Liber­tärer Pater­na­lismus – Wie wir im Alltag fern­ge­steuert werden

Libertärer Paternalismus (Entscheidungsarchitektur) - Fels in der Brandung oder Fähnchen im Wind?Liber­tärer Pater­na­lismus steht für eine Methode, mit der sich die Entschei­dungen von Menschen in eine vorher­sag­bare Richtung beein­flussen lassen.

Der Begriff liber­tärer Pater­na­lismus wurde durch das Buch Nudge (*) von Richard Thaler bekannt.

Dass Thaler im Jahr 2017 den Alfred-Nobel-Gedächt­nis­preis für Wirt­schafts­wis­sen­schaften (Wirt­schafts­no­bel­preis) verliehen bekam, zeigt schon, wie relevant dieses Thema ist.

Fels in der Brandung oder Fähnchen im Wind?

Es ist norma­ler­weise nicht meine Art, sofort persön­lich zu werden, aber aus Gründen, die Du gleich verstehen wirst, möchte ich Dir gerne zwei sehr persön­liche Fragen stellen:

Bist du Organ­spender?

Warum hast du dich so entschieden?

Du darfst deine Antworten selbst­ver­ständ­lich für Dich behalten. Wir leben in einem freien Land, in dem wir in dieser Ange­le­gen­heit selbst entscheiden dürfen und wo wir zum Glück auch keine Rechen­schaft ablegen müssen.

Ich habe übrigens keinen Organ­spen­der­aus­weis und bis vor kurzem habe ich noch geglaubt, dass ich diese Entschei­dung aus freien Stücken getroffen habe. Mitt­ler­weile weiß ich aber, dass meine Entschei­dung gar nicht so frei war.

Ich war natürlich eini­ger­maßen scho­ckiert, als ich davon erfuhr.

Ein scheinbar kleines Detail mit großer Wirkung

Den Schock hat mir Dan Ariely verpasst. Ariely ist Professor an der Duke Univer­sity in North Carolina, USA. Viel­leicht hast du schon von ihm oder von seinem Best­seller Denken hilft zwar, nützt aber nichts (*) gehört.

Ich hatte mir Arielys TED-Talk aus dem Jahre 2009 auf YouTube angesehen.

In dem Talk (im Video ab Minute 5:00) hat Dan eine Statistik gezeigt, der zu entnehmen war, wieviel Organ­spender es in verschie­denen Ländern gibt. Mit einer einzigen Ausnahme gab es in der Statistik nur zwei Sorten von Ländern.

Erstens waren da Länder wie zum Beispiel Deutsch­land und Dänemark, in denen nur knapp 10% der Bevöl­ke­rung Organ­spender waren …

… und dann gab es noch Länder, wie Frank­reich und Öster­reich, wo nahezu 100% der Bevöl­ke­rung auf der Liste der Organ­spender standen.

Wie kann das sein? Was geht hier vor? So groß können die kultu­rellen Unter­schiede zwischen den Deutschen, den Öster­rei­chern, den Franzosen und den Dänen doch wohl nicht sein, oder?

Du denkst jetzt bestimmt, dass die Organ­spende in Frank­reich und Öster­reich Pflicht ist, oder dass die Leute Geld fürs Organ­spenden bekommen, stimmt‘s? Jeden­falls war das mein erster Gedanke.

So ist es aber nicht.

Standardent­scheidungen können einen großen Einfluss haben

Ich möchte dich nicht länger auf die Folter spannen: Der Unter­schied zwischen Deutsch­land (knapp 10 % Organ­spender) und Öster­reich (knapp 100 % Organ­spender) ist folgender: In Deutsch­land ist man von Geburt an kein Organ­spender. Man muss sich dort aktiv darum kümmern, wenn man Organ­spender werden möchte.

In Öster­reich ist man von Geburt an so lange Organ­spender, bis man sich aktiv darum kümmert, kein Organ­spender mehr zu sein. So einfach ist das.

Im einen Fall muss man aufs Amt um ja zu sagen und im anderen Fall muss man für ein Nein aufs Amt.

Professor Ariely hat dazu gesagt: Der Grund, warum die Deutschen sich keinen Organ­spen­der­aus­weis holen, ist nicht der, dass ihnen Menschen­leben so egal sind. Es ist auch nicht so, dass ihnen der Gang aufs Amt zuviel Mühe macht.

Der wahre Grund ist: Die Entschei­dung ist den Menschen zu schwierig. Sie wissen nicht, was sie tun sollen … also tun sie das, was von oben bereits für sie ausge­wählt wurde.

Ratio­na­li­sie­rung verwischt die Spuren

Die meisten Menschen nennen aber doch irgend­welche persön­li­chen Gründe, warum sie Organ­spender sind oder warum sie es nicht sind. Wie passt das zusammen?

