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Persönlichkeitsentwicklung Jumpstart: Die Essenz aus 15 beliebten Erfolgsbüchern



Geschrieben von Dr. Jan Höpker

Aktualisiert am 21. September 2021


Die Maslowsche Bedürfnispyramide ist eine der bekanntesten sozialpsychologischen Theorien – leider auch eine der am meisten missverstandenen. Richtig verstanden kann Maslows Theorie von großem Nutzen sein, zum Beispiel für denjenigen, der sie als Grundlage für die Analyse seiner eigenen oder fremder Bedürfnisse verwendet.

Die Maslowsche Bedürfnispyramide -Warum wir wollen was wir wollen

Warum will ich, was ich will?

Was will ich überhaupt?

Warum bin ich unzufrieden?

Die Maslowsche Bedürfnispyramide ist das geeignete Werkzeug, um diese Fragen anzugehen.

Was ist die Maslow­sche Bedürfnispyramide?

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gingen die Psychologen mehrheitlich von einem pessimistischen Menschenbild aus: Die Behavioristen betrachteten den Menschen als eine seelenlose Maschine. Und die Sichtweise der Psychoanalytiker um Sigmund Freud, dem wohl einflussreichsten Psychologen überhaupt, war bekanntermaßen auch nicht gerade positiv.

Der US-amerikanische Psychologe Abraham Maslow (1908–1970) hatte ein anderes Bild von der Natur des Menschen. So blieb ihm nichts anderes übrig, als eine neue Schule der Psychologie zu gründen: die Humanistische Psychologie.

Das Menschenbild der Humanistischen Psychologie

Die Humanistische Psychologie geht davon aus, dass der Mensch von Natur aus (eher) gut ist und persönlich wachsen möchte. Alles Böse und Schlechte, so die Vorstellung, sei nicht auf die Natur des Menschen zurückzuführen, sondern auf eine nicht artgerechte Behandlung. Mit anderen Worten:

Wenn man einen Menschen in seiner Entwicklung nicht behindert, wird er sich positiv entwickeln – angetrieben von seinen Bedürfnissen.

Welche konkreten Bedürfnisse die Menschen haben und wie sich diese zeitlich entwickeln, beschrieb Maslow in seiner Theory of Human Motivation – einem Modell, das als Maslowsche Bedürfnishierarchie weltweit bekannt wurde. Die Darstellung und Interpretation als Bedürfnispyramide stammt nicht von Maslow selbst, auch wenn sie ihm häufig zugesprochen wird.

Maslow unterschied zwei grundverschiedene Arten von Bedürfnissen, die sogenannten Defizitbedürfnisse und die Wachstumsbedürfnisse. Defizitbedürfnisse gibt es bei allen Lebewesen, aber Wachstumsbedürfnisse gibt es nur bei uns Menschen.

Was sind Defizitbedürfnisse?

Lebende Organismen sind stets bestrebt, einen Gleichgewichtszustand aufrechtzuerhalten, die sogenannte Homöostase. Jede Abweichung von diesem Gleichgewicht ruft ein Defizitbedürfnis hervor, das uns motiviert, Handlungen durchzuführen, die dazu geeignet sind, den Gleichgewichtszustand wiederherzustellen.

Defizitbedürfnisse äußern sich in Form von Empfindungen wie zum Beispiel Hunger, Durst, Müdigkeit oder Unzufriedenheit. Die Stärke der entsprechenden Empfindung hängt von der Differenz zwischen dem Istzustand und einem von unserer Biologie vorgegebenen Sollwert ab.

Was sind Wachstumsbedürfnisse?

Die Wachstumsbedürfnisse unterscheiden sich insofern von den Defizitbedürfnissen, als dass Wachstumsziele niemals endgültig erreicht werden können. Ein Hunger nach Kalorien ist irgendwann gestillt, aber so etwas wie die Selbstverwirklichung ist eine ewige Baustelle.

Bei den Wachstumsbedürfnissen kann daher nicht die finale Befriedigung des entsprechenden Bedürfnisses belohnt werden, sondern nur der Weg dorthin. Etwas vereinfacht gesprochen, belohnt das Gehirn die Arbeit an Wachstumszielen mit Glücksgefühlen.

