Die Maslow­sche Bedürf­nis­py­ra­mide – Was brauchst du wirklich?

Zuletzt aktua­li­siert am 20. April 2020 von Dr. Jan Höpker.

Die Maslow­sche Bedürf­nis­py­ra­mide ist eine der bekann­testen sozi­al­psy­cho­lo­gi­schen Theorien – leider auch eine der am meisten miss­ver­stan­denen. Richtig verstanden kann Maslows Theorie von großem Nutzen sein, zum Beispiel für denje­nigen, der sie als Grundlage für die Analyse seiner eigenen oder fremder Bedürf­nisse verwendet.

Die Maslowsche Bedürfnispyramide -Warum wir wollen was wir wollen


Hinweis: Große Teile dieses Artikels stammen aus meinem Buch Erfolg durch selbst­be­stimmtes Lernen.


Warum will ich, was ich will?

Was will ich überhaupt?

Warum bin ich unzu­frieden?

Die Maslow­sche Bedürf­nis­py­ra­mide ist das geeignete Werkzeug, um diese Fragen anzugehen.

Was ist die Maslow­sche Bedürf­nis­pyramide?

In der ersten Hälfte des 20. Jahr­hun­derts gingen die Psycho­logen mehr­heit­lich von einem pessi­mis­ti­schen Menschen­bild aus: Die Beha­vio­risten betrach­teten den Menschen als eine seelen­lose Maschine. Und die Sicht­weise der Psycho­ana­ly­tiker um Sigmund Freud, dem wohl einfluss­reichsten Psycho­logen überhaupt, war bekann­ter­maßen auch nicht gerade positiv.

Der US-ameri­ka­ni­sche Psycho­loge Abraham Maslow (1908–1970) hatte ein anderes Bild von der Natur des Menschen. So blieb ihm nichts anderes übrig, als eine neue Schule der Psycho­logie zu gründen: die Huma­nis­ti­sche Psycho­logie.

Das Menschen­bild der Huma­nis­ti­schen Psycho­logie

Die Huma­nis­ti­sche Psycho­logie geht davon aus, dass der Mensch von Natur aus (eher) gut ist und persön­lich wachsen möchte. Alles Böse und Schlechte, so die Vorstel­lung, sei nicht auf die Natur des Menschen zurück­zu­führen, sondern auf eine nicht artge­rechte Behand­lung. Mit anderen Worten:

Wenn man einen Menschen in seiner Entwick­lung nicht behindert, wird er sich positiv entwi­ckeln – ange­trieben von seinen Bedürf­nissen.

Welche konkreten Bedürf­nisse die Menschen haben und wie sich diese zeitlich entwi­ckeln, beschrieb Maslow in seiner Theory of Human Moti­va­tion – einem Modell, das als Maslow­sche Bedürf­nis­hier­ar­chie weltweit bekannt wurde. Die Darstel­lung und Inter­pre­ta­tion als Bedürf­nis­py­ra­mide stammt nicht von Maslow selbst, auch wenn sie ihm häufig zuge­spro­chen wird.

Maslow unter­schied zwei grund­ver­schie­dene Arten von Bedürf­nissen, die soge­nannten Defi­zit­be­dürf­nisse und die Wachs­tums­be­dürf­nisse. Defi­zit­be­dürf­nisse gibt es bei allen Lebewesen, aber Wachs­tums­be­dürf­nisse gibt es nur bei uns Menschen.

Was sind Defi­zit­be­dürf­nisse?

Lebende Orga­nismen sind stets bestrebt, einen Gleich­ge­wichts­zu­stand aufrecht­zu­er­halten, die soge­nannte Homöostase. Jede Abwei­chung von diesem Gleich­ge­wicht ruft ein Defi­zit­be­dürfnis hervor, das uns motiviert, Hand­lungen durch­zu­führen, die dazu geeignet sind, den Gleich­ge­wichts­zu­stand wieder­her­zu­stellen.