Es gibt (mindes­tens) zwei Gründe für diesen Wider­spruch

Wir nicht auf Basis von ratio­nalen Argu­menten

Wir treffen diese Entschei­dungen aus dem Bauch heraus. Erst im Anschluss an unsere Bauch­ent­schei­dung sucht unser Gehirn nach einer glaub­haften Begrün­dung

Bei der Begrün­dung handelt es sich aber nicht um die wahren Gründe für unsere Entschei­dung, sondern bloß um irgend­welche Pro- oder Kontra-Argumente, die zu unserer Entschei­dung passen.

Man nennt sowas Konfa­bu­la­tion und wir werden hier eines Tages noch ausführ­lich darüber sprechen (das wird der nächste große Schock, verspro­chen).

Wir alle leiden unter dem gleichen Denk­fehler

Es handelt es um den funda­men­talen Attri­bu­ti­ons­fehler: Wir über­schätzen den Einfluss des Charak­ters auf das Verhalten einer Person und gleich­zeitig unter­schätzen wird den Einfluss der äußeren Bedin­gungen.

Da wir – wie gesagt –  immer erst im Nach­hinein eine Begrün­dung für unsere Entschei­dungen erfinden, bleibt dieser Denk­fehler unbemerkt.

Es gibt hunderte oder sogar tausende Faktoren, die täglich unbemerkt unsere Entschei­dungen und damit unseren Erfolg und unsere Zukunft beein­flussen:

  • Die Menschen um uns herum
  • Die Gegen­stände in unserer Umgebung
  • Die Infor­ma­tionen, denen wir Zugang zu unserem Gehirn gewähren

Entscheidungs­architektur

Hast du schon mal die Begriffe Entschei­dungs­ar­chi­tektur oder liber­tärer Pater­na­lismus gehört?

Entschei­dungs­ar­chi­tektur bezie­hungs­weise liber­tärer Pater­na­lismus stehen für die prak­ti­sche Anwendung des oben beschrie­benen Phänomens.

Dadurch, dass die öster­rei­chi­sche Regierung festlegt hat, dass die Öster­rei­cher von Geburt an zunächst einmal auf der Liste der Organ­spender stehen und sich selbst aktiv darum bemühen müssen, um von dieser Liste entfernt zu werden, hat das Land Entschei­dungs­ar­chi­tektur betrieben.

Man findet sowas überall.

Gebäude

Die Gestal­tung von Gebäuden hat einen großen Einfluss darauf, ob wir die Treppe oder den Fahrstuhl benutzen. Archi­tekten planen nicht nur die Gebäude, sie planen auch unser Verhalten in den Gebäuden.

Nahrung

Die Anordnung der Gerichte in der Kantine hat einen großen Einfluss darauf, ob wir uns für das gesunde oder für das ungesunde Essen entscheiden.

Nee, oder!?

Noch eine Sache, die mich persön­lich ziemlich umgehauen hat: Diese gelben Knöpfe an Fußgän­ger­am­peln, die man drücken muss, um Grün zu bekommen … War Dir klar, dass einige dieser Knöpfe an den Fuss­gän­ger­am­peln gar keine Funktion haben? Das sind Attrappen!

Ob man den Kopf drückt oder nicht spielt überhaupt keine Rolle. Einige dieser Knöpfe sind nur dazu da, um den Fußgän­gern das Gefühl zu geben, dass sie die Ampel beein­flussten können. Sie gehen dann seltener bei Rot rüber und es kommt zu weniger Unfällen. Das ist Entschei­dungs­ar­chi­tektur.

Wer sich für den Fels in der Brandung hält

Libertärer Paternalismus - Wir sind nur Fähnchen im WindDie meisten Menschen halten sich für etwas Beson­deres und glauben, dass sie nicht beein­flusst werden können. Sie glauben zum Beispiel, dass Werbung bei ihnen nicht funk­tio­niert. Gleich­zeitig halten sie aber (fast) alle anderen Menschen für extrem leicht beein­flussbar.

Diese Ansicht entspricht einfach nur dem, was wir Menschen täglich sehen und fühlen. Wir sehen, dass die Anderen beein­flusst werden, aber wir fühlen uns selbst unbe­ein­flussbar.

Weißt Du, worin ein sehr wichtiger Unter­schied zwischen erfolg­rei­chen und erfolg­losen Menschen besteht?

Genau darin! Die erfolg­rei­chen Menschen haben es geschafft, die Ego-Barriere zu über­winden (Den Ausdruck Ego-Barriere habe ich übrigens von dem Multi­mil­li­ardär Ray Dalio, einem sehr erfolg­rei­chen Menschen). Sie haben verstanden, dass sie nur ein Fähnchen im Wind sind. Die erfolg­losen Menschen hingegen halten sich für Felsen in der Brandung. Nichts kann sie beein­flussen (in ihrer Fantasie).

