Warum Lern­ty­pen keine Stärken sondern Schwä­chen sind

Das Modell der 4 Lerntypen (auditiver Lerntyp, visueller Lerntyp, kommunikativer Lerntyp, motorischer Lerntyp)Du hast davon gehört, dass es 4 Lern­ty­pen gibt? Jetzt fragst du dich, welchem Lerntyp du ange­hörst, und wie du mit diesem Wissen erfolg­rei­cher lernen kannst?

Viele Web­sei­ten bieten Infor­ma­tio­nen, Tests und Rat­schläge zu diesem Thema an. Die Bot­schaft ist fast immer die gleiche:

  • Es gibt 4 Lern­ty­pen
  • Finde heraus, welcher Lerntyp du bist
  • Lerne deinem Lerntyp ent­spre­chend, dann wirst du in Zukunft große Lern­er­folge feiern können

Die Tat­sa­che, dass das Konzept der Lern­ty­pen keine wis­sen­schaft­li­che Grund­lage hat (Quelle), wird ent­we­der gar nicht erwähnt, oder mit dem Argu­ment bei­seite gewischt, dass sich die Exis­tenz der Lern­ty­pen doch ganz klar aus der eigenen sub­jek­ti­ven Lern­er­fah­rung ergebe.

(Peter lernt durch Zuhören und Paul muss die Dinge anfas­sen. Das sieht man doch auf den ersten Blick :| )

Die Wahr­heit ist:

Das Modell der Lern­ty­pen erfreut sich nur des­we­gen solch einer großen Beliebt­heit, weil es eine bequeme Abkür­zung zum Erfolg ver­spricht!

Die Men­schen suchen nach mög­li­chen Abkür­zun­gen (was völlig normal ist) …

… und das Inter­net befrie­digt diesen Bedarf.

Wie du viel­leicht schon selbst gemerkt hast, bin ich skep­tisch.

Das Ver­spre­chen von Abkür­zun­gen zum Erfolg lässt grund­sätz­lich meine Alarm­glo­cken läuten. Nicht, dass ich nicht an Abkür­zun­gen glaube, aber ich bin mir sicher, dass sie sehr viel sel­te­ner sind, als sie ange­prie­sen und ver­mark­tet werden.

Fangen wir noch einmal ganz von vorne an.

Das Modell der 4 Lern­ty­pen

Nach dem Modell der Lern­ty­pen kann jeder Mensch einem von ins­ge­samt 4 Lern­ty­pen (oder einer Mischung aus diesen Typen) zuge­ord­net werden:

  • Visu­el­ler Typ
  • Audi­tiver Typ
  • Moto­ri­scher Typ
  • Kom­mu­ni­ka­ti­ver Typ

(Weitere Lern­ty­pen, die hin und wieder genannt werden: per­so­nen­ori­en­tier­ter Typ, medi­en­ori­en­tier­ter Typ und logisch-mathe­ma­ti­scher Typ.)

Wer seinen Lerntyp kennt – so heißt es fast überall – könne seine Lern­stra­te­gie ent­spre­chend anpas­sen, und das würde sich positiv auf den Lern­er­folg aus­wir­ken.

Bevor ich näher darauf eingehe, warum ich diese Idee für falsch und sogar schäd­lich halte, schauen wir uns die vier Lern­ty­pen einmal genauer an.

1. Der visu­elle Lerntyp

Dem visu­el­len Lerntyp wird emp­foh­len, beim Lernen auf Bilder zu setzen: Skizzen, Lern­pos­ter und Videos seien beson­ders geeig­net.

Dass man ein visu­el­ler Lerner ist, erkennt man angeb­lich daran, dass man beim Memory fast immer gewinnt.

2. Der audi­tive Lerntyp

Der audi­tive Lerntyp solle mit akus­ti­schem Lern­ma­te­rial arbei­ten, zum Bei­spiel Pod­casts, Vor­trä­gen und Gesprä­chen.

Der audi­tive Lerntyp bewegt beim Lernen angeb­lich die Lippen mit.

3. Der moto­ri­sche Lerntyp

Der moto­ri­sche Lerntyp lerne am besten durch Nach­ma­chen (Imi­ta­tion), Grup­pen­ak­ti­vi­tä­ten und Rol­len­spiele.

Er sei jemand  – so heißt es –, der nach dem Prinzip „Learning by Doing“ lernt, und den man daran erkennt, dass er gerne Kau­gummi kaut und beim Spre­chen ges­ti­ku­liert.

4. Der kommuni­kative Lerntyp

Wie der Name schon ver­mu­ten lässt, lernt der kom­mu­ni­ka­tive Lerntyp am besten im Aus­tausch mit anderen Men­schen.

Für ihn eignen sich Dialoge und Dis­kus­sio­nen, zum Bei­spiel im Rahmen von Lern­grup­pen angeb­lich am besten.

Auf weitere Lern­ty­pen möchte ich hier nicht im Detail ein­ge­hen. Wer das Prinzip ver­stan­den hat, kann sich leicht selbst zusam­men­rei­men, auf welchem Wege sie (angeb­lich) am besten lernen.

