Ich-Botschaften – Die #1 Regel für gute Kommu­ni­ka­tion

Geschrieben am 9. April 2017 von Dr. Jan Höpker.

Ich-Botschaften sind das Werkzeug für dauerhaft erfül­lende soziale Bezie­hungen. In diesem Artikel erfährst du, wie du deinen sozialen Einfluss und die Qualität deiner Bezie­hungen mit Ich-Botschaften deutlich verbes­sern kannst.

Ich-Botschaften sind eine wichtige Regel für konstruktive Kritik (Kommunikation)

Du-Botschaften sind destruktiv

Eigent­lich wollte Anna ihrem Freund Peter, der sie schon wieder versetzt hatte, nur zu verstehen geben, dass sie verletzt war.

»Immer kommst du (Idiot) zu spät! Ich bin dir doch völlig egal!«

Nicht zum ersten Mal bekam Peter Annas direkte Worte in den falschen Hals. Es kam es zu einem heftigen Streit. Die beiden bewarfen sich abwech­selnd mit allen möglichen Anschul­di­gungen. Jeder wollte den anderen über­trumpfen, weil er sich im Recht fühlte und den Streit gewinnen wollte.

Als schließ­lich nicht nur Worte, sondern Teller und Tassen durch die Wohnung flogen, bestand der Scher­ben­haufen nicht nur aus Porzellan. Anna zog wutent­brannt aus der gemein­samen Wohnung aus. Es funk­tio­nierte einfach nicht mehr.

Wenn sie falsch kommu­ni­ziert werden, können sich minimal unter­schied­liche Sicht­weisen zu einem großen Streit aufschau­keln.

Die Fronten können sich so sehr verhärten, dass gar keine normalen Gespräche mehr möglich sind. Aus jeder Fliege wird sofort ein Elefant – und der trampelt dann alles kaputt.

Manche Menschen können einfach nicht mitein­ander. Stimmt das wirklich? Nein!

Das Problem ist die destruk­tive Kommu­ni­ka­tion

Fast immer sind nicht die Menschen das Problem, sondern deren ungüns­tige Kommu­ni­ka­tion. Auch ich wurde hin und wieder zu einem tobenden Elefanten. Mein Gegenüber trieb mich zur Weißglut.

Stunden später kam mir meine Reaktion zwar auch maßlos über­trieben vor, aber trotzdem gelang es mir nicht, mich in ähnlichen Situa­tionen anders zu verhalten. Bestimmte Arten der Kommu­ni­ka­tion schienen bei mir einen Schalter umzulegen. Eine Erklärung hatte ich damals noch nicht.

Ich-Botschaften sind konstrukiv

Erst im letzten Jahr fiel mir durch Zufall das Buch Mitein­ander Reden (Teil 1)* von Frie­de­mann Schulz von Thun in die Hände. Da hatte ich meine Erklärung für all die sinnlosen Streits: Du-Botschaften. Die Lösung wurde gleich mitge­lie­fert: Ich-Botschaften.

Was ich schade, aber nicht weiter verwun­der­lich finde: Die wirklich lebens­ver­bes­sernden Dinge (was Ich-Botschaften zwei­fels­frei sind) wurden uns in der Schule nicht beigebracht.

Win-win oder lose-lose?

Soziale Dynamik erinnert an den berühmten Schmet­ter­lings­ef­fekt: Schon kleine Unter­schiede in der Formu­lie­rung von Kritik­punkten können zu großen Unter­schieden im Ergebnis führen.

Ausein­an­der­set­zungen lassen sich nicht vermeiden. Dass beide Parteien als Verlierer vom Platz gehen, lässt sich sehr wohl vermeiden. Ob eine Ausein­an­der­set­zung in einem Win-win oder in einem Lose-lose endet, hängt von der Art der Kommu­ni­ka­tion ab. In vielen Fällen führen Du-Botschaften zu unnötigen Streits. Ich-Botschaften bewirken das genaue Gegenteil: Sie stoßen eine konstruk­tive Lösung des Problems an und stärken die soziale Beziehung.