Erfolg­reiche Menschen wissen, dass sie nur ein Fähnchen im Wind sind. Trotzdem bekommt man oft den Eindruck, dass sie eher dem Fels in der Brandung entspre­chen.

Klingt das Paradox?

Ist es nicht wirklich! Die erfolg­rei­chen Menschen inter­es­sieren sich dafür, wie sie beein­flusst werden und wie sie das in ihrem Sinn ausnutzen können. Sie betreiben Entschei­dungs­ar­chi­tektur an sich selbst. Genau deswegen sind sie nämlich erfolg­reich.

Über längere Zeiträume können sie gar nicht anders, als erfolg­reich sein, genau wie die Franzosen und Öster­rei­cher nicht anders können, als ihre Organe zu spenden.

Buch­emp­feh­lung über liber­tärer Pater­na­lismus

Richard H. Thaler und Coss R. Sunstein – Nudge (*) (Wie man kluge Entschei­dungen anstößt)

Richard Thaler - NudgeProfessor Richard Thaler ist quasi der Erfinder des liber­tären Pater­na­lismus (Entschei­dungs­ar­chi­tektur). In dem sehr zu empfeh­lenden Buch «Nudge» stellt er sein Fach­ge­biet für ein Laien­pu­blikum vor und erklärt an zahl­rei­chen Beispielen, wo überall die Entschei­dungs­ar­chi­tektur bereits einge­setzt wird um uns zu klugen Entschei­dungen zu mani­pu­lieren – natürlich nur zu unserem Besten ;)

Nudge ist übrigens in meiner Top15 der besten Sach­bü­cher.

5/5 (8)

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4 Antworten auf Liber­tärer Pater­na­lismus – Wie wir im Alltag fern­ge­steuert werden

  1. Hallo Jan,

    aus eigener Beob­ach­tung kann ich das Entschei­dungs­prinzip, zuerst emotional zu entschei­dung und diese Entschei­dung danach rational zu begründen bestä­tigen.
    Aller­dings passt das Beispiel mit dem unter­schied­li­chen Vorgehen bei der Organ­spende nicht ganz in dieses von dir beschrie­bene Gesamt­schema: In Deutsch­land wird das Recht des Einzelnen, bewusst über die eigene körper­liche Unver­sehr­heit zu entscheiden, so hoch ange­sie­delt, dass man sich für die aktive Entschei­dung, seine Organe zur Verfügung zu stellen, entschieden hat. Außerdem gibt es Daten, die nicht in das Erklä­rungs­muster «Wider­spruchs­re­ge­lung = mehr Organ­spenden» passen: Tatsäch­lich stieg die Spen­der­zahl in Spanien erst 11 Jahre nach der Einfüh­rung der Wider­spruchs­re­ge­lung an. Dies wird auf den Umbau des dortigen Systems zurück­ge­führt, das zu mehr Trans­pa­renz führte (Quelle: Institut der deutschen Wirt­schaft Köln). Der Organ­spen­den­skandal in Deutsch­land vor 4 Jahren hat bei Menschen, die über eine Organ­spende nach­ge­dacht hatten, außerdem zu einem massiven Vertrau­ens­ver­lust geführt.
    Viele Grüße
    Ina

    • Jan sagt:

      Hallo Ina,

      Vielen Dank für diesen infor­ma­tiven Kommentar. Du scheinst dich mit dem Thama Organ­spende sehr gut auszu­kennen.

      In dem TED-Talk von Ariely waren die Zusam­men­hänge wohl sehr stark verein­facht. Auf einzelne Länder ging er gar nicht wirklich ein. Dass die Realität etwas kompli­zierter ist, war eigent­lich zu erwarten.

      Viele Grüße und nochmals Danke für die zusätz­li­chen Infor­ma­tionen,
      Jan

    • Sascha sagt:

      Der Punkt mit Deutsch­land ist schief. Du sagst nur, warum der Zusam­men­hang, den Jan aufge­zeigt hat, besteht, aber ihm nicht wider­spro­chen. Damit hast du ihm eigent­lich zuge­spielt. (unab­hängig vom Rest)

      @Jan: Der Luzifer-Effekt von Zimbardo ist sicher ein Buch für dich. Persön­lich­keit scheint weniger eine Funktion der Einzig­ar­tig­keit von Menschen sondern eine Funktion von äußeren Umständen. Inte­grität ist das Verhältnis von Persönlichkeits­eigenschaften, die auf innere Zustände der Person zurück­gehen, und Persönlichkeits­eigenschaften, als auf äußere Umstände. Das zwei meiner wich­tigsten Schlüsse aus der Lektüre dieses Buchs.

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