Defi­zit­be­dürf­nisse äußern sich in Form von Empfin­dungen wie zum Beispiel Hunger, Durst, Müdigkeit oder Unzu­frie­den­heit. Die Stärke der entspre­chenden Empfin­dung hängt von der Differenz zwischen dem Istzu­stand und einem von unserer Biologie vorge­ge­benen Sollwert ab.

Was sind Wachs­tums­be­dürf­nisse?

Die Wachs­tums­be­dürf­nisse unter­scheiden sich insofern von den Defi­zit­be­dürf­nissen, als dass Wachs­tums­ziele niemals endgültig erreicht werden können. Ein Hunger nach Kalorien ist irgend­wann gestillt, aber so etwas wie die Selbst­ver­wirk­li­chung ist eine ewige Baustelle.

Bei den Wachs­tums­be­dürf­nissen kann daher nicht die finale Befrie­di­gung des entspre­chenden Bedürf­nisses belohnt werden, sondern nur der Weg dorthin. Etwas verein­facht gespro­chen, belohnt das Gehirn die Arbeit an Wachs­tums­zielen mit Glücks­ge­fühlen.

Die Hier­ar­chie der Bedürf­nisse

Zunächst beschrieb Maslow fünf verschie­dene Bedürf­nisse. Erst einige Jahre später kam noch ein sechstes Bedürfnis hinzu: die Tran­szen­denz.

Das folgende Schaubild zeigt die Hier­ar­chie der Bedürf­nisse in Pyra­mi­den­form. Die Grenze zwischen den Wachstums- und Defi­zit­be­dürf­nissen verläuft irgendwo zwischen den Indi­vi­du­al­be­dürf­nissen und Selbst­ver­wirk­li­chung.

Die Maslowsche Bedürfnispyramide - Die Hierarchie der Bedürfnisse

Die Maslow­sche Bedürf­nis­hier­ar­chie als Pyramide | Diese Darstel­lung verleitet zu der falschen Vorstel­lung, dass die Pyramide Stufe für Stufe bestiegen wird.

Wie schon gesagt, stammt die Darstel­lung der Bedürf­nis­hier­ar­chie als Pyramide nicht von Maslow selbst. Tatsäch­lich stand er dieser Darstel­lung sogar äußerst kritisch gegenüber, den sie verleitet zu der falschen Vorstel­lung, dass die einzelnen Bedürf­nisse der Reihe nach zum Vorschein kommen – tatsäch­lich ist das nämlich nicht der Fall.

Die Bedürf­nisse kommen und gehen dynamisch

Die dyna­mi­sche Darstel­lung der Bedürf­nis­hier­ar­chie vermit­telt ein realis­ti­scheres Bild: Zu jedem Zeitpunkt unseres Lebens sind mehrere Bedürf­nisse gleich­zeitig aktiv. Die einzelnen Bedürf­nisse treten aber unter­schied­lich stark in Erschei­nung.

Im Rahmen unserer persön­li­chen Entwick­lung wandern wir im Schaubild von links nach rechts. Dabei treten neue Bedürf­nisse auf, während alte Bedürf­nisse nur leicht an Bedeutung verlieren.

Bedürfnisse - Dynamische Darstellung der Bedürfnisse

Die dyna­mi­sche Darstel­lung der Maslow­schen Bedürf­nis­hier­ar­chie | Im Rahmen unserer persön­li­chen Entwick­lung wandern wir von links nach rechts. Dabei verändert sich die Inten­sität, mit der bestimmte Bedürf­nisse aktiv sind.

Die 6 Ebenen der Bedürf­nis­py­ra­mide

Ebene #1: Physio­lo­gi­sche Bedürf­nisse

Zu den physio­lo­gi­schen Bedürf­nissen zählen viele verschie­dene Stoffe (Nähr­stoffe, Vitamine, Wasser, Sauer­stoff etc.) und physi­ka­li­sche Rahmen­be­din­gungen (Wärme, Licht etc.), die für unser Überleben zwingend notwendig sind.

Wenn unsere physio­lo­gi­schen Bedürf­nisse dauerhaft unbe­frie­digt bleiben, werden wir besten­falls krank und schlimms­ten­falls sterben wir.

