Geschrieben von Dr. Jan Höpker

Aktualisiert am 20. November 2021


Der Kreis der Schrottbuch-Unternehmer, die sich mit Hilfe von Fake-Rezensionen bei Amazon die Taschen vollmachen, wird stetig größer. In dieser Ergänzung zu meinem Artikel Die Zerstörung der Fake-Ratgeber möchte ich zeigen, welches Ausmaß der Rezensionsbetrug im Bereich der Sach‑, Koch- und Ratgeberbücher bereits angenommen hat.

Was Schrottbücher und Fake-Experten sind, wird im Hauptartikel erklärt.

Vom Start weg ungewöhnlich viele Rezensionen

In den ersten Wochen nach der Veröffentlichung erhalten die Schrottbücher der Fake-Experten typischerweise aberwitzig viele positive Rezensionen – und dann kommen ganz plötzlich keine neuen Rezensionen mehr dazu.

Seltsamerweise lässt der zeitliche Verlauf des Bestseller-Ranges – einer Kennzahl, die angibt, wie oft das Buch in letzter Zeit gekauft wurde – jedoch keinen ähnlich dramatischen Rückgang der Verkaufszahlen erkennen. Im Gegenteil: Oftmals geht es mit den Verkäufen jetzt erst richtig los. Was geht hier vor sich?

Um diesem seltsamen Phänomen auf den Grund zu gehen, habe ich die Rezensionen von neun Büchern aus meiner Nische Fokus und Konzentration analysiert:

  1. Dr. Jan Höpker – Erfolg durch Fokus & Konzentration (mein Buch)
  2. Martin Krengel – Golden Rules
  3. Cal Newport – Konzentriert arbeiten
  4. Christopher Lodge – Erfolg durch Fokus und Konzentration
  5. Next Level Academy – Konzentration, Achtsamkeit und Fokus lernen
  6. Stefan Sorger – Konzentration
  7. Matthias Brandt – ZEIT & FOKUS
  8. Die Lernprofis – Konzentriert Arbeiten
  9. Vincent Matthiesen – FOKUS & KONZENTRATION

Die ersten drei Bücher stammen von real existierenden Autoren: Jan Höpker (der Autor dieses Artikels), Martin Krengel und Cal Newport.

Die anderen sechs Titel sind Schrottbücher von Fake-Experten: Christopher Lodge, Next Level Academy, Stefan Sorger, Matthias Brandt, Die Lernprofis und Vincent Matthiesen.

Zum Zeitpunkt meiner Analyse (Mai 2020) hatten die neun Bücher zwischen 58 und 213 Rezensionen.

Wann wurden die Rezensionen veröffentlicht?

Abbildung 1 zeigt die Anzahl der pro Monat veröffentlichten Rezensionen. Gezeigt sind die ersten 17 Monate nach der Veröffentlichung des jeweiligen Buches.

Abbildung 1: Wann wurden die Rezensionen veröffentlicht? | Das Diagramm zeigt, wie viele Rezensionen die Bücher in den einzelnen Monaten erhalten haben. Gezeigt sind die ersten 17 Monate nach der Veröffentlichung des jeweiligen Buches. Die Auszählung erfolgte per Hand (Stand: 10.05.2020).

Wie man Abbildung 1 entnehmen kann, wurden die Bücher der real existierenden Autoren (grün) von Anfang an nur sporadisch rezensiert, während die Schrottbücher der Fake-Experten (rot) in den ersten Monaten außergewöhnlich oft und später so gut wie gar nicht mehr rezensiert wurden.

Von wem stammen die Rezensionen?

Die allermeisten Rezensenten lassen sich einer von zwei Gruppen zuordnen, die ich als Normal-Rezensenten und Ultraviel-Rezensenten bezeichnen möchte.

  • Normal-Rezensenten zeigen ein Verhalten, wie man es von einem gewöhnlichen Amazon-Kunden erwarten könnte: gelegentlich veröffentlichen sie eine Rezension, aber insgesamt haben sie nicht mehr als eine mittlere zweistellige Anzahl an Rezensionen veröffentlicht.
  • Ultraviel-Rezensenten haben bereits Hunderte oder sogar mehr als tausend Rezensionen veröffentlicht, zu denen täglich weitere hinzukommen.

