Präkrastination: Wenn sofortiges Erledigen zum Aufschieben führt

28.08.2026 / Dr. Jan Höpker / Kategorie: Prokrastination

Du kannst den ganzen Tag produktiv sein und trotzdem prokrastinieren! In diesem Artikel erfährst du, was Präkrastination ist und wann frühes Handeln zum Problem wird.

Vielleicht kennst du das: Du möchtest an einem wichtigen Projekt arbeiten. Vielleicht willst du ein Buch schreiben, einen Businessplan entwickeln oder eine größere Präsentation vorbereiten.

Bevor du anfängst, beantwortest du noch schnell eine E-Mail. Dann kommt eine Rechnung rein, die du sofort überweist. Anschließend kümmerst du dich um eine kleine Kundenanfrage, aktualisierst deine Aufgabenliste und räumst deinen Schreibtisch auf.

Am Ende des Tages hast du eine Menge erledigt. Nur bei deinem wichtigen Projekt bist du keinen Schritt weitergekommen.

Von außen betrachtet wirkst du produktiv. Tatsächlich könnte es sich um eine Mischung aus Pro- und Präkrastination handeln.

Präkrastination – das Wichtigste in Kürze

  • Präkrastination bedeutet, Aufgaben oder einzelne Teilschritte unnötig früh zu beginnen oder abzuschließen – selbst, wenn dadurch zusätzlicher Aufwand entsteht.
  • Nicht jedes frühe Handeln ist problematisch. Wer Aufgaben bewusst frühzeitig erledigt, kann dadurch Stress vermeiden und Freiräume schaffen.
  • Problematisch wird es, wenn du offene Aufgaben kaum aushältst und sie unabhängig von ihrer Wichtigkeit sofort erledigen musst.
  • Dann kann Präkrastination dazu führen, dass du zwar ständig beschäftigt bist, deine wichtigsten Vorhaben aber aufschiebst.
  • Entscheidend ist deshalb nicht nur, wie schnell du handelst, sondern vor allem, ob du das Richtige tust.

Was ist Präkrastination?

Der Begriff Präkrastination bezeichnet die Tendenz, Aufgaben so früh wie möglich zu beginnen oder abzuschließen – sogar dann, wenn es sinnvoller oder weniger anstrengend wäre, noch zu warten.

Der Begriff wurde 2014 von David A. Rosenbaum und seinen Kollegen geprägt. In einem ihrer Experimente sollten Versuchspersonen bis zum Ende eines Ganges laufen und unterwegs einen von zwei Eimern aufnehmen und mitnehmen.

Ein Eimer stand näher am Start, der andere näher am Ziel. Obwohl die Teilnehmer ausdrücklich die leichtere Aufgabe wählen sollten, entschieden sich viele für den ersten Eimer. Dadurch konnten sie zwar früher mit dem Tragen beginnen, mussten den Eimer aber über eine längere Strecke transportieren.

Die Teilnehmer nahmen also zusätzliche körperliche Anstrengung in Kauf, um einen Teil der Aufgabe früher abschließen zu können. Die Forscher bezeichneten dieses Verhalten als Pre-Crastination. Als mögliche Erklärung vermuteten sie den Wunsch, die Belastung des Arbeitsgedächtnisses möglichst schnell zu reduzieren.

Nicht jedes frühe Anfangen ist Präkrastination. Wenn du deine Steuererklärung nicht erst am Stichtag erledigst oder ein wichtiges Projekt frühzeitig vorbereitest, handelst du zunächst nur vorausschauend. Von Präkrastination spricht man vor allem dann, wenn dir durch das frühe Erledigen zusätzliche Nachteile entstehen.

Woran du Präkrastination erkennen kannst

Präkrastination kann sich im Alltag auf sehr unterschiedliche Weise zeigen:

  • Du beantwortest jede neue E-Mail sofort – auch wenn du gerade an etwas Wichtigerem arbeitest.
  • Du unterbrichst deine Arbeit für jede neue Anfrage.
  • Du erledigst einfache und überschaubare Aufgaben, bevor du dich einer wichtigen Aufgabe widmest.
  • Du kannst nur schwer entspannen, solange noch etwas auf deiner Aufgabenliste steht.
  • Du triffst Entscheidungen, obwohl dir noch wichtige Informationen fehlen.
  • Du übernimmst Aufgaben lieber selbst, statt sie zu delegieren oder auf andere zu warten.
  • Du fängst vieles früh an, gerätst bei deinen wichtigsten Vorhaben aber trotzdem unter Zeitdruck.

Ein wichtiges Warnsignal ist der Gedanke: „Ich muss das jetzt sofort erledigen.“

Frage dich in diesem Moment: Wäre ich auch noch entspannt, wenn ich diese Aufgabe erst morgen oder zum geplanten Zeitpunkt erledigen würde?

