Nootropika

Geschrieben am 10. Mai 2020 von Dr. Jan Höpker.

Cornelius E. Giurgea (1923–1995) war ein rumänischer Arzt, Psychologe und Neurophysiologe, der die Wirkung von Medikamenten auf die Stimmung und Wahrnehmung sowie das Denken und Verhalten wissenschaftlich untersucht hat. 1972 prägte er den Begriff Nootropika.

Nach Giurgea ist ein Stoff als Nootropikum einzustufen, wenn dieser einen spürbaren positiven Einfluss auf das Gehirn hat. Außerdem darf der Stoff keine oder nur eine geringe Toxizität aufweisen und die Nebenwirkungen müssen sich in gewissen Grenzen halten.

Nootropika wird nachgesagt, dass sie in der Lage sind, dysfunktionale Gehirne wieder funktional zu machen. Außerdem, so heißt es, können sie normal funktionierende Gehirne optimieren, so dass sie besser funktionieren. Die Wirkungsweise der Substanzen beruht im Allgemein darauf, die Energieversorgung der Gehirnzellen und/oder die Biosynthese von Neurotransmittern anzukurbeln.

Auf den ersten Blick wäre auch Koffein als Nootropikum einzuordnen, allerdings erfüllt der Wirkstoff aus dem Kaffee die Kriterien nicht in vollem Umfang: Die Wirkung des Koffeins lässt bei wiederholter Einnahme nach, weil der Körper eine Toleranz aufbaut. Trotzdem wird Koffein häufig als Nootropikum geführt. Und hier sind wir auf ein ernsthaftes Problem gestoßen: Zwar sind Nootropika per Definition unbedenklich, aber viele Stoffe werden zu Unrecht als Nootropika gehandelt. Unklarheiten gibt es nicht nur hinsichtlich der Unbedenklichkeit, sondern auch was die Wirksamkeit betrifft. Die Studienlange ist oft dünn und/oder widersprüchlich.

Sogenannte Biohacker fühlen sich herausgefordert, Selbstexperimente durchzuführen, um für sich selbst Klarheit zu schaffen. Ihr Ziel besteht letztlich darin, Stoffe zu finden, die sich in ihrer Wirkung gegenseitig unterstützen. Einen Mix aus Stoffen mit dieser Eigenschaft bezeichnen sie als »Stack«. Ein Beispiel für einen recht einfachen Stack ist die Kombination von Koffein mit L‑Theanin. Theanin kann als eine Art Gegengift gegen die von Koffein hervorgerufene Nervosität verstanden werden.

Prinzipiell können zwei grundverschiedene Arten von Nootropika unterschieden werden: pflanzliche Nootropika, wie beispielsweise Extrakte der Pflanze Ginkgo biloba, und künstliche Nootropika, wie zum Beispiel das verschreibungspflichtige Medikament Modafinil, das zur Behandlung von Narkolepsie eingesetzt wird.

Die meisten Mittel auf Pflanzenbasis haben den großen Vorteil, dass sie der Menschheit seit Jahrhunderten bekannt sind. Böse Überraschungen, was die Langzeitwirkung angeht, sind damit zumindest unwahrscheinlicher als bei den künstlichen Stoffen, die allesamt erst in den letzten etwa 50 Jahren entwickelt wurden.

Was spricht für Nootropika?

Um voreilige Schlüsse zu vermeiden, sollten wir uns ins Bewusstsein rufen, dass viele Nootropika in zahlreichen natürlichen Lebensmitteln vorkommen und nicht etwa – bildlich gesprochen – von einem anderen Planeten stammen. Wir alle nehmen bereits Nootropika zu uns.

Allerdings sollte man auch die berühmte Erkenntnis von Paracelsus nicht vergessen: »Die Dosis macht das Gift!« In natürlichen Lebensmitteln kommen Nootropika in aller Regel in geringen Konzentrationen vor, während sie in Präparaten aus der Apotheke oder dem Onlineshop sehr viel höher dosiert sind.

Einige Menschen lehnen den Einsatz von Substanzen kategorisch ab. Aber ist ein substanzfreies Leben auf der schiefen Bahn einem … Leben wirklich vorzuziehen? Meinem Erachten nach sollte nicht pauschal, sondern von Fall zu Fall entschieden werden. Beide Optionen sind mit Vor- und Nachteilen verbunden und diese müssen abgewogen werden.