Natürlich gibt es auch einen Graubereich, aber der ist so dünn besiedelt, dass man ihn vernachlässigen kann. Fast alle Rezensenten haben entweder weniger als 50 oder mehr als 250 Rezensionen veröffentlicht. (Wie viele Rezensionen ein Rezensent veröffentlicht hat, erfährt man, wenn man bei Amazon auf den Namen des Rezensenten klickt.)

Wie Abbildung 2 beispielhaft zeigt, wurden die Bücher der real existierenden Autoren (grün) mehrheitlich von Normal-Rezensenten rezensiert, während die Rezensionen der Schrottbücher (rot) mehrheitlich von Ultraviel-Rezensenten stammten.

Abbildung 2: Aufschlüsselung der Rezensenten von zwei Fake-Ratgebern (rot) und zwei Büchern real existierender Autoren (grün) | Gemäß der Anzahl an Rezensionen (Rezis), die sie laut ihrem Profil in Summe bereits veröffentlicht haben, wurden die Rezensenten je einer von vier Gruppen zugeteilt: 1–10 Rezis, 11–50 Rezis, 51–250 Rezis und >250 Rezis. Das Diagramm zeigt, wie die Rezensenten der vier Bücher auf die vier Gruppen verteilt sind. Die Auszählung erfolgte per Hand (Stand: 10.05.2020).

In der Standardeinstellung zeigt das öffentliche Rezensentenprofil neben der Anzahl der bisher veröffentlichten Rezensionen außerdem noch an, welche Produkte rezensiert wurden. Wenn ein Rezensent Letzteres nicht möchte, muss er sein Profil auf privat stellen.

Wie man Abbildung 3 entnehmen kann, sind die Profile der meisten Schrottbuch-Rezensenten (rot) auf privat gestellt, d. h. man will sich nicht in die Karten bzw. Rezensionen schauen lassen. Bei den Rezensenten, die die Bücher der real existierenden Autoren rezensiert haben (grün) gibt es hingegen kaum Geheimnistuerei: Bei nur zwei Prozent von ihnen war das Profil auf privat gestellt.

Abbildung 3: Öffentlich einsehbar oder auf privat gestellt? | Auf privat gestellte Rezensentenprofile findet man so gut wie nur bei den Rezensenten der Schrottbücher (rot). Die Auszählung erfolgte per Hand (Stand: 10.05.2020).

Das ist seltsam: Einerseits wollen die Rezensenten der Schrottbücher, dass ihre Rezensionen öffentlich sichtbar sind, denn genau das ist der Sinn und Zweck einer Rezension. Gleichzeitig wollen sie, dass ihre Rezensionen nicht sichtbar sind, sonst hätten sie ihre Profile nicht auf privat gestellt. Diese Rezensenten wollen also gleichzeitig bremsen und gasgeben. Was macht das für einen Sinn?

Was haben die Rezensenten der Schrottbücher zu verbergen?

Nehmen wir einmal an, die Ultraviel-Rezensenten der Schrottbücher wären – verbotenerweise – für ihre Rezensionen bezahlt worden. Könnten nicht ihre Auftraggeber ein privates Profil verlangt haben? Ich denke schon.

Wenn ich ein Schrottbuch-Unternehmer wäre und Rezensionen kaufen würde, dann würde ich ganz bestimmt auch nicht wollen, dass diejenigen, die die Bücher kaufen sollen, sehen können, dass die Rezensionen von Rezensenten stammen, die zum Teil mehrmals täglich(!) mutmaßliche Schrottbücher mit nichtssagender Lobhudelei bewertet haben.

Wie plausibel ist diese Hypothese?

Schauen wir doch einfach nach! Mithilfe der Webseite reviewmeta können wir den Rezensenten in die Karten schauen. Dazu müssen wir nur die URL der Verkaufsseite des zu analysierenden Buches in die Suchmaske kopieren und auf den Go-Button klicken.

