte 30 allmäh­lich nachlässt, kann die kris­tal­line Intel­li­genz bis ins hohe Alter immer weiter zunehmen.

Gehirnjogging - Kristalline und fluide Intelligenz

Das Zwei-Faktoren-Modell der Intel­li­genz von Raymond Cattell (1971) – Die fluide Intel­li­genz erreicht einen Höhepunkt, um im höheren Lebens­alter schwächer zu werden (rote Kurven). Die kris­tal­line Intel­li­genz kann – wenn sie gefördert wird – bis ins hohe Alter ansteigen (helle blaue Kurve). Wenn die kris­tal­line Intel­li­genz nicht gefördert wird, bleibt dieser Effekt aus (dunkle blaue Kurve).

Die fluide Intel­li­genz bestimmt wie schnell wir denken

Das Herzstück der fluiden Intel­li­genz bildet das soge­nannte Arbeits­ge­dächtnis.

Das Arbeits­ge­dächtnis ist ein Teil des Kurz­zeit­ge­dächt­nisses, mit dem wir uns Infor­ma­tionen nicht nur merken, sondern diese auch mani­pu­lieren können. Das Arbeits­ge­dächtnis ist eine Art Werkstatt in unserem Kopf.

Das Arbeits­ge­dächtnis spielt eine wichtige Rolle bei der Intel­li­genz, denn die Leis­tungs­fä­hig­keit des Arbeits­ge­dächt­nisses bestimmt unter anderem, wie schnell es uns gelingt Ziele zu wechseln und wie gut wir nicht mehr benötigte Ziele hemmen können.

Die kris­tal­line Intel­li­genz bestimmt was wir denken

Die Grundlage der kris­tal­linen Intel­li­genz ist unsere Erfahrung an Wissen und die erlernten Methoden, Stra­te­gien und Techniken.

Intel­li­gentes Handeln bedarf beider Formen der Intel­li­genz.

Das Gehirn­jog­ging zielt darauf ab, die fluide Intel­li­genz zu verbes­sern, indem das Arbeits­ge­dächtnis trainiert wird.

Wie sich heraus­stellte, ist es zwar möglich, das Arbeits­ge­dächtnis zu trai­nieren, aber die verbes­serte Leistung des Arbeits­ge­dächt­nisses äußert sich nicht in einer allge­meinen Stei­ge­rung der fluiden Intel­li­genz (Quelle).

Gehirn­jogging zur IQ-Stei­ge­rung sinnvoll?

Gehirn­jog­ging würde Sinn machen, wenn die folgenden drei Voraus­set­zungen erfüllt wären:

  1. Durch die entspre­chenden Übungen wird man nicht nur in der konkreten Übung besser, sondern es verbes­sert sich ein weites Spektrum an Fähig­keiten
  2. Die verbes­serten Fähig­keiten sind für das Leben relevant
  3. Es existiert keine bessere Methode, um die entspre­chenden Fähig­keiten zu verbes­sern

Schauen wir uns die Punkte einzeln an:

Was wird durch Gehirn­jog­ging verbes­sert?

Dass sich einzelne Gehirn­funk­tionen mittels Gehirn­jog­ging gezielt verbes­sern lassen, steht außer Frage. Studien haben gezeigt, dass das möglich ist.

Die entschei­dende Frage ist, ob sich die punk­tu­elle Verbes­se­rung auch auf andere kognitive Fähig­keiten überträgt.

Wenn ich durch Sudoku nur in Sudoku besser werde, aber in nichts anderem, dann macht Sudoku nur zum Zeit­ver­treib Sinn, aber nicht, um mein Gehirn zu trai­nieren.

Dass die Anbieter von Gehirn­jog­ging-Apps behaupten, sie hätten den Heiligen Gral des Gehirn­trai­nings gefunden, ist klar, aber es ist kein Beweis für die Wirk­sam­keit ihrer Trai­nings­me­thode.

Da sich mehr als die Hälfte von allen psycho­lo­gi­schen Studi­en­ergeb­nissen nicht repro­du­zieren lassen, sollte man aus den Ergeb­nissen einzelner Studien lieber keine Schluss­fol­ge­rungen für das eigene Leben ziehen (Quelle).

Mit ganz wenigen Ausnahmen kamen bisher alle Studien zu dem Ergebnis, dass sich die allge­meine Gehirn­leis­tung durch Gehirn­jog­ging nicht verbes­sern lässt. Auch gegen Alzheimer und Demenz ist Gehirn­jog­ging unwirksam (Quelle).

Unterm Strich scheint die Wirk­sam­keit von Gehirn­jog­ging eher unwahr­schein­lich zu sein.

Wird das Leben durch Gehirn­jogging besser?

Wie schon weiter oben gesagt, gibt es einen Zusam­men­hang zwischen Intel­li­genz und Lebens­er­folg. Dieser Zusam­men­hang ist korre­lativ aber nicht kausal.

Im Klartext heißt das, dass intel­li­gente Menschen statis­tisch betrachtet etwas öfters in der Lotterie des Lebens gewinnen, als weniger intel­li­gente Menschen.