Ebene #2: Sicher­heits­be­dürfnis

Alle Menschen haben das Bedürfnis nach Sicher­heit. Was genau einem Menschen ein Gefühl von Sicher­heit gibt, ist aber indi­vi­duell verschieden. Das Sicher­heits­be­dürfnis eines Menschen verändert sich außerdem im Laufe seines Lebens – in der Regel gewinnt es mit zuneh­mendem Lebens­alter an Bedeutung.

Ebene #3: Soziale Bedürf­nisse

Soziale Bedürf­nisse treten in verschie­denen Formen auf:

  • Das Bedürfnis nach erfül­lenden soziale Bezie­hungen zu anderen Menschen.
  • Das Bedürfnis, eine bestimmte Rolle in der Gesell­schaft zu erfüllen.
  • Das Bedürfnis, Liebe und zu geben und zu empfangen.

Ebene #4: Indi­vi­du­al­be­dürf­nisse

Zu den Indi­vi­du­al­be­dürf­nissen zählen die Bedürf­nisse nach:

  • Erfolg
  • Freiheit, Unab­hän­gig­keit
  • Ansehen, Aner­ken­nung, Prestige

Ebene #5: Selbst­ver­wirk­li­chung

Das Bedürfnis nach Selbst­ver­wirk­li­chung ist ein Wachs­tums­be­dürfnis, das sich durch den Wunsch ausdrückt, das eigene Potenzial möglichst voll auszu­schöpfen. In welcher konkreten Form dies geschieht, ist höchst indi­vi­duell.

Im Jahre 1943 ging Maslow davon aus, dass zum damaligen Zeitpunkt nur etwa zwei Prozent der Bevöl­ke­rung so weit in der Bedürf­nis­hier­ar­chie aufge­stiegen waren, dass das Bedürfnis nach Selbst­ver­wirk­li­chung im Vorder­grund stand.

Ebene #6: Tran­szen­denz

Das Bedürfnis nach Tran­szen­denz ist ein Wachs­tums­be­dürfnis, bei dem es letztlich darum geht, über sich hinaus­zu­wachsen und Teil von etwas Größerem zu werden.

Kritik an der Bedürfnis­pyramide

Schon zu Maslows Lebzeiten musste sich das Modell der Bedürf­nis­hier­ar­chie einer Reihe von Kritik­punkten stellen. Schauen wir uns die häufigsten Einwände einmal genauer an.

»Maslow war nicht objektiv!«

Stimmt! Maslow hat nicht rando­mi­siert, sondern gezielt nur solche Personen für seine Unter­su­chungen ausge­wählt, die eine positive persön­liche Entwick­lung hinter sich hatten. Ihm war durchaus bewusst, dass diese Vorge­hens­weise wissen­schaft­lich betrachtet höchst frag­würdig ist, aber anders – so seine Befürch­tung – wäre er wohl nie zu einer brauch­baren Theorie gekommen.

»Echte Menschen sind anders!«

Kritiker wenden häufig ein, dass ihnen haufen­weise real exis­tie­rende Personen einfallen, deren Verhalten den Prio­ri­täten der Bedürf­nis­hier­ar­chie wider­spricht. Maslow selbst hat dem entgegnet, dass sein Modell insbe­son­dere lang­fris­tiges Verhalten erkläre – eine vorüber­ge­hende Abwei­chung im Verhalten stünde daher nicht im Wider­spruch zu seiner Theorie.

»Menschen aus kollek­ti­vis­ti­schen Gesell­schaften verhalten sich anders!«

Ein weiteres Argument, das von Kritikern häufig ins Feld geführt wird, ist, dass die realen Verhal­tens­weisen von Indi­vi­duen aus kollek­ti­vis­ti­schen Gesell­schaften zum Teil völlig andere seien.

»Die Bedürf­nis­py­ra­mide ist unwis­sen­schaft­lich!«

Maslows Modell könne alles erklären, aber nichts vorher­sagen. Da sich mensch­liche Bedürf­nisse schlecht messen ließen, sei das Modell unwi­der­legbar und damit per Defi­ni­tion unwis­sen­schaft­lich.