Die Hierarchie der Bedürfnisse

Zunächst beschrieb Maslow fünf verschiedene Bedürfnisse. Erst einige Jahre später kam noch ein sechstes Bedürfnis hinzu: die Transzendenz.

Das folgende Schaubild zeigt die Hierarchie der Bedürfnisse in Pyramidenform. Die Grenze zwischen den Wachstums- und Defizitbedürfnissen verläuft irgendwo zwischen den Individualbedürfnissen und Selbstverwirklichung.

Die Maslowsche Bedürfnispyramide - Die Hierarchie der Bedürfnisse

Die Maslowsche Bedürfnishierarchie als Pyramide | Diese Darstellung verleitet zu der falschen Vorstellung, dass die Pyramide Stufe für Stufe bestiegen wird.

Wie schon gesagt, stammt die Darstellung der Bedürfnishierarchie als Pyramide nicht von Maslow selbst. Tatsächlich stand er dieser Darstellung sogar äußerst kritisch gegenüber, den sie verleitet zu der falschen Vorstellung, dass die einzelnen Bedürfnisse der Reihe nach zum Vorschein kommen – tatsächlich ist das nämlich nicht der Fall.

Die Bedürfnisse kommen und gehen dynamisch

Die dynamische Darstellung der Bedürfnishierarchie vermittelt ein realistischeres Bild: Zu jedem Zeitpunkt unseres Lebens sind mehrere Bedürfnisse gleichzeitig aktiv. Die einzelnen Bedürfnisse treten aber unterschiedlich stark in Erscheinung.

Im Rahmen unserer persönlichen Entwicklung wandern wir im Schaubild von links nach rechts. Dabei treten neue Bedürfnisse auf, während alte Bedürfnisse nur leicht an Bedeutung verlieren.

Bedürfnisse - Dynamische Darstellung der Bedürfnisse

Die dynamische Darstellung der Maslowschen Bedürfnishierarchie | Im Rahmen unserer persönlichen Entwicklung wandern wir von links nach rechts. Dabei verändert sich die Intensität, mit der bestimmte Bedürfnisse aktiv sind.

Die 6 Ebenen der Bedürfnispyramide

Ebene #1: Physiologische Bedürfnisse

Zu den physiologischen Bedürfnissen zählen viele verschiedene Stoffe (Nährstoffe, Vitamine, Wasser, Sauerstoff etc.) und physikalische Rahmenbedingungen (Wärme, Licht etc.), die für unser Überleben zwingend notwendig sind.

Wenn unsere physiologischen Bedürfnisse dauerhaft unbefriedigt bleiben, werden wir bestenfalls krank und schlimmstenfalls sterben wir.

Ebene #2: Sicherheitsbedürfnis

Alle Menschen haben das Bedürfnis nach Sicherheit. Was genau einem Menschen ein Gefühl von Sicherheit gibt, ist aber individuell verschieden. Das Sicherheitsbedürfnis eines Menschen verändert sich außerdem im Laufe seines Lebens – in der Regel gewinnt es mit zunehmendem Lebensalter an Bedeutung.

Ebene #3: Soziale Bedürfnisse

Soziale Bedürfnisse treten in verschiedenen Formen auf:

  • Das Bedürfnis nach erfüllenden soziale Beziehungen zu anderen Menschen.
  • Das Bedürfnis, eine bestimmte Rolle in der Gesellschaft zu erfüllen.
  • Das Bedürfnis, Liebe und zu geben und zu empfangen.

Ebene #4: Individualbedürfnisse

Zu den Individualbedürfnissen zählen die Bedürfnisse nach:

  • Erfolg
  • Freiheit, Unabhängigkeit
  • Ansehen, Anerkennung, Prestige

Ebene #5: Selbstverwirklichung

Das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung ist ein Wachstumsbedürfnis, das sich durch den Wunsch ausdrückt, das eigene Potenzial möglichst voll auszuschöpfen. In welcher konkreten Form dies geschieht, ist höchst individuell.

Im Jahre 1943 ging Maslow davon aus, dass zum damaligen Zeitpunkt nur etwa zwei Prozent der Bevölkerung so weit in der Bedürfnishierarchie aufgestiegen waren, dass das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung im Vordergrund stand.

