Kri­tik­fä­hig­keit – Sou­ve­rän im Umgang mit Kritik werden (in 2 Schrit­ten)

Die Kritikfähigkeit verbessernDass viele Men­schen nicht mit Kritik umgehen können, ist bedau­er­lich, denn Kri­tik­fä­hig­keit ist eine Grund­vor­aus­set­zung für Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung. Nur wer kri­tik­fä­hig ist, kann aus Kritik lernen und Kritik zu seinem Vorteil nutzen.

In diesem Artikel stelle ich Denk­wei­sen und Tak­ti­ken vor, die die Fähig­keit im Umgang mit Kritik deut­lich ver­bes­sern können.

Man­gelnde Kri­tik­fä­hig­keit ist ein Problem

In Amerika sagt man:

Die meisten Men­schen wollen lieber durch Lob rui­niert, als durch Kritik geret­tet werden

Und in seinen Pri­ci­ples (*) schreibt der Mul­ti­mil­li­ar­där Ray Dalio:

Die Unfä­hig­keit mit Kritik umzu­ge­hen, ist viel­leicht das größte Problem der Mensch­heit

Man­gelnde Kri­tik­fä­hig­keit ist also nicht bloß ein per­sön­li­ches, sondern auch ein gesell­schaft­li­ches Problem.

Auf kon­struk­tive Kritik kann jeder ent­spannt reagie­ren

Wenn man nicht ent­spannt reagie­ren kann, dann ist die Kritik nicht kon­struk­tiv. Die beste und wirk­samste Kritik wird gar nicht als Kritik wahr­ge­nom­men.

Leider wird die Kunst,  kon­struk­tive Kritik zu üben, von den wenigs­ten Men­schen beherrscht, und das bedeu­tet, dass Kritik – auch wenn sie berech­tigt ist – meis­tens unan­ge­nehm ist.

Wie mit Kritik umgehen, die unbe­rech­tigt scheint?

Im anony­men Inter­net wird gerne dieser Rat­schlag gegeben:

Wenn dich jemand kri­ti­siert, dann hat der­je­nige ein Problem und nicht du!

Ich sage: Wer so über Kritik denkt, wird bald noch ganz andere Pro­bleme haben!

Es ist gar nicht so einfach, fest­zu­stel­len, ob Kritik unbe­rech­tigt ist, denn:

Auch berech­tigte Kritik scheint auf den ersten Blick oft unbe­rech­tigt zu sein

Wir begehen unsere Fehler ja nie mit Absicht, denn unter Berück­sich­ti­gung aller Fak­to­ren, handeln wir in jeder Situa­tion so gut wir nur können.

Wenn wir Fehler machen, dann nur aus einem Grund: Wir können oder wissen es nicht besser. Würden wir es  besser wissen, dann würden wir es auch besser machen.

Kritik trifft daher meist auf einen blinden Fleck, und es dauert eine Weile, bis wir ihn erken­nen. Bis es so weit ist, erscheint uns die Kritik unbe­rech­tigt zu sein.

Kri­tik­fä­hig zu werden, ist ein zwei­stu­fi­ger Prozess

Schritt #1 auf dem Weg zur Kri­tik­fä­hig­keit

Der erste Schritt besteht darin, eine posi­tive Ein­stel­lung gegen­über jeder Art von Kritik zu ent­wi­ckeln.

Wir müssen erken­nen, dass Kritik grund­sätz­lich gut für uns ist.

Schritt #2 auf dem Weg zur Kri­tik­fä­hig­keit

In einem zweiten Schritt legt man sich eine ein­fa­che Routine für den Ernst­fall zurecht.

Wer statt­des­sen beab­sich­tigt, wei­ter­hin zu impro­vi­sie­ren, wird immer wieder die glei­chen Fehler machen und kann seine Kri­tik­fä­hig­keit nicht ver­bes­sern.