Wenn Nootropika in der Lage sind, ein Tor zu einem Schatz zu öffnen, das sich allen anderen Öffnungsversuchen verweigert, wäre man dumm, wenn man sie aus ideologischen Gründen ablehnen würde.

Was das Abwägen der Vor- und Nachteile in der Praxis erschwert, ist die Tatsache, dass man niemals alle Vor- und Nachteile kennen kann. Was wenn sich starke Nebenwirkungen erst nach Jahren zeigen?

Die Verbraucherzentrale warnt vor einigen Substanzen, da deren Wirksamkeit nicht bewiesen sei. Diese Warnung ist berechtigt, jedoch sollte die Abwesenheit eines Wirksamkeitsbeweises nicht mit einem Beweis für Unwirksamkeit verwechselt werden. Auch ein reiner Placeboeffekt kann die Einnahme einer Substanz rechtfertigen.

Was spricht dagegen?

Das meines Erachtens nach stärkste Gegenargument ist der Kostenfaktor. Wie schon gesagt, setzen Biohacker nicht auf einzelne Substanzen, sondern auf einen sogenannten Stack, der mit mittleren dreistelligen oder sogar noch höheren monatlichen Kosten verbunden sein kann (es geht auch günstiger).

Der dauerhafte Einsatz von Nootropika wird sehr wahrscheinlich keine körperliche und auch keine psychische Abhängigkeit hervorrufen, aber man beraubt sich der Chance, die Ursachen der eigenen Probleme durch eine Anpassung des Lebenswandels zu beseitigen. So gesehen besteht durchaus die Gefahr, abhängig zu werden, wenn auch nicht in Form einer Sucht.

Auch der Zeitfaktor kann nicht vernachlässigt werden, denn optimale Ergebnisse setzen zeitraubende Experimente voraus. Die Wirksamkeit einzelner Substanzen unterscheidet sich von Mensch zu Mensch, weshalb es wenig Sinn macht, Stacks, die bei anderen Personen zum gewünschten Erfolg geführt haben, einfach zu kopieren. Da die Wirkung der Substanzen jedoch mitunter erst nach mehreren Wochen einsetzt, können Experimente ganz schön zeitraubend sein.

Auch aus erkenntnistheoretischer Sicht sind eigene Experimente, die nur das subjektive Empfinden messen, methodisch höchst fragwürdig. Um nämlich sicher sagen zu können, dass mein Gehirn nach einer mehrwöchigen Einnahme bestimmter Substanzen besser arbeitet, müsste ich mich an den Zustand von vor der Einnahme erinnern. Die entsprechenden Daten werden vom Gedächtnis aber nicht gespeichert. Auf das subjektive Empfinden ist also kein Verlass.

Kürzlich habe ich das Buch Hirntuning von Dave Asprey gelesen, einem bekannten Biohacker, der zahlreichen Nachahmern als Vorbild dient. Wie ich mit Erschrecken feststellen musste, rechtfertigt er fast alle Methoden, darunter auch die Einnahme von Substanzen, mit seiner subjektiven Erfahrung. Viele Stellen im Buch lesen sich sinngemäß ungefähr so:

»Ich nahm bereits täglich einige Substanzen (Größenordnung 100) und fühlte mich großartig, aber dann habe ich noch diese eine Substanz hinzugefügt, was noch einmal zu einer deutlich spürbaren Steigerung geführt hat.«

(Zufälligerweise werden viele dieser Substanzen von Aspreys eigener Firma Bulletproof verkauft.)

Was mich ebenfalls stutzig macht, ist die Tatsache, dass es bei den Empfehlungen unterschiedlicher Biohacker nur wenig Überschneidung gibt. Ich hatte den Eindruck, dass versucht wird, möglichst wenig verbreitete Substanzen zu empfehlen, weil die Wahrscheinlichkeit, diese verkaufen oder für eine Provision empfehlen zu können, in diesem Fall höher ist.

Es ist schwer, an unabhängige Informationen zu kommen.

Worauf sollte man achten?

Auf gar keinen Fall sollte man so naiv sein und alles glauben, was im Internet geschrieben wird. Mit dem Verkauf und der Empfehlung von Nootropika und Nahrungsergänzungsmitteln lässt sich sehr viel Geld verdienen. Übertrieben wird nicht nur bei der Wirksamkeit von Substanzen, sondern auch bei den Argumenten, die für die Einnahme dieser Substanzen sprechen.