Ebene #6: Transzendenz

Das Bedürfnis nach Transzendenz ist ein Wachstumsbedürfnis, bei dem es letztlich darum geht, über sich hinauszuwachsen und Teil von etwas Größerem zu werden.

Kritik an der Bedürfnispyramide

Schon zu Maslows Lebzeiten musste sich das Modell der Bedürfnishierarchie einer Reihe von Kritikpunkten stellen. Schauen wir uns die häufigsten Einwände einmal genauer an.

»Maslow war nicht objektiv!«

Stimmt! Maslow hat nicht randomisiert, sondern gezielt nur solche Personen für seine Untersuchungen ausgewählt, die eine positive persönliche Entwicklung hinter sich hatten. Ihm war durchaus bewusst, dass diese Vorgehensweise wissenschaftlich betrachtet höchst fragwürdig ist, aber anders – so seine Befürchtung – wäre er wohl nie zu einer brauchbaren Theorie gekommen.

»Echte Menschen sind anders!«

Kritiker wenden häufig ein, dass ihnen haufenweise real existierende Personen einfallen, deren Verhalten den Prioritäten der Bedürfnishierarchie widerspricht. Maslow selbst hat dem entgegnet, dass sein Modell insbesondere langfristiges Verhalten erkläre – eine vorübergehende Abweichung im Verhalten stünde daher nicht im Widerspruch zu seiner Theorie.

»Menschen aus kollektivistischen Gesellschaften verhalten sich anders!«

Ein weiteres Argument, das von Kritikern häufig ins Feld geführt wird, ist, dass die realen Verhaltensweisen von Individuen aus kollektivistischen Gesellschaften zum Teil völlig andere seien.

»Die Bedürfnispyramide ist unwissenschaftlich!«

Maslows Modell könne alles erklären, aber nichts vorhersagen. Da sich menschliche Bedürfnisse schlecht messen ließen, sei das Modell unwiderlegbar und damit per Definition unwissenschaftlich.

Ist die Kritik berechtigt?

Die Psychologen Ed Diener und Louis Tay von der University of Illinois haben Maslows Theorie einer empirischen Überprüfung unterzogen. Sie werteten Daten aus 123 Ländern aus, die zwischen 2005 und 2010 gesammelt worden waren. Ed Diener fasst die Ergebnisse die so zusammen:

»Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass Maslows Theorie weitgehend korrekt ist.«

Im Einzelnen sind die Wissenschaftler zu folgenden Ergebnisse gekommen:

  • Die Erfüllung einer Vielzahl von Bedürfnissen, wie sie von Maslow definiert wurden, ist universell wichtig für das individuelle Glücksempfinden.
  • Die Reihenfolge, in der die Bedürfnisse befriedigt werden, hat wenig Einfluss auf die Zufriedenheit.
  • Die individuelle Lebenszufriedenheit hängt auch davon ab, ob die Bedürfnisse der anderen Menschen in der (gleichen) Gesellschaft befriedigt sind.

Insbesondere der letzte Punkt ist interessant, denn wir Menschen neigen dazu, unseren eigenen Entwicklungsstand zu überschätzen, während wir den Entwicklungsstand unserer Mitmenschen häufig unterschätzen. Der folgende Gedanke ist weit verbreitet:

»Ich selbst gehe arbeiten, um mich zu verwirklichen, aber die anderen Menschen gehen doch nur arbeiten, um ihre niederen Bedürfnisse befriedigen zu können.«

Maslowsche Bedürfnispyramide - Wie wir uns selbst sehen und wie wir unsere Mitmenschen sehen

Wie wir uns selbst und andere Menschen sehen | Wir neigen dazu, unseren eigenen Entwicklungsstand zu überschätzen und den Entwicklungsstand unserer Mitmenschen zu unterschätzen.