Durch eine Ände­rung der inneren Ein­stel­lung Kri­tik­fä­hig­keit erlan­gen

Gesunde Men­schen wollen von Natur aus lernen und sich per­sön­lich wei­ter­ent­wi­ckeln. Dabei gilt:

  1. Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung findet außer­halb der Kom­fort­zone statt
  2. Eine Grund­vor­aus­set­zung für Lernen ist objek­ti­ves Feed­back

So betrach­tet ist Kritik eine tolle Sache, denn sie schafft beides gleich­zei­tig: Wir erhal­ten Feed­back und gleich­zei­tig ver­las­sen wir unsere Kom­fort­zone.

Kritik ist ein zwei­schnei­di­ges Schwert

Neben ihrer Eigen­schaft, wert­vol­les Feed­back zu sein, ist Kritik auch eine beliebte Waffe im all­täg­li­chen Kampf um Macht und sozia­len Status.

(Andere werden kri­ti­siert, um sie schlecht aus­se­hen zu lassen, um von eigenen Fehlern abzu­len­ken, und um Dampf abzu­las­sen.)

In der Praxis ist Kritik fast immer eine Mischung aus beidem – mit ver­schie­den großen Antei­len.

Wir können von beiden Antei­len der Kritik pro­fi­tie­ren

Der Feed­back-Anteil der Kritik gibt uns die Mög­lich­keit, unsere Fähig­kei­ten zu ver­bes­sern, und die soziale Kom­po­nente der Kritik gibt uns die Mög­lich­keit, per­sön­lich zu wachsen.

Wir können von jeder Art von Kritik pro­fi­tie­ren, wenn wir sie zu unserem Vorteil nutzen.

Ich sage nicht, dass es einfach ist, aber es ist möglich.

Die Ego-Bar­riere über­win­den

In seinen Princi­ples schreibt Ray Dalio fol­gen­des über Kritik (frei über­setzt):

Für eine steile Lern­kurve ist es uner­läss­lich, die eigene Ego-Bar­riere zu über­win­den.

Das Ego hält sehr viele Leute davon ab, über ihre Schwä­chen nach­zu­den­ken. Für ein erfolg­rei­ches und glück­li­ches Leben ist es aber wichtig, sich selbst und seine Werte und Fähig­kei­ten zu kennen und daraus die rich­ti­gen Schlüsse zu ziehen.

Die meisten Leute hassen es, wenn andere Men­schen sie auf Schwä­chen oder Fehler hin­wei­sen. Sie fühlen sich per­sön­lich ange­grif­fen.

Es ist aber beson­ders wichtig, sich von anderen Men­schen helfen zu lassen. Es ist nämlich äußerst schwie­rig, die eigenen Schwä­chen selbst zu ent­de­cken. Andere Men­schen können das viel besser, denn sie sehen uns objek­ti­ver als wir uns selbst sehen.

Kri­tik­fä­hig­keit erlan­gen durch das Zurecht­le­gen einer ein­fa­chen Routine

Wir brau­chen eine ein­fa­che Routine, auf die wir in einem emo­tio­nal auf­ge­la­de­nen Zustand zurück­grei­fen können.

In dem fol­gen­den grauen Kasten wird erklärt, warum wir diese Routine brau­chen. Weiter unten mache ich einen kon­kre­ten Vor­schlag.

Die Empa­thie-Lücke – Was den Umgang mit Kritik so schwie­rig macht

In einem ent­spann­ten Moment können wir uns nur sehr schlecht vor­stel­len, wie wir uns ver­hal­ten würden, während wir emo­tio­nal auf­ge­bracht sind. Diese Tat­sa­che wird auch als Empa­thie-Lücke bezeich­net.

Natür­lich haben wir irgend­eine Vor­stel­lung von unserem Ver­hal­ten, und wir können uns bestimmte Situa­tio­nen in Erin­ne­rung rufen. Diese werden aber nicht unserem wahren Ver­hal­ten ent­spre­chen, denn im ent­spann­ten Zustand fehlt es an einer ent­schei­den­den Zutat: Stress­hor­mone.