Ist die Kritik berech­tigt?

Die Psycho­logen Ed Diener und Louis Tay von der Univer­sity of Illinois haben Maslows Theorie einer empi­ri­schen Über­prü­fung unter­zogen. Sie werteten Daten aus 123 Ländern aus, die zwischen 2005 und 2010 gesammelt worden waren. Ed Diener fasst die Ergeb­nisse die so zusammen:

»Unsere Ergeb­nisse deuten darauf hin, dass Maslows Theorie weit­ge­hend korrekt ist.«

Im Einzelnen sind die Wissen­schaftler zu folgenden Ergeb­nisse gekommen:

  • Die Erfüllung einer Vielzahl von Bedürf­nissen, wie sie von Maslow definiert wurden, ist univer­sell wichtig für das indi­vi­du­elle Glücks­emp­finden.
  • Die Reihen­folge, in der die Bedürf­nisse befrie­digt werden, hat wenig Einfluss auf die Zufrie­den­heit.
  • Die indi­vi­du­elle Lebens­zu­frie­den­heit hängt auch davon ab, ob die Bedürf­nisse der anderen Menschen in der (gleichen) Gesell­schaft befrie­digt sind.

Insbe­son­dere der letzte Punkt ist inter­es­sant, denn wir Menschen neigen dazu, unseren eigenen Entwick­lungs­stand zu über­schätzen, während wir den Entwick­lungs­stand unserer Mitmen­schen häufig unter­schätzen. Der folgende Gedanke ist weit verbreitet:

»Ich selbst gehe arbeiten, um mich zu verwirk­li­chen, aber die anderen Menschen gehen doch nur arbeiten, um ihre niederen Bedürf­nisse befrie­digen zu können.«

Maslowsche Bedürfnispyramide - Wie wir uns selbst sehen und wie wir unsere Mitmenschen sehen

Wie wir uns selbst und andere Menschen sehen | Wir neigen dazu, unseren eigenen Entwick­lungs­stand zu über­schätzen und den Entwick­lungs­stand unserer Mitmen­schen zu unter­schätzen.

Der Beweis

Wenn Menschen gefragt werden, ob sie nach der Einfüh­rung eines bedin­gungs­losen Grund­ein­kom­mens weiterhin arbeiten würden, antwortet die große Mehrheit mit einem entschie­denen Ja. Nach dem voraus­sicht­li­chen Verhalten ihrer Mitmen­schen gefragt, vermutet ein großer Anteil der gleichen Personen, dass die anderen wohl eher faul wären und gar nichts mehr tun würden. (Quelle)

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Die Dynamik der Bedürf­nisse

Wie stark sind unsere Bedürf­nisse, und wovon hängt ihre Stärke ab?

Für die Bedürf­nisse am Fuße der Pyramide lässt sich diese Fragen leicht beant­worten: Das Bedürfnis nach Schlaf oder Kalorien ist für alle Menschen in etwa gleich stark. Einige Indi­vi­duen brauchen viel­leicht zehn oder auch fünfzig Prozent mehr Schlaf oder Kalorien als andere, aber niemand benötigt die fünf- oder zehnfache Menge.

Außerdem hängt mein Schlaf­be­dürfnis einzig und allein von mir selbst ab – und nicht etwa davon, wie lange die Menschen um mich herum schlafen müssen. Es kann sein, dass ich in einer Umgebung, in der wenig geschlafen wird, auch weniger schlafe, aber an meinem natür­li­chen Schlaf­be­dürfnis ändert das nichts.

Oben in der Pyramide ist es kompli­zierter

Objektiv betrachtet geht es den meisten Deutschen ziemlich gut. Sogar die Ärmsten haben Reich­tümer, von denen die Reichsten vor ein paar Hundert Jahren nicht einmal träumen konnten:

  • Kein Krieg im eigenen Land,
  • lebens­ret­tende Medizin für alle,
  • Strom aus der Wand,
  • kosten­lose öffent­liche Biblio­theken,
  • deutlich mehr Rechte für Frauen,

um nur einige Punkte zu nennen. Sollten nicht alle Deutschen hoch­zu­frieden sein?