Der Beweis

Wenn Menschen gefragt werden, ob sie nach der Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens weiterhin arbeiten würden, antwortet die große Mehrheit mit einem entschiedenen Ja. Nach dem voraussichtlichen Verhalten ihrer Mitmenschen gefragt, vermutet ein großer Anteil der gleichen Personen, dass die anderen wohl eher faul wären und gar nichts mehr tun würden. (Quelle)

Die Dynamik der Bedürfnisse

Wie stark sind unsere Bedürfnisse, und wovon hängt ihre Stärke ab?

Für die Bedürfnisse am Fuße der Pyramide lässt sich diese Fragen leicht beantworten: Das Bedürfnis nach Schlaf oder Kalorien ist für alle Menschen in etwa gleich stark. Einige Individuen brauchen vielleicht zehn oder auch fünfzig Prozent mehr Schlaf oder Kalorien als andere, aber niemand benötigt die fünf- oder zehnfache Menge.

Außerdem hängt mein Schlafbedürfnis einzig und allein von mir selbst ab – und nicht etwa davon, wie lange die Menschen um mich herum schlafen müssen. Es kann sein, dass ich in einer Umgebung, in der wenig geschlafen wird, auch weniger schlafe, aber an meinem natürlichen Schlafbedürfnis ändert das nichts.

Oben in der Pyramide ist es komplizierter

Objektiv betrachtet geht es den meisten Deutschen ziemlich gut. Sogar die Ärmsten haben Reichtümer, von denen die Reichsten vor ein paar Hundert Jahren nicht einmal träumen konnten:

  • Kein Krieg im eigenen Land,
  • lebensrettende Medizin für alle,
  • Strom aus der Wand,
  • kostenlose öffentliche Bibliotheken,
  • deutlich mehr Rechte für Frauen,

um nur einige Punkte zu nennen. Sollten nicht alle Deutschen hochzufrieden sein?

Wie schon gesagt, belohnt das Gehirn die Befriedigung der Defizitbedürfnisse mit einem Gefühl der Zufriedenheit. Dabei sind einige dieser Bedürfnisse aber nicht absolut sondern relativ. Das Gehirn bewertet nicht, was sein Besitzer absolut hat, sondern was er im Vergleich zu anderen Menschen hat.

Ein Teil der Bevölkerung wird immer unzufrieden sein!

Über die Gefühle Zufriedenheit und Unzufriedenheit werden die Ambitionen der Mitglieder einer Gruppe einander angeglichen. Wäre das Leben ein 100-Meter-Lauf, dann würden Zufriedenheit und Unzufriedenheit dafür sorgen, dass wir alle ungefähr zeitgleich im Ziel ankommen. Die Zufriedenheit nimmt den Führenden den Wind aus den Segeln, und die Unzufriedenheit motiviert die Zurückliegenden zum Aufholen.

Ein Beispiel

Man hat beobachtet, dass die Freunde von Personen, die kürzlich übergewichtig wurden, mit signifikant erhöhter Wahrscheinlichkeit ebenfalls übergewichtig werden.

Die Erklärung: Wenn sich das Körpergewicht der Menschen in unserem näheren sozialen Umfeld verändert, dann verändert sich auch die Toleranzgrenze, ab der wir mit unserem eigenen Körpergewicht unzufrieden werden und damit beginnen, etwas gegen den Missstand zu unternehmen. (Quelle)

Der US-amerikanische Motivationsredner Jim Rohn (1930–2009) wurde für diese Aussage weltbekannt:

»Du bist der Durchschnitt der fünf Menschen, mit denen du die meiste Zeit verbringst!«

Was andere haben oder nicht haben, beeinflusst die Messlatte, die wir selbst anpeilen. Die meisten Menschen besäßen lieber 100.000 Euro, während ihre Nachbarn nur 80.000 Euro besitzen, als 200.000 Euro, während die Nachbarn 300.000 Euro haben.

Wie das Gehirn Zufriedenheit erzeugt

Der Psychologe Barry Schwartz erklärt in seinem englischsprachigen TED-Talk, dass unsere Zufriedenheit bzw. Unzufriedenheit von unserer Psyche unbewusst und automatisch berechnet wird. Die Berechnungsgrundlage scheinen drei Differenzen zu bilden: Die Differenz zwischen dem was wir aktuell haben und

  • unserem persönlichen Höchststand,
  • dem, was andere Menschen (scheinbar) haben
  • und unseren Wünschen, Zielen und Ansprüchen.