Im soge­nann­ten kalten Gemüts­zu­stand können wir uns den heißen Gemüts­zu­stand nicht vor­stel­len.

Im kalten Zustand begrei­fen wir nicht einmal, dass wir über­haupt in eine Situa­tion kommen können, in der wir uns nicht voll im Griff haben. Ent­spre­chen erach­ten wir es als nicht not­wen­dig, bestimmte Vor­keh­run­gen zu treffen.

 

Übung zur Kritikfähigkeit - Wie werde ich in Zukunft mit Kritik umgehen?

Meine Routine für den bes­se­ren Umgang mit Kritik

Schritt #1: Zuhören

Die meisten Men­schen hören ihren Kri­ti­kern nicht zu. Sobald sie rea­li­sie­ren, dass sie gerade kri­ti­siert werden, fallen sie dem Kri­ti­ker ins Wort und recht­fer­ti­gen sich.

Auf­grund des erhöh­ten Stress­pe­gels, macht die Recht­fer­ti­gung in den meisten Fällen wenig Sinn – wahr­schein­lich wird man sie später bereuen.

Das erste Gebot der Kri­tik­fä­hig­keit muss daher lauten: Ruhe bewah­ren und zuhören, auch wenn es schwer fällt!

Dem Kri­ti­ker nicht gleich ins Wort zu fallen, hat noch einen wei­te­ren Vorteil:

Böse Kri­ti­ker werden in Gegen­wart eines gedul­di­gen, ver­ständ­nis­vol­len Zuhö­rers oft zahm. (Dale Car­ne­gie)

Schritt #2: Sich bewusst machen, dass man nicht sofort auf die Kritik reagie­ren muss

Die meisten Men­schen äußern sich sofort zu jeder Kritik.

Eine Weile lang zu warten, ist besser, denn  es  dauert rund eine halbe Stunde, bis der Stress­hor­mon-Level wieder so weit abge­sun­ken ist, dass ratio­na­les Denken möglich ist.

Es macht daher Sinn, sich sofort beim Kri­ti­ker für die Rück­mel­dung zu bedan­ken, und ihm anzu­kün­di­gen, erst später auf die Kritik zu reagie­ren.

Schritt #3: Sich klar machen, dass auch berech­tigte Kritik wie unbe­rech­tigte Kritik aus­se­hen kann

Wie schon gesagt, kann man berech­tigte Kritik oft nicht sofort als solche erken­nen.

Kritik sollte daher grund­sätz­lich ernst­ge­nom­men und geprüft werden.

Schritt #4: In die Beob­ach­ter­per­spek­tive wech­seln

Viele Men­schen betrach­ten jede Kritik als einen per­sön­li­chen Angriff. In den sel­tens­ten Fällen ist Kritik tat­säch­lich so gemeint.

Wenn man ver­sucht, die ganze Situa­tion nicht aus der Ego­per­spek­tive, sondern durch die Augen einer Fliege an der Wand zu betrach­ten, sehen wir die Dinge objek­ti­ver.

Bonus-Tipp: Eine Atmo­sphäre schaf­fen, in der Kritik gefahr­los möglich ist

Mitt­ler­weile sollte klar gewor­den sein, dass der Umgang mit Kritik ins­be­son­dere des­we­gen so anspruchs­voll ist, weil Stress und Gefühle im Spiel sind.

Man darf nicht ver­ges­sen, dass nicht nur die kri­ti­sierte Person unter dem Ein­fluss von Stress und Gefüh­len steht, sondern auch der Kri­ti­ker.

Je stärker der Kri­ti­ker unter Dampf steht, umso weniger kon­struk­tiv wird seine Kritik aus­fal­len, und umso schwie­ri­ger wird es, darauf zu reagie­ren.

Es macht daher Sinn, eine Atmo­sphäre zu schaf­fen, die es anderen Men­schen mög­lichst ange­nehm und einfach macht, uns zu kri­ti­sie­ren.