Warum ich meinen Lerntyp igno­rie­ren würde

Gehen wir einmal hypo­the­tisch davon aus, dass es Lern­ty­pen wirk­lich gibt.

  • Welche Schluss­fol­ge­run­gen würden sich daraus ergeben?
  • Welches prak­ti­sche Vor­ge­hen für mehr Erfolg beim Lernen ließe sich daraus ablei­ten?

Meiner Meinung nach wäre es nicht sinn­voll, seinem Lerntyp ent­spre­chend zu lernen, denn dadurch würde man sich lang­fris­tig selbst schaden.

Dafür gibt es zwei Gründe, auf die ich im Fol­gen­den näher ein­ge­hen möchte.

(1) Lern­ty­pen sind keine Stärken sondern Schwä­chen

Zumeist wird behaup­tet, Lern­ty­pen  seien ange­bo­ren und kämen dadurch zustande, dass die Sinne bei den Men­schen unter­schied­lich stark aus­ge­prägt seien.

Um zu ver­ste­hen, warum Lern­ty­pen sehr wahr­schein­lich nicht ange­bo­ren sind, muss man wissen, dass die Idee der Lern­ty­pen aus einer Zeit stammt, als man fast alle indi­vi­du­el­len Eigen­schaf­ten eines Men­schen für gene­tisch bedingt und damit ange­bo­ren hielt.

Dieses Bild vom Men­schen wurde aber schon um die Jahr­tau­send­wende end­gül­tig ver­wor­fen.

Ein Ergeb­nis des Human­ge­nom­pro­jek­tes war, dass der Mensch deut­lich weniger Gene hat als man bis dahin glaubte.

Der Mensch hat viel zu wenig Gene, als dass alles Mög­li­che gene­tisch vor­her­be­stimmt sein kann. Die meisten indi­vi­du­el­len Eigen­schaf­ten des Men­schen müssen erlernt sein

Lern­ty­pen sind erlernt

Um zu ver­ste­hen, wie wir zu einem bestimm­ten Lerntyp werden, muss man sich bewusst machen, dass wir neue Dinge lernen, indem wir sie mit dem bereits vor­han­de­nen Wissen ver­knüp­fen. So erwei­tern wir unser Wis­sens­netz­werk: Masche für Masche.

Eine gedank­li­che Ver­knüp­fung in diesem Netz­werk ent­spricht immer auch neu­ro­na­len Ver­knüp­fun­gen, die im Gehirn real exis­tie­ren. Was sich (noch) nicht neu­ro­nal ver­knüp­fen lässt, ist (noch) nicht lernbar.

Als wir auf die Welt kamen, war in unserem Gehirn – etwas ver­ein­facht gespro­chen – über­haupt kein Wissen über die Welt vor­han­den. Wir mussten das Wis­sens­netz quasi aus dem Nichts auf­bauen

Was haben wir also gemacht? Wir haben damit ange­fan­gen, die Gegen­stände in unserer Umge­bung mit unseren Sinnen zu ver­knüp­fen:

  • angu­cken
  • anfas­sen
  • in den Mund nehmen

Was Babys eben gerne machen. So wurden die ersten Maschen unseres Wis­sens­net­zes geknüpft: aus­ge­hend von unseren Sinnen.

Alles was wir im Laufe unseres bis­he­ri­gen Lebens gelernt haben, wurden – direkt oder indi­rekt – mit den bereits gelern­ten Kon­zep­ten ver­knüpft, die ihrer­seits wei­ter­hin mit den Sinnen ver­knüpft blieben, über die sie erst­ma­lig ent­deckt und gelernt wurden.

Wer als Kind nichts anfas­sen oder in den Mund nehmen, sondern nur gucken durfte, wurde zu einem visu­el­len Lerntyp: Ihm fällt es leich­ter, Neues auf visu­el­lem Wege in das bereits vor­han­dene Wissen zu inte­grie­ren, weil das Wis­sens­netz­werk hier dichter ist

Man kann es auch negativ aus­drü­cken: Auf den anderen Kanälen ist er schwach, weil sein Wis­sens­netz hier dünn ist.

Wer als Kind wenig zu gucken, aber viel zu hören hatte, wurde ent­spre­chend zu einem audi­tiven Typ, weil das Wis­sens­netz um den akus­ti­schen Kanal herum dichter ist, sodass sich für neues Wissen ent­spre­chend mehr Anknüp­fungs­punkte finden lassen.

Die Frage ist, ob man die Ein­sei­tig­keit fördern, oder aus­glei­chen sollte

Wer emp­fiehlt, dem Lerntyp ent­spre­chend zu lernen, pro­pa­giert die Stär­kung der Ein­sei­tig­keit.

Wenn ein visu­el­ler Lerntyp nur noch auf visu­el­lem Wege lernt, dann wird er auf den anderen Kanälen mit der Zeit noch schwä­cher

Ich bin der Meinung, dass das der falsche Weg ist.