Wie schon gesagt, belohnt das Gehirn die Befrie­di­gung der Defi­zit­be­dürf­nisse mit einem Gefühl der Zufrie­den­heit. Dabei sind einige dieser Bedürf­nisse aber nicht absolut sondern relativ. Das Gehirn bewertet nicht, was sein Besitzer absolut hat, sondern was er im Vergleich zu anderen Menschen hat.

Ein Teil der Bevöl­ke­rung wird immer unzu­frieden sein!

Über die Gefühle Zufrie­den­heit und Unzu­frie­den­heit werden die Ambi­tionen der Mitglieder einer Gruppe einander ange­gli­chen. Wäre das Leben ein 100-Meter-Lauf, dann würden Zufrie­den­heit und Unzu­frie­den­heit dafür sorgen, dass wir alle ungefähr zeit­gleich im Ziel ankommen. Die Zufrie­den­heit nimmt den Führenden den Wind aus den Segeln, und die Unzu­frie­den­heit motiviert die Zurück­lie­genden zum Aufholen.

Ein Beispiel

Man hat beob­achtet, dass die Freunde von Personen, die kürzlich über­ge­wichtig wurden, mit signi­fi­kant erhöhter Wahr­schein­lich­keit ebenfalls über­ge­wichtig werden.

Die Erklärung: Wenn sich das Körper­ge­wicht der Menschen in unserem näheren sozialen Umfeld verändert, dann verändert sich auch die Tole­ranz­grenze, ab der wir mit unserem eigenen Körper­ge­wicht unzu­frieden werden und damit beginnen, etwas gegen den Missstand zu unter­nehmen. (Quelle)

Der US-ameri­ka­ni­sche Moti­va­ti­ons­redner Jim Rohn (1930–2009) wurde für diese Aussage welt­be­kannt:

»Du bist der Durch­schnitt der fünf Menschen, mit denen du die meiste Zeit verbringst!«

Was andere haben oder nicht haben, beein­flusst die Messlatte, die wir selbst anpeilen. Die meisten Menschen besäßen lieber 100.000 Euro, während ihre Nachbarn nur 80.000 Euro besitzen, als 200.000 Euro, während die Nachbarn 300.000 Euro haben.

Wie das Gehirn Zufrie­den­heit erzeugt

Der Psycho­loge Barry Schwartz erklärt in seinem englisch­spra­chigen TED-Talk, dass unsere Zufrie­den­heit bzw. Unzu­frie­den­heit von unserer Psyche unbewusst und auto­ma­tisch berechnet wird. Die Berech­nungs­grund­lage scheinen drei Diffe­renzen zu bilden: Die Differenz zwischen dem was wir aktuell haben und

  • unserem persön­li­chen Höchst­stand,
  • dem, was andere Menschen (scheinbar) haben
  • und unseren Wünschen, Zielen und Ansprü­chen.

Insbe­son­dere die zweite Differenz ist inter­es­sant, denn was andere Menschen haben, entnehmen wir immer häufiger den Sozialen Medien, anstatt mit eigenen Augen hinzu­sehen. Wir verglei­chen uns mit Zerr­bil­dern, und in der Folge sind wir unzu­frie­dener als wir objektiv betrachtet sein müssten. Ob das gut oder schlecht ist, hängt davon ab, was wir aus unserer Unzu­frie­den­heit machen.

Per se schlecht ist Unzu­frie­den­heit nicht!

Die Auswir­kungen unbe­frie­digter Bedürf­nisse

Unsere unbe­frie­digten Bedürf­nisse beein­flussen unsere Wahr­neh­mung, unsere Gefühle unsere Gedanken und was wir lernen.

Wahr­neh­mung

Wer ein neues Auto kaufen möchte und bereits mit einem bestimmten Modell lieb­äu­gelt, wird dieses plötzlich überall in den Straßen sehen – als ob nun jeder dieses Auto fahren würde. Frauen, die sich Kinder wünschen, berichten häufig davon, dass die Welt auf einmal voll von Schwan­geren zu sein scheint.