Häufig liest man, dass die Äcker in den letzten Jahrzehnten angeblich immer nährstoffärmer wurden, weshalb in Obst und Gemüse heutzutage kaum mehr Vitamine und Mineralstoffe enthalten seien. Ohne Vitaminpillen könne man seinen Bedarf an Mikronährstoffen heute gar nicht mehr stillen. Da sich keine glaubhafte Originalquelle für diese Behauptung finden lässt, können wir sie den Verschwörungstheorien zuordnen. Und selbst wenn es stimmen würde, wäre es extrem naiv, davon auszugehen, dass unseren Früchten ausgerechnet und ausschließlich genau jene Substanzen fehlen, die es in Form von Präparaten zu kaufen gibt.

Dazu kommt noch, dass wir in vielen Fällen noch nicht einmal wissen, wie viel wir von bestimmten Stoffen brauchen. Ein Überschuss ist nicht zwangsweise besser als ein Mangel. Den Biohackern geht es nämlich gar nicht darum, einen Mangel auszugleichen – sie wollen das biologisch mögliche Maximum aus sich herausholen. Unter anderem haben sie es auf ihre Motivation, ihren Fokus, ihre Stimmung und ihr Gedächtnis abgesehen.

Auf den ersten Blick mag es wünschenswert erscheinen, immer maximal guter Stimmung sowie fokussiert und motiviert zu sein, aber optimal ist das nicht. Fast immer ist es Fehler, das Optimum mit dem Maximum gleichzusetzen. Gefühle haben eine Signalfunktion, nicht mehr und nicht weniger. Positive Gefühle teilen uns mit, dass die Dinge gut für uns laufen, während negative Gefühle als Warnhinweise zu verstehen sind. Zwar streben alle Lebewesen nach positiven Gefühlen und bemühen sich, negative Gefühl zu vermeiden, worum es dabei jedoch eigentlich geht, sind nicht die Gefühle, sondern die Handlungen, die diesen Gefühlen vorausgehen. Zumindest aus biologischer Sicht haben Gefühle keinen intrinsischen Wert, sie bewerten lediglich unsere Handlungen und die Situation in der wir uns befinden. Wer seine Stimmung mit Stimmungsaufhellern zu maximieren versucht, begeht im Grunde Selbstbetrug, denn er täuscht sich falsche Tatsachen vor. Negative Gefühle sind kein Irrtum der Natur.

Wo findet man verlässliche Informationen?

Pubmed ist eine Datenbank für Fachartikel aus den Bereichen Medizin, Psychologie, Biologie, Biochemie und viele mehr.

Examine​.com ist eine Datenbank für Studien zu Nährstoffen und Nahrungsergänzungsmitteln, die sich als unabhängige Bildungsorganisation versteht. Konkrete Empfehlungen findet man bei Examine nicht, man soll sich selbst ein Urteil bilden. Die Hilfestellung von Examine besteht darin, die Studienlage zu einzelnen Substanzen übersichtlich aufzubereiten.

Neben diesen beiden Datenbanken für Fachartikel gibt es auch deutsch- und englischsprachige Webseiten mit allgemeinverständlichen Artikeln zu einzelne Substanzen. Hier ist jedoch Vorsicht geboten, denn fast immer wird mit dem Verkauf und/oder der Empfehlung von Präparaten Geld verdient. Um die Verkäufe zu steigern, werden die Substanzen für meinen Geschmack viel zu positiv dargestellt. Nicht wenigen dieser Artikel merkt man außerdem an, dass sie nicht aus der Feder von Experten, sondern von (Werbe-)Textern stammen.

Laut einer Umfrage glauben 83 Prozent der Käufer von Nahrungsergänzungsmitteln an einen positiven Effekt und 55 Prozent glauben, dass die Produkte staatlich geprüft worden sind (Quelle). Tatsächlich sind viele Informationsseiten im Internet von der Industrie ins Leben gerufen worden.

Für Laien ist es nahezu unmöglich, an objektive Informationen über Nahrungsergänzungsmittel und Nootropika zu gelangen. Auf vielen Informationsseiten wird maßlos übertrieben und manchmal wird sogar gelogen. Zum Beispiel werden gerne mal Behauptungen aufgestellt, die in den angegebenen Quellen gar nicht belegt werden. Mehrfach hatte ich den Eindruck, dass einfach irgendwelche x‑beliebigen Studien angegeben werden, nur um den Anschein von Wissenschaftlichkeit zu erwecken.

Die Wirksamkeit der allermeisten Substanzen ist bei weitem nicht so eindeutig belegt, wie es fast überall im Internet dargestellt wird.

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