Ihr Lebens­er­folg hat aber nicht direkt etwas mit ihrer Intel­li­genz zu tun, sondern ist darauf zurück­zu­führen, dass sie im Durch­schnitt bessere Entschei­dungen treffen.

Die Frage ist, ob ihre Fähigkeit, bessere Entschei­dungen zu treffen, auf ihre fluide oder auf ihre kris­tal­line Intel­li­genz zurück­zu­führen ist.

Wenn überhaupt, dann kann Gehirn­jog­ging nur die fluide Intel­li­genz verbes­sern, denn die kris­tal­line Intel­li­genz hängt ja von Wissen und Erfah­rungen ab.

Meiner persön­li­chen Einschät­zung nach beruhen gute (Lebens-)Entscheidungen eher auf Wissen und Erfahrung, als auf der Geschwin­dig­keit, mit der sie getroffen werden.

Unterm Strich scheint es eher unwahr­schein­lich zu sein, dass sich Gehirn­jog­ging positiv auf den Lebens­er­folg auswirkt.

Gibt es etwas besseres als Gehirn­jog­ging?

Gleich aus mehreren Gründen scheint es sinn­voller, die kris­tal­line Intel­li­genz zu verbes­sern, anstatt mit frag­wür­digen Methoden an der fluiden Intel­li­genz herum­zu­dok­tern.

Während die fluide Intel­li­genz nach oben hin aus gene­ti­schen Gründen beschränkt ist, lässt sich die kris­tal­line Intel­li­genz praktisch unbe­grenzt steigern.

Hier gibt es sogar einen Zinses­zins­ef­fekt: Je mehr (Vor-)Wissen man schon hat, umso leichter lässt sich weiteres Wissen erwerben. Die kris­tal­line Intel­li­genz wächst expo­nen­tiell.

Unterm Strich macht es wohl mehr Sinn, Ressourcen in die eigene Bildung, als in frag­wür­diges Gehirn­jog­ging zu inves­tieren.

Oppor­tu­ni­täts­kosten sprechen gegen Gehirn­jog­ging

Das Gehirn passt sich an die jewei­ligen Anfor­de­rungen an.

Fähig­keiten, bei denen wir regel­mäßig an unsere Grenzen stoßen, verbes­sern sich, und Aufgaben, die wir nicht mehr regel­mäßig durch­führen, verlernen wir wieder.

Es gibt keinen Still­stand – entweder wir lernen oder wir verlernen.

Was vielen Menschen nicht klar zu sein scheint ist, dass viele der Dinge, die wir im Alltag tun, aus Sicht des Gehirns komplexe Aufgaben sind. Insbe­son­dere der soziale Umgang mit anderen Menschen ist hier zu nennen. Alle diese Aufgaben trai­nieren das Gehirn.

Die meisten Gehirn­pro­zesse sind zudem unbewusst, sodass wir ihre Kompli­ziert­heit aus dem Gefühl heraus gar nicht beur­teilen können.

Zum Beispiel muss das Gehirn bei mehr­spra­chig aufge­wach­senen Menschen immer diejenige Sprache aktiv unter­drü­cken, die gerade nicht gespro­chen wird.

Dabei wird das Gehirn permanent so sehr trainiert, dass Demenz­er­kran­kungen bei Menschen, die zwei­spra­chig aufge­wachsen sind, im Mittel erst drei bis fünf Jahre später auftreten, als bei Menschen, die einspra­chig aufge­wachsen sind (Quelle).

Das gezielte Gehirn­trai­ning macht im Grunde nur dann wirklich Sinn, wenn man es sich zu einer dauer­haften Ange­wohn­heit macht.

Einmal für ein paar Wochen zu trai­nieren, um dann die nächsten Monate davon zu profi­tieren, klappt nicht. Man verschwendet nur seine Zeit

Das große Problem am gezielten Gehirn­trai­ning sind die Oppor­tu­ni­täts­kosten: Während man Gehirn­jog­ging macht, macht man nichts anderes.

Man trainiert nur eine einzige von vielen Fähig­keiten, die im Alltag zudem keine Relevanz hat. Man hofft, dass sich diese eine Fähigkeit auf viele andere, im Alltag nützliche und relevante Fähig­keiten überträgt, aber es gibt keine Garantie, dass das wirklich passiert.

Ist Gehirn­jog­ging für alle Menschen unge­eignet?

Nein. Vermut­lich kann Gehirn­jog­ging Menschen helfen, bei denen bestimmte Gehirn­funk­tionen aufgrund einsei­tiger Berufe stark unter­for­dert und damit schlecht trainiert sind.

Wer abwechs­lungs­reich lebt und arbeitet, braucht aber kein Gehirn­jog­ging.