Diese Phänomene können damit erklärt werden, dass unbe­frie­digte Bedürf­nisse Wahr­neh­mungs­filter sind. Über unsere Sinne erhält unser Gehirn sehr viel mehr Daten, als wir bewusst erfassen können. Daher muss eine Auswahl statt­finden. Was mit unseren unbe­frie­digten Bedürf­nissen zu tun hat, erhält eine höhere Priorität – es springt uns förmlich ins Auge.

Gefühle

Unsere Gefühls­welt ist ein Spie­gel­bild unserer unbe­frie­digten Bedürf­nisse. Mit der Unzu­frie­den­heit haben wir ein wichtiges Gefühl bereits kennen­ge­lernt. In seinem Buch Gefühle: Die Sprache des Selbst* teilt Thomas Bergner den Menschen in zwei ungleiche Teile: Das Ich und das Selbst.

Das Ich ist der bewusste Teil von uns, der Teil mit dem wir uns iden­ti­fi­zieren. Das Selbst ist unbewusst. Auf Basis von Erfah­rungen, Sinnes­ein­drü­cken und Körper­si­gnalen berechnet das Selbst eine Einschät­zung der Situation, in der wir uns gerade befinden, und teilt sie dem Ich in Form von Gefühlen mit. Beim Menschen können rund 400 verschie­dene, und zumeist negative, Gefühle unter­schieden werden.

Zwar werden die endgül­tigen Hand­lungs­ent­schei­dungen vom Ich getroffen, aber durch die Erzeugung von Gefühlen trifft das Selbst eine Vorent­schei­dung, wodurch das Ich in seiner Freiheit einge­schränkt ist. Diese Einschrän­kung äußert sich dadurch, dass uns bestimmte Optionen in bestimmten Situa­tionen gar nicht erst in den Sinn kommen.

Gefühle sind Hand­lungs­be­darf­si­gnale

Welche Reaktion erwartet das Selbst vom Ich, wenn es ein Gefühl erzeugt?

Allgemein gespro­chen erwartet es eine Handlung. Der US-ameri­ka­ni­sche Coach und Best­sel­ler­autor Anthony Robbins bezeichnet Gefühle daher auch als Hand­lungs­be­darfs­si­gnale. Eine Handlung ist dann ange­bracht, wenn sie zur Befrie­di­gung eines Bedürf­nisses beitragen kann.

Gedanken

Auch unsere Gedanken werden von unseren unbe­frie­digten Bedürf­nissen beein­flusst. Wir müssen zwei Arten von Gedanken unter­scheiden, die der Nobel­preis­träger Daniel Kahneman als schnelles Denken und langsames Denken bezeichnet.

Das langsame Denken ist mühsam und gerichtet. Diese Art zu denken nutzen wir unter anderem, um ein Rätsel Schritt für Schritt im Kopf zu lösen. Unsere schnellen Gedanken sind dagegen mühelos und springen mitunter wild umher. Sie lassen sich insofern mit den Gefühlen verglei­chen, als dass sie ungefragt und situa­ti­ons­ab­hängig spontan in unserem Bewusst­sein auftau­chen.

Insbe­son­dere die Inhalte des schnellen Denkens hängen stark von unseren Bedürf­nissen ab. Wenn wir gerade nicht hungrig sind, werden wir kaum an Essen denken. Sind wir aber hungrig, dann drängen sich uns andauernd Gedanken ans Essen ins Bewusst­sein.

Buchtipp für Studenten und Schüler ab 16 Jahren:

Lernen

Wir sind lernfähig, damit wir lernen, unsere Bedürf­nisse immer effek­tiver und effi­zi­enter zu befrie­digen. Vermut­lich können wir gar nicht anders, als uns Wissen und Stra­te­gien zur Befrie­di­gung unserer Bedürf­nisse anzu­eignen und diese zu opti­mieren.