Insbesondere die zweite Differenz ist interessant, denn was andere Menschen haben, entnehmen wir immer häufiger den Sozialen Medien, anstatt mit eigenen Augen hinzusehen. Wir vergleichen uns mit Zerrbildern, und in der Folge sind wir unzufriedener als wir objektiv betrachtet sein müssten. Ob das gut oder schlecht ist, hängt davon ab, was wir aus unserer Unzufriedenheit machen.

Per se schlecht ist Unzufriedenheit nicht!

Die Auswirkungen unbefriedigter Bedürfnisse

Unsere unbefriedigten Bedürfnisse beeinflussen unsere Wahrnehmung, unsere Gefühle unsere Gedanken und was wir lernen.

Wahrnehmung

Wer ein neues Auto kaufen möchte und bereits mit einem bestimmten Modell liebäugelt, wird dieses plötzlich überall in den Straßen sehen – als ob nun jeder dieses Auto fahren würde. Frauen, die sich Kinder wünschen, berichten häufig davon, dass die Welt auf einmal voll von Schwangeren zu sein scheint.

Diese Phänomene können damit erklärt werden, dass unbefriedigte Bedürfnisse Wahrnehmungsfilter sind. Über unsere Sinne erhält unser Gehirn sehr viel mehr Daten, als wir bewusst erfassen können. Daher muss eine Auswahl stattfinden. Was mit unseren unbefriedigten Bedürfnissen zu tun hat, erhält eine höhere Priorität – es springt uns förmlich ins Auge.

Gefühle

Unsere Gefühlswelt ist ein Spiegelbild unserer unbefriedigten Bedürfnisse. Mit der Unzufriedenheit haben wir ein wichtiges Gefühl bereits kennengelernt. In seinem Buch Gefühle: Die Sprache des Selbst* teilt Thomas Bergner den Menschen in zwei ungleiche Teile: Das Ich und das Selbst.

Das Ich ist der bewusste Teil von uns, der Teil mit dem wir uns identifizieren. Das Selbst ist unbewusst. Auf Basis von Erfahrungen, Sinneseindrücken und Körpersignalen berechnet das Selbst eine Einschätzung der Situation, in der wir uns gerade befinden, und teilt sie dem Ich in Form von Gefühlen mit. Beim Menschen können rund 400 verschiedene, und zumeist negative, Gefühle unterschieden werden.

Zwar werden die endgültigen Handlungsentscheidungen vom Ich getroffen, aber durch die Erzeugung von Gefühlen trifft das Selbst eine Vorentscheidung, wodurch das Ich in seiner Freiheit eingeschränkt ist. Diese Einschränkung äußert sich dadurch, dass uns bestimmte Optionen in bestimmten Situationen gar nicht erst in den Sinn kommen.

Gefühle sind Handlungsbedarfsignale

Welche Reaktion erwartet das Selbst vom Ich, wenn es ein Gefühl erzeugt?

Allgemein gesprochen erwartet es eine Handlung. Der US-amerikanische Coach und Bestsellerautor Anthony Robbins bezeichnet Gefühle daher auch als Handlungsbedarfssignale. Eine Handlung ist dann angebracht, wenn sie zur Befriedigung eines Bedürfnisses beitragen kann.

Gedanken

Auch unsere Gedanken werden von unseren unbefriedigten Bedürfnissen beeinflusst. Wir müssen zwei Arten von Gedanken unterscheiden, die der Nobelpreisträger Daniel Kahneman als schnelles Denken und langsames Denken bezeichnet.

Das langsame Denken ist mühsam und gerichtet. Diese Art zu denken nutzen wir unter anderem, um ein Rätsel Schritt für Schritt im Kopf zu lösen. Unsere schnellen Gedanken sind dagegen mühelos und springen mitunter wild umher. Sie lassen sich insofern mit den Gefühlen vergleichen, als dass sie ungefragt und situationsabhängig spontan in unserem Bewusstsein auftauchen.

Insbesondere die Inhalte des schnellen Denkens hängen stark von unseren Bedürfnissen ab. Wenn wir gerade nicht hungrig sind, werden wir kaum an Essen denken. Sind wir aber hungrig, dann drängen sich uns andauernd Gedanken ans Essen ins Bewusstsein.