Besser als Gehirn­jog­ging: Das Gehirn nebenbei trai­nieren

Diese Hobbies wirken sich positiv auf die Intel­li­genz und das Gehirn aus:

  • Sprachen lernen
  • Medi­ta­tion
  • Video­spiele (aber nur 30 Minuten pro Tag)
  • Lesen
  • Sport
  • Musik­in­stru­mente spielen

(Quelle)

Wenn man außerdem noch diese Dinge vermeidet, kann das Gehirn gut gedeihen:

  • Monotoner Beruf
  • Chro­ni­scher Stress
  • Chro­ni­scher Schlaf­mangel
  • Ruhestand insbe­son­dere in Verbin­dung mit Armut (wer rastet rostet)
  • Stun­den­langes TV gucken

Außerdem wird das Gehirn durch soziale Inter­ak­tion trainiert.

Fazit

Anstatt mit irgend­wel­chen frag­wür­digen Compu­ter­spielen die Intel­li­genz zu trai­nieren, macht es mehr Sinn, einen Intel­li­genz-fördernden Lebens­stil anzu­streben und niemals mit dem Lernen aufzu­hören.

Nur wenn das nicht möglich ist, kann es Sinn machen, Gehirn­jog­ging zur Gehirn­op­ti­mie­rung in Betracht zu ziehen.

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4 Antworten auf Gehirn­jog­ging – den IQ steigern ohne klüger zu werden

  1. Waldemar sagt:

    Hallo ihr beiden,
    ich kann Jahn da nur beipflichten. Mir macht dieses Trai­nieren an meiner körper­li­chen Grenze ganz besonders viel Spaß. Aller­dings bin ich mir nicht sicher, ob das bei mir schon immer so war oder ich mir das ein bisschen anerzogen habe genauso wie meine Liebe zu Knie­beugen und Kreuz­heben.
    Ansonsten wie sonst auch ein äußerst fundierter Beitrag von dir, Jan. Schön, dass ich mein Wissen mal wieder auffri­schen konnte, insbe­son­dere der Punkt mit der fluiden und kris­tal­linen Intel­li­genz war in eine verstaubte Ecke meines Gedächt­nisses gerutscht.
    Bei dieser Liste:
    «Sprachen lernen, Medi­ta­tion, Video­spiele (aber nur 30 Minuten pro Tag), Lesen, Sport, Musik­in­stru­mente spielen»
    ...kann ich auch nur zustimmen. Seit ich selber noch eine vierte Sprache lerne und viel lese, meditiere und Sport treibe, geht die Leis­tungs­fä­hig­keit meines Hirns zumindest für meine Verhält­nisse immer mehr durch die Decke.
    Danke für den Beitrag und ein schönes Wochen­ende.
    Herz­lichst,
    Waldemar

    • Jan sagt:

      Hey Waldemar,

      Vielen Dank für das Feedback. Ich selbst habe überhaupt keine Erfahrung mit Kraft­trai­ning, aber jetzt bin ich überzeugt, dass es auch Spaß machen kann. Ich betreibe seit über 20 Jahren nur Ausdauer- und Teamsport, haupt­säch­lich Jogging und Basket­ball. Beim Joggen geht es mir auch oft so, dass ich Spaß daran habe, mich selbst zu «quälen».

      Ich wünsche dir ebenfalls ein schönes Wochen­ende,
      Viele Grüße,
      Jan

  2. Hi Jan,

    sehr span­nender Artikel zu einem Thema, das ich bislang nicht so kontro­verse gesehen habe. Ich muss zugeben, dass ich nicht in allen Punkten Deiner Meinung bin aber das regt micht auf ejden Fall zum Nach­denken an.

    In einem Punkt muss ich Dir, als Fitness­blogger, aller­dings wider­spre­chen: Effek­tives Muskel­trai­ning macht asehr wohl Spaß! Gerade dieses an seine Grenzen gehen kann ein sehr befrie­di­gendes Erlebnis sein. Ich denke auch, dass sich dies ebenfalls auf die geistige Leistung über­tragen lässt.

    Alles in allem muss ich auch noch loswerden, dass mir dieser Trend etwas auf den Sack geht. Das ist doch wieder so ein Auswuchs unserer Leis­tungs­ge­sell­schaft, den eigent­lich keiner braucht. Nur deswegen machen das so viele, obwohl sie keinen Spaß daran haben und werden diesen aus dem gefühlten Zwang heraus auch nie finden.

    Die Aufzäh­lung von Alter­na­tiven finde ich auf jeden Fall eine positive Message an alle, die sich mit etwas wirklich Sinn­vollem etwas Gutes tun wollen.

    Viele Grüße
    Jahn

    • Jan sagt:

      Hey Jahn,

      Danke für’s Teilen deiner Erfahrung mit dem Spaß beim Muskel­trai­ning. Wenn es entgegen meiner Vermutung doch Spaß macht (Ich persön­lich mache fast nur Ausdau­er­sport.), dann umso besser. Dass sich Muskel­trai­ning positiv auf die geistige Leisungs­fä­hig­keit auswirkt, ist glaub ich sogar wissen­schaft­lich belegt.

      Was mich am Trend mit dem Gehirn­jog­ging, und an den meisten anderen Trends auch, nervt ist, dass es im Grunde nur ums Geld­ver­dienen geht. Man verkauft den Menschen ein gutes Gewissen mit einem Lebens­stil, der objektiv betrachtet nicht gut ist.

      Viele Grüße,
      Jan

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