Wenn allein schon der Gedanke ans Warten starke Unruhe auslöst, handelst du möglicherweise nicht aus guter Planung, sondern um den inneren Druck loszuwerden.

Nicht jede Präkrastination ist problematisch

Ursprünglich bezeichnete der Begriff vor allem ein unnötig frühes Erledigen, durch das zusätzlicher Aufwand entsteht. Neuere Forschung fasst Präkrastination etwas weiter und unterscheidet zwischen sinnvollen und problematischen Formen des frühen Handelns.

Funktionale Präkrastination

Bei der funktionalen Präkrastination erledigst du Aufgaben frühzeitig, weil dies objektiv sinnvoll ist. Du verteilst deine Arbeitslast, bereitest dich auf mögliche Schwierigkeiten vor oder schaffst dir bewusst einen Zeitpuffer.

Du entscheidest dich frei für das frühe Handeln. Falls eine wichtigere Aufgabe auftaucht, kannst du deine Pläne ändern und die weniger wichtige Aufgabe liegen lassen.

Angstgetriebene Präkrastination

Bei der angstgetriebenen Präkrastination erzeugen offene Aufgaben Unruhe, Sorgen oder das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren.

Du erledigst eine Aufgabe dann vielleicht nur, um dich anschließend erleichtert zu fühlen und nicht, weil die Aufgabe wichtig oder dringend ist.

Das funktioniert kurzfristig. Die offene Aufgabe verschwindet und die innere Anspannung lässt nach. Damit verstärkst du allerdings den Drang, auch die nächste offene Aufgabe sofort zu erledigen. Mit der Zeit kann es dir deshalb immer schwerer fallen, Dinge bewusst liegen zu lassen.

Zwanghafte Präkrastination

Bei der zwanghaften Präkrastination wird aus dem Wunsch nach früher Erledigung ein starker innerer Druck. Aufgaben dürfen unabhängig von ihrer tatsächlichen Dringlichkeit nicht liegen bleiben.

Wichtige Tätigkeiten, Pausen und private Bedürfnisse werden dann immer wieder den gerade auftauchenden Aufgaben untergeordnet.

Die Psychologen Christopher Gehrig und Philipp Yorck Herzberg haben einen Fragebogen entwickelt, mit dem sich die drei Formen der Präkrastination unterscheiden lassen.

In einer ihrer Studien zeigte sich: Menschen, die Aufgaben aus Angst oder innerer Unruhe sofort erledigen, berichteten in der Studie häufiger von chronischem Stress. Und wer offene Aufgaben kaum liegen lassen kann, weist außerdem häufiger zwanghafte Persönlichkeitsmerkmale auf.

Entscheidend ist daher nicht, ob du etwas früh erledigst, sondern ob du dich bewusst dafür entscheidest oder dich innerlich dazu gezwungen fühlst.

Warum erledigen wir Aufgaben zu früh?

Offene Aufgaben erzeugen einen inneren Spannungszustand und beanspruchen unsere Aufmerksamkeit. Sie erinnern uns daran, dass noch etwas zu tun ist, dass eine Frist näher rückt oder dass wir jemanden enttäuschen könnten.

Das sofortige Erledigen sorgt für eine schnelle Entlastung und kann dabei unterschiedliche Bedürfnisse erfüllen:

  • Du musst keine Angst mehr haben, die Aufgabe zu vergessen.
  • Du gewinnst das Gefühl von Kontrolle zurück.
  • Du bekommst die Aufgabe aus dem Kopf.
  • Du erlebst das befriedigende Gefühl, einen Punkt abzuhaken.
  • Du möchtest anderen zeigen, dass du schnell und zuverlässig bist.
  • Du beendest die Anspannung, die eine offene Aufgabe in dir auslöst.

Präkrastination kann deshalb eine Strategie sein, mit unangenehmen Gefühlen umzugehen.

In diesem Punkt ähnelt Präkrastination der Prokrastination: Auch Aufschieben kann dazu dienen, unangenehme Gefühle kurzfristig zu reduzieren. Mehr darüber erfährst du in meinem Artikel über die Ursachen von Prokrastination.

Wie Präkrastination Prokrastination verdecken kann

Wer Aufgaben sofort erledigt, hält sich wahrscheinlich nicht für einen Aufschieber. Doch genau das kann täuschen: Während du einige Aufgaben zu früh erledigst, schiebst du möglicherweise eine wichtigere Aufgabe auf. Präkrastination und Prokrastination können deshalb gleichzeitig auftreten.