Reviewmeta verrät uns, welche Bücher und anderen Produkte von den Rezensenten des von uns eingegebenen Buches ebenfalls rezensiert wurden. Es werden bis zu neun Produkte mit der höchsten Übereinstimmung angezeigt.

Zunächst möchte ich zwei Bücher von real existierenden Autoren analysieren, um zu zeigen, wie ein natürliches Ergebnis aussieht. Abbildung 4 zeigt die Analyse der Rezensenten meines Buches Erfolg durch Fokus & Konzentration. Wie man sieht, beträgt die Übereinstimmung mit anderen Produkten nur ein bis drei Prozent.

Abbildung 4: Analyse der Rezensenten mit reviewmeta (Screenshot) | Die Rezensenten, die mein Buch Erfolg durch Fokus & Konzentration rezensiert haben, haben auch diese Produkte rezensiert. (Stand: 10.05.2020).

Bei dem Buch Golden Rules des real existierenden Autors Martin Krengel sieht es ähnlich aus:

Abbildung 5: Analyse der Rezensenten mit reviewmeta (Screenshot) | Die Rezensenten, die das Buch Golden Rules von Martin Krengel rezensiert haben, haben auch diese Produkte rezensiert (Stand: 10.05.2020).

Schauen wir uns nun die Schrottbücher der Fake-Experten an!

Abbildung 6 zeigt die Auswertung des Schrottbuches ZEIT & FOKUS von Matthias Brandt. Mit über 60 Prozent ist die Übereinstimmung mit anderen Titeln ungewöhnlich hoch:

Abbildung 6: Analyse der Rezensenten mit reviewmeta (Screenshot) | Die Rezensenten, die das Schrottbuch ZEIT & FOKUS des Fake-Experten Matthias Brandt rezensiert haben, haben auch diese Produkte rezensiert (Stand: 10.05.2020).

Bei dem Schrottbuch FOKUS & KONZENTRATION des Fake-Experten Vincent Matthiesen sieht die Auswertung ähnlich aus. Mehr als 60 Prozent Übereinstimmung mit anderen Titeln:

Abbildung 7: Analyse der Rezensenten mit reviewmeta (Screenshot) | Die Rezensenten, die das Schrottbuch FOKUS & KONZENTRATION des Fake-Experten Vincent Matthiesen rezensiert haben, haben auch diese Produkte rezensiert (Stand: 10.05.2020).

In Worten: 65 der 85 Rezensenten, die FOKUS & KONZENTRATION von Vincent Matthiesen rezensiert haben, haben auch BARF – Artgerechte Rohfütterung für Hunde von Theodor Roswell rezensiert.

Anders formuliert: Nur 20 der 85 Rezensenten des Buches von Matthiesen haben das Buch von Roswell nicht rezensiert! Man stelle sich vor, man kommt in einen Raum mit 85 Personen und 65 davon haben am gleichen Tag Geburtstag. Das kann kein Zufall sein!

    • Danke! Einige der Rezensenten, die Hunderte Schrottbücher rezensiert hatten, wurden von Amazon aus dem Verkehr gezogen (oder sie haben selbst alle ihre Rezensionen gelöscht), aber ernstzunehmende Konsequenzen sind mir nicht bekannt.

  • Amazon hat die raffiniertesten Algorhythmen der Welt entwickelt um möglichst viele Produkte zu verkaufen. Es wäre ja wohl ein Kinderspiel, dem beschriebenen Treiben völlig automatisiert den Garaus zu machen. Vielleicht nicht gewollt, da durch die Schrottbuchverkäufe ingesamt der Umsatz steigt? Sehr bedauerlich :(

    • Hallo Jean, ich denke auch, dass Amazon dem Treiben mit Hilfe eines Algorithmus leicht ein Ende setzen könnte. Warum das nicht passiert, ist eine gute Frage …

  • Warum werden gerade die Bücher von Stefan Mähleke nicht vom Mark genommen. Die wurden von schlecht bezahlten Ghostwritern ohne Ahnung geschrieben und wohl mit gekauften guten Bewertungen bedacht. Schade dass Amazon diese Bücher nicht vom Markt nimmt.