Das Spiel mit fremden Bedürf­nissen

Wenn prin­zi­piell nur solche Dinge gelernt werden können, die sich zur Befrie­di­gung tatsäch­lich vorhan­dener unbe­frie­digter Bedürf­nisse einsetzen lassen, wie kann es dann sein, dass Schul­kinder in der Lage sind, Dinge zu lernen, die dieses Kriterium offen­sicht­lich nicht erfüllen, zum Beispiel Latein – eine tote Sprache, die seit Jahr­hun­derten nicht mehr gespro­chen wird?

Dass Schul­kinder Latein und Co. lernen, liegt daran, dass das Lernen dieser Dinge von Lehrern, Eltern und der Gesell­schaft künstlich nützlich gemacht wird. Aus Sicht der Schul­kinder sieht es so aus, als wäre Latein eine Notwen­dig­keit zur Befrie­di­gung ihrer tatsäch­lich vorhan­denen Bedürf­nisse.

Druck und Sog

Es gibt zwei gängige Methoden, die ich im Folgenden als Druck und Sog bezeichnet möchte. Beim Einsatz von Druck wird die über­le­bens­wich­tige Befrie­di­gung von sozialen Grund­be­dürf­nissen der Schul­kinder davon abhängig gemacht, dass sie Dinge wie zum Beispiel ihre latei­ni­schen Vokabeln lernen. Wenn Eltern ihre Kinder glauben lassen, dass sie sie nur unter der Bedingung lieben, dass sie die Vokabeln lernen, dann werden sie die Vokabeln lernen.

Erwach­sene lassen sich weniger durch Druck als vielmehr durch Sog zum Lernen moti­vieren. Dazu muss ihnen glaubhaft gemacht werden, dass ihr Lernen mit der Befrie­di­gung höherer sozialer Bedürf­nisse belohnt werden wird: Prestige, Ansehen, Bestä­ti­gung und so weiter.

(Dies war ein Auszug aus meinem Buch Erfolg durch selbst­be­stimmtes Lernen.)

4.61/5 (54)

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  • Avatar Ari sagt:

    Hi Jan,
    schöner Artikel!
    ich würde den Artikel gerne in meiner Bache­lor­ar­beit als Quelle benutzen, deshalb würde ich gerne wissen, wann du ihn das letzte mal aktualisiert/ über­ar­beitet hast.

    Vielen Dank und herzliche Grüße
    Ari

    • Avatar Admin sagt:

      Hi Ari,
      Ich habe den Artikel zuletzt heute (11.02.2019) über­ar­beitet. Die erste Veröf­fent­li­chung war am 1. September 2017.
      Liebe Grüße,
      Jan

  • Avatar Meike sagt:

    Hi Jan. Ich hoffe das klappt mit der Antwort, ich stelle mich gerade doof an. :-D

    Danke für deine Antwort. Inzwi­schen bist du zwar als Quelle doch wieder raus geflogen, aber nur deshalb weil ich schon so viele (Zu viele?) Inter­net­quellen habe.^^ Ich schreibe über Bindungs- und bedürf­nis­ori­en­tierte Pädagogik. Dazu habe ich den guten alten Maslow mit seiner Pyramide heran­ge­zogen.

    Viele Grüße
    Meike

  • Avatar Meike sagt:

    Hallo Jan,
    wann hast du den Artikel denn veröf­fent­licht? Ich würde ihn gern als eine Quelle für meine Bache­lor­ar­beit benutzen. ;-)

    Viele Grüße
    Meike

    • Hallo Meike,

      Das ist ja cool :) Der Artikel ist vom 1. September 2017 und wurde anschlie­ßend noch mehrmals über­ar­beitet.
      Darf ich fragen, worüber du deine Bache­lor­ar­beit schreibst?

      Viele Grüße,
      Jan

  • Hi Jan,
    toller Blog-Beitrag. Du hast das Thema Glücklich sein bereits wunderbar beschrieben und ich könnte es nicht besser schreiben. Diese Bemerkung ist für die anderen Lesen, die sich fragen WARUM wir arme Menschen glück­li­cher sind. Ich komme aus Kuba, lebe aber in Bayern seit 20 Jahren und muss dir Recht geben, viele Deutsche sind unzu­frieden, obwohl sie alles haben. Doch viele Menschen in meinem Land sind glücklich, weil sie eben nicht so viel haben (nur das Nötigste) ;-)
    In meinem Blog unter http://​www​.EinKu​baInBa​.de habe ein paar kurze Geschichten über dieses Thema.
    Ich wünsche Euch allen einen schönen Abend! ;-)

  • Hey Jan, super Artikel!