Ein paar typische Beispiele von Du-Botschaften:

»Immer kommst du zu spät!«

»Ich bin dir völlig egal!«

»Du bist so blöd!«

»Immer liegen überall deine Sachen rum!«

Die Anatomie der Du-Botschaften

Im Kern geht es nicht so sehr um die Formu­lie­rung »Du …«, sondern darum, dass eine oft über­trie­bene und verall­ge­mei­nerte Aussage über die andere Person gemacht wird. Solche Botschaften sind immer destruktiv, weil sie in der anderen Person auto­ma­tisch eine Abwehr- oder Vertei­di­gungs­re­ak­tion auslösen. Du-Botschaften lösen oft eine emotio­nale Reaktion aus, die sehr drastisch ausfallen kann, wenn die Beziehung bereits vorbe­lastet ist.

Hier kommt das Konzept der emotio­nalen Konten ins Spiel. Im Kern geht es warum, dass die an einer sozialen Beziehung betei­ligten Personen jeweils ein Konto haben, auf welches die jeweils andere Person durch gutes Verhalten einzahlt und durch schlechtes Verhalten abhebt. Wenn das Konto gut gefüllt ist, wird schlechtes Verhalten in der Regel toleriert. Wenn das Konto aber (fast) leer ist, dann kann das Abheben schnell dazu führen, dass sich die Person in einen tobenden Elefanten verwan­deln.

Das Problem ist, dass unser Gehirn besonders gerne Du-Botschaften formu­liert. Du-Botschaften werden uns einfach auf die Zunge gelegt.

Du-Botschaften in Ich-Botschaften über­setzen

Wir müssen die destruk­tiven Du-Botschaften in konstruk­tive Ich-Botschaften über­setzen.

Du-Botschaft vs. Ich-Botschaft Beispiel 1

Du-Botschaft: »Immer kommst du zu spät!«
Ich-Botschaft: »Du bist heute zu spät gekommen und das hat dazu geführt, dass ich mich vernach­läs­sigt gefühlt habe.«

Du-Botschaft vs. Ich-Botschaft Beispiel 2

Du-Botschaft: »Ich bin dir völlig egal!«
Ich-Botschaft: »Wenn du unsere Verab­re­dung vergisst, bekomme ich das Gefühl, dass ich dir egal bin.«

Du-Botschaft vs. Ich-Botschaft Beispiel 3

Du-Botschaft: »Du bist so blöd!«
Ich-Botschaft: »Wenn du dich in dieser Situation auf diese Weise verhältst, frage ich mich ...«

Du-Botschaft vs. Ich-Botschaft Beispiel 4

Du-Botschaft: »Immer liegen überall deine Sachen rum!«
Ich-Botschaft: »Es stört mich, wenn deine Kleider im Schlaf­zimmer auf dem Boden liegen.«

Mit Ich-Botschaften treffe ich eine Aussage über mich und nicht über die andere Person. Damit mache ich das Problem zu meinem Problem, anstatt der anderen Person ein Problem vorzu­werfen.

Wichtige Unter­schiede zwischen Du- und Ich-Botschaften

Du-Botschaften verall­ge­mei­nern

Du-Botschaften enthalten häufig verall­ge­mei­nernde Worte, wie zum Beispiel:

  • immer
  • ständig
  • überall
  • andauernd
  • schon wieder

Du-Botschaften verall­ge­mei­nern eine konkrete Situation und da kann die andere Person natürlich nicht zustimmen. Eine Abwehr­re­ak­tion ist vorpro­gram­miert.

Ich-Botschaften sind spezi­fisch

Ich-Botschaften beschreiben den einen Auslöser des Problems so spezi­fisch wie möglich, ohne zu verall­ge­mei­nern.

Ich-Botschaften beschreiben Tatsachen

Bei Ich-Botschaften stehen meine Gefühle im Vorder­grund. Gefühle entstehen in bestimmten Situa­tionen spontan, ohne, dass ich darauf einen großen Einfluss habe. Eine Ich-Botschaft beschreibt letztlich nur, dass ein bestimmter Auslöser ein bestimmtes Gefühl bei mir ausgelöst hat. Ich bitte die andere Person, den Auslöser in Zukunft zu unter­lassen.

Regeln zum Formu­lieren von Ich-Botschaften

#1 | Das auslö­sende Verhalten ohne Bewertung beschreiben. Den Satz am besten mit »Wenn …« beginnen.

#2 | Beschreibe die Wirkung des Verhal­tens so anschau­lich und greifbar wie möglich. Wichtig ist, dass man einräumt, dass das entspre­chende Verhalten nicht objektiv, sondern lediglich subjektiv betrachtet »schlecht« ist.