Genau wie es zu ortho­pä­di­schen Pro­ble­men kommt, wenn die Ske­lett­mus­ku­la­tur ungleich­mä­ßig trai­niert wird, dürfte man im echten Leben Pro­bleme bekom­men, wenn man einen ein­zi­gen Lern­ka­nal, sei der nun auditiv, visuell, kom­mu­ni­ka­tiv oder was auch immer,  auf Kosten der anderen Kanäle immer weiter stärkt.

Klar, solange man sich in einer Lern­um­ge­bung befin­det, die Rück­sicht auf den Lerntyp nimmt, wird nichts pas­sie­ren, aber spä­tes­tens das echte Leben wird keine Rück­sicht nehmen.

Das echte Leben sendet seine Lek­tio­nen auf allen Sin­nes­ka­nä­len, und ent­spre­chend sollte man auf allen Kanälen einen guten Empfang haben.

(2) Man sollte mög­lichst viele Sinne gleich­zei­tig nutzen

Das Konzept der Lern­ty­pen sug­ge­riert, dass über einen ein­zi­gen Kanal gelernt werden sollte: dem starken Kanal.

In Wahr­heit ist es so, dass wir neu Gelern­tes umso leich­ter wieder erin­nern können, je größer die Anzahl der Kanäle war, über die das Wissen auf­ge­nom­men wurde.

Die fol­gen­den Wahr­schein­lich­kei­ten für das spätere Erin­nern in Abhän­gig­keit der Art und Weise des „Ein­spei­cherns“ spre­chen für sich:

  • Nur Hören: 20%
  • Nur Sehen: 30%
  • Sehen und hören: 50%
  • Sehen, hören und dis­ku­tie­ren: 70%
  • Sehen, hören, dis­ku­tie­ren und selbst tun: 90%

Jeder Lerntyp sollte mög­lichst immer alle Kanäle gleich­zei­tig nutzen!

Lern­ty­pen – Rea­li­tät oder ein Mythos?

Wer sich nicht mit dem abspei­sen lässt, was er auf den Ver­kaufs-Web­sei­ten für irgend­wel­che frag­wür­di­gen Pro­dukte findet, sondern seriöse Quellen zurate zieht, wird erfah­ren, dass das Modell der Lern­ty­pen über­haupt keine empi­ri­sche Basis hat.

Wis­sen­schaft­li­che Unter­su­chun­gen konnten bisher nicht nach­wei­sen, dass die Anpas­sung an irgend­wel­che Lern­ty­pen (ob diese nun exis­tie­ren oder nicht) zu bes­se­ren Lern­er­geb­nis­sen führt

Es gibt Par­al­le­len zwi­schen Lern­ty­pen und Horo­sko­pen

Die Aus­sa­gen kommen einem irgend­wie zutref­fend vor, aber bei genaue­rem Hin­se­hen zer­fällt alles zu Staub.

Aus nahe­lie­gen­den Gründen neigen wir  Men­schen dazu, uns selbst und andere in Schub­la­den zu stecken: Das Schub­la­den­den­ken gibt uns ein Gefühl von Sicher­heit, weil die Illu­sion von Struk­tur und Ordnung mit dem Gefühl ver­knüpft ist, den Lauf der Dinge ver­ste­hen und kon­trol­lie­ren zu können.

Leider ist die Welt in Wahr­heit weniger geord­net, als wir sie uns wün­schen.

Fazit: Auf die Lern­me­thode kommt es an

Selbst wenn es so etwas wie unter­schied­li­che Lern­ty­pen gäbe, sollte daraus lieber nicht den Schluss ziehen, dass man als Lerner mit einem bestimm­ten Lerntyp lang­fris­tig davon pro­fi­tiert, wenn das Lern­ma­te­rial auf den eigenen Lerntyp zuge­schnit­ten wird – im Gegen­teil.

Ob das Lernen von Erfolg gekrönt ist, hängt nicht vom Lerntyp sondern von der Lern­me­thode ab. (Siehe dazu auch meinen Artikel über effek­tive Lern­me­tho­den.)

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Ich bin pro­mo­vier­ter Che­mi­ker. Seit 2015 schreibe ich Bücher und Artikel über Themen, die Men­schen in ihrem Leben vor­an­brin­gen.

Habit­Gym hat 30.000 monat­li­che Besu­cher und 1.494 Leser emp­fan­gen meinen News­let­ter.

In meinem Buch Erfolg durch Fokus & Kon­zen­tra­tion beleuchte ich den nach­weis­lich wich­tigs­ten Erfolgs­fak­tor FOKUS tief­grün­dig und pra­xis­nah.

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Eine Antwort auf Warum Lern­ty­pen keine Stärken sondern Schwä­chen sind

  1. Timo sagt:

    Danke für die tollen Tipps! (-; ja das ist nicht immer so einfach mit der klaren Posi­tio­nie­rung, einfach weil es doch auch Zeit braucht, bis man selbst heru­as­ge­fun­den hat, was man wirk­lich in welcher Form möchte. Sich dabei helfen zu lassen emp­finde ich als äußerst wichtig an!

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