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Lernen

Wir sind lernfähig, damit wir lernen, unsere Bedürfnisse immer effektiver und effizienter zu befriedigen. Vermutlich können wir gar nicht anders, als uns Wissen und Strategien zur Befriedigung unserer Bedürfnisse anzueignen und diese zu optimieren.

Das Spiel mit fremden Bedürfnissen

Wenn prinzipiell nur solche Dinge gelernt werden können, die sich zur Befriedigung tatsächlich vorhandener unbefriedigter Bedürfnisse einsetzen lassen, wie kann es dann sein, dass Schulkinder in der Lage sind, Dinge zu lernen, die dieses Kriterium offensichtlich nicht erfüllen, zum Beispiel Latein – eine tote Sprache, die seit Jahrhunderten nicht mehr gesprochen wird?

Dass Schulkinder Latein und Co. lernen, liegt daran, dass das Lernen dieser Dinge von Lehrern, Eltern und der Gesellschaft künstlich nützlich gemacht wird. Aus Sicht der Schulkinder sieht es so aus, als wäre Latein eine Notwendigkeit zur Befriedigung ihrer tatsächlich vorhandenen Bedürfnisse.

Druck und Sog

Es gibt zwei gängige Methoden, die ich im Folgenden als Druck und Sog bezeichnet möchte. Beim Einsatz von Druck wird die überlebenswichtige Befriedigung von sozialen Grundbedürfnissen der Schulkinder davon abhängig gemacht, dass sie Dinge wie zum Beispiel ihre lateinischen Vokabeln lernen. Wenn Eltern ihre Kinder glauben lassen, dass sie sie nur unter der Bedingung lieben, dass sie die Vokabeln lernen, dann werden sie die Vokabeln lernen.

Erwachsene lassen sich weniger durch Druck als vielmehr durch Sog zum Lernen motivieren. Dazu muss ihnen glaubhaft gemacht werden, dass ihr Lernen mit der Befriedigung höherer sozialer Bedürfnisse belohnt werden wird: Prestige, Ansehen, Bestätigung und so weiter.

Dr. Jan Höpker ist Wissenschaftler, Autor und Gründer der Websites HabitGym und Der perfekte Ratgeber. Mit seinem Buch Erfolg durch Fokus & Konzentration hat er bis heute mehr als 20.000 Leser erreicht und ihnen dabei geholfen, fokussierter zu leben, zu lernen und zu arbeiten.

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  • Hi Jan,
    schöner Artikel!
    ich würde den Artikel gerne in meiner Bachelorarbeit als Quelle benutzen, deshalb würde ich gerne wissen, wann du ihn das letzte mal aktualisiert/ überarbeitet hast. 

    Vielen Dank und herzliche Grüße
    Ari

    • Hi Ari,
      Ich habe den Artikel zuletzt heute (11.02.2019) überarbeitet. Die erste Veröffentlichung war am 1. September 2017.
      Liebe Grüße,
      Jan

  • Hi Jan. Ich hoffe das klappt mit der Antwort, ich stelle mich gerade doof an. :-D

    Danke für deine Antwort. Inzwischen bist du zwar als Quelle doch wieder raus geflogen, aber nur deshalb weil ich schon so viele (Zu viele?) Internetquellen habe.^^ Ich schreibe über Bindungs- und bedürfnisorientierte Pädagogik. Dazu habe ich den guten alten Maslow mit seiner Pyramide herangezogen.

    Viele Grüße
    Meike

  • Hallo Jan,
    wann hast du den Artikel denn veröffentlicht? Ich würde ihn gern als eine Quelle für meine Bachelorarbeit benutzen. ;-)

    Viele Grüße
    Meike

    • Hallo Meike,

      Das ist ja cool :) Der Artikel ist vom 1. September 2017 und wurde anschließend noch mehrmals überarbeitet.
      Darf ich fragen, worüber du deine Bachelorarbeit schreibst?