So ver­hin­dern wir, dass andere erst dann mit ihrer Kritik ankom­men, wenn sie bereits kurz vor der Explo­sion stehen.

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6 Antworten auf Kri­tik­fä­hig­keit – Sou­ve­rän im Umgang mit Kritik werden (in 2 Schrit­ten)

  1. Jonas sagt:

    Hallo Jan,

    das sehe ich genau so. Nicht die Kritik selbst sondern der Umgang ist das ent­schei­dende. Durch Kritik können wir schließ­lich viel über uns lernen und uns selbst (unser Produkt, usw.) ver­bes­sern.

    Dafür muss natür­lich die Kritik auch ent­spre­chend inhalts­voll sein. Gut, dass du in einem anderen Blog­bei­trag auch dafür Tipps gibst :)

    Einen Tipp habe ich übri­gens auch noch. Wenn die Kritik per Mail eingeht, dann schreibe ruhig direkt eine emo­tio­nale Antwort. Lass deine Wut raus, ABER: Schick sie nicht ab.
    Mach was anderes, gehe raus, spa­zie­ren, Sport, Mit­tags­schlaf. Schau eine lustige Serie. Haupt­sa­che du gewinnst Abstand von der kri­ti­schen Mail.

    Dann gehe zurück und schreib deine Antwort. Sie wird weniger emo­tio­nal und damit sach­li­cher sein. Viel­leicht hat der Kri­ti­ker ja recht? Dann hättest du es bereut, zuvor „ihm deine Meinung gesagt zu haben“. Pro­biert es aus :)

    Grüße
    Jonas

  2. Dario sagt:

    Hi Jan,

    vor allem das Klappe halten ist echt schwie­rig. Ich merke erst, wenn die Kritik vorbei ist oder wenn das Gespräch schon extrem weit geschrit­ten ist, dass das Kritik ist, die mir helfen könnte.
    Was ich im Punkt vier noch mach ist mich in die Person hinein zu ver­set­zen, warum sie so fühlt/reagiert.

    Grüße
    Dario

    • Jan sagt:

      Hey Dario,

      Danke für deinen Kom­men­tar. Du hast recht: Das alles ist sehr schwie­rig prak­tisch umzu­set­zen. Mein 4-Schritte-System (oder jedes andere System) ist sicher­lich nichts, was man von heute auf morgen einfach mal perfekt in sein Ver­hal­ten inte­griert. Meiner Meinung nach ist es aber schon ein Fort­schritt, wenn man sich kurz nach dem „Streit“ daran erin­nert, dass man ja eigent­lich geplant hatte, das System anzu­wen­den. Man muss einfach dran bleiben und in kleinen Schrit­ten immer besser werden. Wie siehst du das?

      Sich in die andere Person hin­ein­zu­ver­set­zen ist natür­lich auch sehr sehr wichtig. Für mich fällt das unter Punkt 4 (Beob­ach­ter­per­spek­tive), aber viel­leicht hätte ich es expli­zit erwäh­nen sollen.

      Viele Grüße,
      Jan

      • Dario sagt:

        Ich sehe das auch so. Es sind die kleinen Schritte, die den Unter­schied machen. Das Doofe ist nur, dass man die kleinen Schritte nicht so bemerkt. Erst wenn man z.B. nach einem halben Jahr zurück­blickt und über­legt, wo man heute ist und wo man vor sechs Monaten war, wird einem der Unter­schied bewusst.

  3. Lieber Jan,

    vielen Dank für die Teil­nahme an meiner Blog­pa­rade. Ein sehr tief­sin­ni­ger Artikel inklu­sive einen ein­fa­ches Howtos, wie man sich selbst helfen kann. Ich mache es in sehr ähn­li­cher Weise.

    Mein Lieb­lings­zi­tat: „Diese Leute zu kri­ti­sie­ren ist unge­fähr so, als würde man mit lau­fen­den Ket­ten­sä­gen bewor­fen werden.“

    So welche kenne ich auch ;-).

    Liebe Grüße

    Frank

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