#3 | Drücke das Gefühl aus, welches bei dir erzeugt wird.

Vorteile von Ich-Botschaften

  • Der Kriti­sierte erfährt etwas über die Bedürf­nisse des Kritikers. Dadurch macht der Kritiker sich angreifbar. Er stellt sich also nicht über den Kriti­sierten.
  • Es ist keine Vertei­di­gung nötig, weil kein Angriff statt­findet. Es wird lediglich eine Tatsache beschrieben.
  • Es ist keine Diskus­sion erfor­der­lich, weil niemand beweisen muss, dass er recht hat.

Ich-Botschaften zur Gewohn­heit machen

Ich-Botschaften sind eine Berei­che­rung für jede soziale Beziehung, denn diese Art der Kommu­ni­ka­tion macht konstruk­tives Kriti­sieren erst möglich.

Am Ende stellt sich natürlich die Frage, wie man es im Eifer des Gefechts hinbe­kommen kann, die auf der Zunge liegenden Du-Botschaften gegen Ich-Botschaften auszu­tau­schen.

Einige mögliche Ansätze:

  • Sprich mit deinem Partner deinen Fami­li­en­mit­glie­dern oder Freunden über das Konzept der Ich-Botschaften und verabrede mit ihnen, gemeinsam daran zu arbeiten, Du-Botschaften gegen Ich-Botschaften auszu­tau­schen. So könnt ihr euch gegen­seitig coachen. Eine soziale Beziehung profi­tiert am meisten, wenn sie von beiden Seiten gleich­zeitig verbes­sert wird.
  • Wenn du ein Tagebuch führst, könntest du Ich-Botschaften regel­mäßig schrift­lich üben. So steigt die Wahr­schein­lich­keit, dass dir im entschei­denden Moment die richtigen Worte einfallen.
  • Verbes­sere deine Konzen­tra­ti­ons­fä­hig­keit! Nur wenn du konzen­triert bist, kannst du bemerken, dass eine Du-Botschaft auf deiner Zunge liegt. Wenn du konzen­trierter werden möchtest, könnte mein Buch Erfolg durch Fokus und Konzen­tra­tion inter­es­sant für dich sein.

Ich wünsche dir viel Erfolg!
Jan Höpker

Dr. Jan Höpker - Foto Autorenbox

Über Dr. Jan Höpker

Eines Tages wachte ich auf und stellte fest, dass ich über viele spannende Themen nicht nur nichts wusste, sondern nicht einmal wusste, dass ich nichts über sie wusste (trotz Studium und Promotion). Seitdem lese ich viele schlaue Bücher und mache mir Gedanken, die ich auf dieser Webseite veröf­fent­liche.

Meine Artikel gehen in die Tiefe, weil ich für Ober­fläch­lich­keit keine Zeit habe. Warum die Seite HabitGym heißt? Weil es nicht darum geht, Dinge nur zu wissen, sondern Wissen auch anzu­wenden, was einiger Übung bedarf. Auch Geld ist nur ein Werkzeug, nicht mehr und nicht weniger. Zurzeit arbeite ich übrigens an meiner zweiten Million – die erste Million hat leider nicht geklappt ;)

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2 Antworten auf Ich-Botschaften – Die #1 Regel für gute Kommu­ni­ka­tion

  1. Hallo,

    ein beden­kens­werter, anre­gender Artikel! Danke. Die Ich-Botschaften, die Sie als Beispiel anführen, sind ja nichts anderes als eine vorweg genommene Einlei­tung oder besser: Einladung zu einem Gespräch mit dem anderen, denn in ihnen ist ja bereits das »wir« enthalten. Ich glaube, darin liegt das Geheimnis der Ich-Botschaften. Und auch darin, dass der andere zum reagieren, nicht resi­gnieren, animiert wird.
    Viele Grüße
    Gabriele Frings
    schrei​ben​und​leben​.com

    • AvatarJan sagt:

      Hallo und danke für den Kommentar. Ich denke auch, dass das Geheimnis der Ich-Botschaften letztlich darin liegt, dass sie den Fokus des Gesprächs­part­ners schonmal in die richtige Richtung stoßen.

      Viele Grüße,
      Jan

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