      Viele Grüße,
      Jan

  • Hi Jan,
    toller Blog-Beitrag. Du hast das Thema Glücklich sein bereits wunderbar beschrieben und ich könnte es nicht besser schreiben. Diese Bemerkung ist für die anderen Lesen, die sich fragen WARUM wir arme Menschen glücklicher sind. Ich komme aus Kuba, lebe aber in Bayern seit 20 Jahren und muss dir Recht geben, viele Deutsche sind unzufrieden, obwohl sie alles haben. Doch viele Menschen in meinem Land sind glücklich, weil sie eben nicht so viel haben (nur das Nötigste) ;-)
    In meinem Blog unter http://​www​.EinKubaInBa​.de habe ein paar kurze Geschichten über dieses Thema.
    Ich wünsche Euch allen einen schönen Abend! ;-)

  • Hey Jan, super Artikel! 

    Ich recherchiere gerade über Bedürftigkeit bei Männer und werde dazu ein Video für unseren Youtube-Kanal machen. Darf ich deine Grafiken in diesem Video verwenden? Ich würde natürlich direkt im Video auf diesen Artikel aufmerksam machen ;)

    Viele herzliche Grüße
    Sven

  • Hallo Jan,

    toller Artikel. Ich habe eine Frage:

    Warum sagt der Volksmund oft, dass die Menschen in ärmen Regionen glücklicher sind? Oft stehen diese Völker vor viel grösseren Problemen. teilweise Problemen der ersten Stufe der Pyramide.

    Oder ist es nur eine Lüge, sich Probleme so schön zu reden? ähnlich wie »Geld macht nicht glücklich« ?

    Viele Grüsse,
    Alexander vom vermietertagebuch​.com

    • Hallo Alexander,

      Danke, Danke :)

      Zu deiner Frage: Glück ist ein kompliziertes Konzept, denn wie glücklich man ist, hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab, zum Beispiel von der Stimmung, die wiederum vom Wetter abhängt (unter anderem). Wenn Menschen in armen Regionen der Erde glücklicher wirken, obwohl sie weniger haben, könnte man das zum Teil sicherlich damit erklären, dass es in diesen Regionen oft sonniger ist als in den reichen Regionen der Erde. Es spielen aber noch viele weitere Faktoren eine Rolle, und welcher Faktor überwiegt, weiß ich nicht. Ich habe vor einige Zeit einen langen Artikel über Glück und die Glücksforschung geschrieben, den du hier findest.

      Zufriedenheit ist wieder ein anderes Konzept, das zum Teil aber vermutlich mit Glück überlappt. Ich glaube, dass viele Bürger der reichen Nationen unnötig unzufrieden (und damit unglücklich) sind, weil sie sich selbst unzufrieden machen, indem sie zu viele Medien konsumieren. Vielleicht müsste man deine Frage daher umformulieren und nicht fragen, warum die anderen so gut drauf sind, sondern warum wir es nicht sind. Über Zufriedenheit habe ich ebenfalls einen längeren Artikel geschrieben, den du hier findest. (unter anderem erkläre ich dort auch, wie die Zufriedenheit von unserer Psyche berechnet wird).

      Viele Grüße,
      Jan

  • Hi Jan,

    dass die Pyramide sich in der Realität nicht wirklich von unten nach oben füllt ist mir klar – mir war Selbstverwirklichung zum Beispiel schon immer ein wichtiges Bedürfnis. Es war auch immer für mich spür- und greifbar.

    Allerdings kommen diese Annahmen vielleicht auch einfach daher, dass Menschen unter Extrembedingungen, zum Beispiel großem Hunger, andere Bedürfnisse komplett ausblenden, bis das Westentliche wieder auf einem gewissen Stand ist. 

    Du hast sehr schön beschrieben, wie es heutzutage zu so viel Verwirrung über die eigenen Bedürfnisse und damit so viel Unzufriedenheit kommt – gerade in der westlichen Gesellschaft.

    Danke für diesen Überblick.

    Alles Liebe,
    Tina

    • Hi Tina,

      Gern geschehen :) Was du schreibst, kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen: Wenn ich so richig Hunger habe oder müde bin, ist mir alles andere oft auch ziemlich egal – natürlich nur vorübergehend.

      Viele Grüße
      Jan

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