Angenommen, du möchtest ein Buch schreiben. Du setzt dich morgens an deinen Schreibtisch und öffnest dein Textdokument. In diesem Moment trifft eine E-Mail ein. Du möchtest sie nur schnell beantworten, damit sie aus deinem Kopf ist. Dann fällt dir ein, dass du noch eine Rechnung schreiben musst. Dann aktualisierst du deine Aufgabenliste und beantwortest eine weitere Nachricht.

Am Abend hast du zehn kleinere Aufgaben erledigt. Du warst den ganzen Tag aktiv und kannst einige Punkte von deiner Liste streichen. An deinem Buch hast du trotzdem nicht gearbeitet.

In diesem Fall hast du bei den kleinen Aufgaben präkrastiniert und bei der wichtigen Aufgabe prokrastiniert. Präkrastination war das Mittel, mit dem du der wichtigen Aufgabe ausgewichen bist.

Das Tückische an diesem Muster ist, dass es sich so produktiv anfühlt. Du sitzt ja nicht untätig herum, sondern arbeitest und löst Probleme.

Deshalb bist du nicht automatisch produktiv, nur weil du viele Aufgaben schnell erledigst. Entscheidend ist, ob du an den Aufgaben arbeitest, die dich deinen wichtigsten Zielen näherbringen.

Warum Präkrastination zum Problem werden kann

Das Problem ist, dass du nicht mehr nach sinnvollen Prioritäten arbeitest, sondern dich von jeder neuen Aufgabe fernsteuern lässt. Das kann verschiedene Nachteile haben:

  • Du verlierst deine Prioritäten aus den Augen.
  • Deine Arbeit wird ständig unterbrochen.
  • Wichtige und anspruchsvolle Aufgaben bleiben liegen.
  • Du triffst Entscheidungen, bevor du ausreichend nachgedacht hast.
  • Deine Ergebnisse bleiben oberflächlich.
  • Du übernimmst mehr Aufgaben, als du bewältigen kannst.
  • Pausen und Erholung erzeugen ein schlechtes Gewissen.

Was du gegen problematische Präkrastination tun kannst

Es geht nicht darum, Aufgaben absichtlich liegen zu lassen. Es geht darum, selbst zu entscheiden, was jetzt wichtig ist und was noch warten kann.

Dabei kannst du folgendermaßen vorgehen:

1. Erfasse neue Aufgaben, statt sie sofort zu erledigen

Schreibe neue Aufgaben zunächst auf oder plane einen konkreten Zeitpunkt für ihre Erledigung ein. Dadurch musst du sie nicht im Kopf behalten, ohne deine aktuelle Arbeit zu unterbrechen.

2. Unterscheide zwischen wichtig und dringend

Bevor du einer neuen Aufgabe nachgehst, frage dich: Muss das wirklich jetzt erledigt werden – oder möchte ich es nur aus dem Kopf haben?

Eine Aufgabe kann sich dringend anfühlen, ohne tatsächlich dringend zu sein.

3. Schütze deine wichtigste Aufgabe

Lege möglichst schon am Vortag fest, welche Aufgabe am nächsten Tag Vorrang hat. Reserviere dafür ein festes Zeitfenster, in dem du keine E-Mails, Nachrichten und kleinen Aufgaben bearbeitest.

4. Halte offene Aufgaben bewusst aus

Wähle eine nicht dringende Aufgabe aus und lasse sie absichtlich bis zum geplanten Zeitpunkt liegen. Beobachte, welche Gedanken und Gefühle dabei auftreten.

So kannst du lernen, dass eine offene Aufgabe nicht automatisch sofortiges Handeln erfordert.

5. Suche nach der aufgeschobenen Aufgabe

Wenn du plötzlich den Drang verspürst, eine Kleinigkeit sofort zu erledigen, frage dich:

  • Woran wollte ich eigentlich arbeiten?
  • Was erledige ich stattdessen?
  • Welches unangenehme Gefühl vermeide ich dadurch?

Falls du dabei feststellst, dass du regelmäßig mit kleinen Aufgaben einer wichtigen Aufgabe ausweichst, findest du in meinem Artikel über das Überwinden von Prokrastination passende Gegenmaßnahmen.

Wenn Produktivität nur gut getarntes Aufschieben ist

Feste Zeiten für E-Mails, klare Prioritäten und geschützte Arbeitsblöcke sind ein guter Anfang. Sie reichen jedoch nicht immer aus.

Wenn du mit dringenden und einfachen Aufgaben regelmäßig einem wichtigen Vorhaben ausweichst, solltest du nicht nur die Ersatzhandlungen kontrollieren. Du musst herausfinden, warum du gerade diese wichtige Aufgabe aufschiebst und was dir in dieser Situation wirklich hilft.

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Dr. Jan Höpker

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