    Ich recher­chiere gerade über Bedürf­tig­keit bei Männer und werde dazu ein Video für unseren Youtube-Kanal machen. Darf ich deine Grafiken in diesem Video verwenden? Ich würde natürlich direkt im Video auf diesen Artikel aufmerksam machen ;)

    Viele herzliche Grüße
    Sven

  • Hallo Jan,

    toller Artikel. Ich habe eine Frage:

    Warum sagt der Volksmund oft, dass die Menschen in ärmen Regionen glück­li­cher sind? Oft stehen diese Völker vor viel grösseren Problemen. teilweise Problemen der ersten Stufe der Pyramide.

    Oder ist es nur eine Lüge, sich Probleme so schön zu reden? ähnlich wie »Geld macht nicht glücklich« ?

    Viele Grüsse,
    Alexander vom vermiet​er​ta​ge​buch​.com

    • Hallo Alexander,

      Danke, Danke :)

      Zu deiner Frage: Glück ist ein kompli­ziertes Konzept, denn wie glücklich man ist, hängt von vielen verschie­denen Faktoren ab, zum Beispiel von der Stimmung, die wiederum vom Wetter abhängt (unter anderem). Wenn Menschen in armen Regionen der Erde glück­li­cher wirken, obwohl sie weniger haben, könnte man das zum Teil sicher­lich damit erklären, dass es in diesen Regionen oft sonniger ist als in den reichen Regionen der Erde. Es spielen aber noch viele weitere Faktoren eine Rolle, und welcher Faktor überwiegt, weiß ich nicht. Ich habe vor einige Zeit einen langen Artikel über Glück und die Glücks­for­schung geschrieben, den du hier findest.

      Zufrie­den­heit ist wieder ein anderes Konzept, das zum Teil aber vermut­lich mit Glück überlappt. Ich glaube, dass viele Bürger der reichen Nationen unnötig unzu­frieden (und damit unglück­lich) sind, weil sie sich selbst unzu­frieden machen, indem sie zu viele Medien konsu­mieren. Viel­leicht müsste man deine Frage daher umfor­mu­lieren und nicht fragen, warum die anderen so gut drauf sind, sondern warum wir es nicht sind. Über Zufrie­den­heit habe ich ebenfalls einen längeren Artikel geschrieben, den du hier findest. (unter anderem erkläre ich dort auch, wie die Zufrie­den­heit von unserer Psyche berechnet wird).

      Viele Grüße,
      Jan

  • Hi Jan,

    dass die Pyramide sich in der Realität nicht wirklich von unten nach oben füllt ist mir klar – mir war Selbst­ver­wirk­li­chung zum Beispiel schon immer ein wichtiges Bedürfnis. Es war auch immer für mich spür- und greifbar.

    Aller­dings kommen diese Annahmen viel­leicht auch einfach daher, dass Menschen unter Extrem­be­din­gungen, zum Beispiel großem Hunger, andere Bedürf­nisse komplett ausblenden, bis das West­ent­liche wieder auf einem gewissen Stand ist.

    Du hast sehr schön beschrieben, wie es heut­zu­tage zu so viel Verwir­rung über die eigenen Bedürf­nisse und damit so viel Unzu­frie­den­heit kommt – gerade in der west­li­chen Gesell­schaft.

    Danke für diesen Überblick.

    Alles Liebe,
    Tina

    • Hi Tina,

      Gern geschehen :) Was du schreibst, kann ich aus eigener Erfahrung bestä­tigen: Wenn ich so richig Hunger habe oder müde bin, ist mir alles andere oft auch ziemlich egal – natürlich nur vorüber­ge­hend.

      Viele Grüße
      Jan

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