    • Ich bin kein Fan von Zensur, deswegen wäre ich dafür, die betroffenen Bücher nicht vom Markt zu nehmen, sondern nur die Fake-Rezensionen zu entfernen. Anschließend könnte der Markt entscheiden, was mit den Büchern passieren soll.

  • Hallo Jan,
    Gute Recherche. Aber das sind Klein-Kriminelle.
    Schaue dir bitte mal den Selbsthilfe-Bereich an, wo die dicken Fische schwimmen: [Name zensiert], [Name zensiert] – Die Marketing-Firmen kaufen hunderte Fake Rezensionen für das Buch, um die Leute darüber in die Webinare und Seminare zu locken, wo dann richtig abkassiert wird. Hier geht der Schaden in die Millionen.

    • Hallo Emil,
      Danke für deinen Kommentar. Die beiden Namen, die du in deinem Kommentar genannt hast, habe ich vorsichtshalber zensiert, denn »dicke Fische« gehen häufig mit rechtlichen Mitteln gegen unbewiesene Behauptungen vor. Ich habe mir die Bücher der beiden mal bei Amazon angesehen, und zumindest auf den ersten Blick scheinen mir die Rezensionen echt zu sein. Wie kommst du drauf, dass die gekauft sind?
      Viele Grüße, Jan

  • Vielen Dank für die akribische Recherche und die ausführliche Darstellung. Ich beobachte das Phänomen auch schon lange und habe oft das Gefühl, gegen Windmühlen zu kämpfen. Hoffen wir, dass Amazon sich irgendwann einmal nachhaltig des Problems annimmt.
    Beste Grüße
    Cordula Natusch

  • Ausgezeichnete Recherche. Stimmt punktgenau mit meinen eigenen Beobachtungen überein.

    Interessant ist aber auch die andere Seite, wie nämlich diese Fake-Ratgeber produziert werden. Da gibt es beispielsweise in der Schweiz ein von zwei Damen geführtes »Lektorat”, das Kohorten von Produzenten beschäftigt, die meistens von fremdsprachigen Büchern klauen, sie hin und her über den Google Übersetzer laufen lassen, worauf eine »eigenständige« Version entsteht, diese dann mit einem hammergeilen Cover versehen und Wusch! geht die Rakete ab. 

    In diesem einträglichen Segment zählen 30 k Umsätze p.M. zu den »normalen« Erlösen.

    • Danke! Ich bin mal gespannt, was passiert, wenn es in naher Zukunft frei zugängliche KIs gibt, die entweder kostenlos oder für kleines Geld Texte über ein ihnen vorgegebenes Thema ausspucken.

    • Hallo Herr Lischke,
      ein sehr interessanter Artikel, den sie da geschrieben haben. Auch der Begriff »Allmendebuch« gefällt mir gut und werde ihn sicherlich in Zukunft hin und wieder benutzen.
      Viele Grüße, Jan

  • Hallo und vielen Dank für diese sehr ausführliche Recherche. Mit ist dieses Treiben seit Jahren bekannt und endlich fängt Amazon an, etwas dagegen zu unternehmen. Auch der Blogbeitrag »Die Zerstörung der Fake-Ratgeber« hat einiges bestätigt, was ich mir seit langem dachte. Auch dafür danke!!!!

    • Hallo Jürgen, ich danke dir für deinen Kommentar und das Feedback. Leider sind viele der gelöscht geglaubten Rezensionen der Schrottbücher inzwischen wieder aufgetaucht. Scheinbar hatte der Löschalgorithmus bei den Nicht-Schrottbüchern einige legale Rezensionen mitgelöscht, sodass die Löschaktion teilweise wieder rückgängig gemacht werden musste. Hoffen wir, dass Amazon weiterhin an dem Problem arbeitet. Viele Grüße, Jan

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