Selbst­wirk­sam­keit: Warum wir nicht ins Handeln kommen, obwohl wir doch motiviert sind

Geschrieben am 12. August 2020 von Dr. Jan Höpker.

Hinweis: Weil der Begriff »Selbst­wirk­sam­keits­er­war­tung« sperrig ist, verwende ich im Folgenden häufig die Kurzform: »Selbst­wirk­sam­keit«. (In der deutsch­spra­chigen Fach­li­te­ratur werden die beiden Begriffe auch häufig synonym verwendet.)

Selbstwirksamkeit (Titelbild)

Jemand steht am Becken­rand und möchte gerne schwimmen, doch anstatt endlich ins Wasser zu gehen, beob­achtet er wieder nur die anderen Schimmer und infor­miert sich zum x‑ten Mal über die Wasser­tem­pe­ratur und alle möglichen Schwimm­tech­niken.

Der nicht gewagte Sprung ins kalte Wasser steht für alle möglichen Heraus­for­de­rungen, die wir nicht annehmen, obwohl wir doch eigent­lich gute Gründe hätten, es tun. Warum springen wir nicht? Weil gute Gründe allein nicht ausrei­chen, um ins Handeln zu kommen; weil Moti­va­tion zwar eine notwen­dige, aber keine hinrei­chende Voraus­set­zung für das Aktiv­werden ist.

Die zweite entschei­dende Zutat ist Selbst­wirk­sam­keit. Es ist die begrün­dete Über­zeu­gung, dass wir jemand sind, der es schaffen kann.

Das Ergebnis von Millionen Jahren Evolution ist ein Gehirn, das ausge­spro­chen gut darin ist, uns vor einer großen Band­breite an Gefahren zu beschützen – Gefahren, die unser Überleben sowie das Überleben unserer Nach­kommen direkt oder indirekt bedrohen.

Eine indirekte Gefahr, von der alle Menschen bedroht sind, ist die Verschwen­dung von knappen Ressourcen im Rahmen von lang­fris­tigen Projekten, mit denen wir nicht den gewünschten Erfolg haben. Zum Beispiel jahrelang zu studieren und am Ende doch ohne Abschluss dazu­stehen. Oder jahrelang einen einzigen Wunsch­partner zu umwerben, ohne jedoch bei ihm (oder ihr) landen zu können.

So etwas zu verhin­dern, gehört zu den Aufgaben der Selbst­wirk­sam­keit. Im Prinzip handelt es sich um eine daten­ge­stützte Prognose der Erfolgs­aus­sichten einer Hand­lungs­op­tion, die von unserem Gehirn berechnet wird, damit wir unsere Ressourcen möglichst effektiv einsetzen.

Selbst­wirk­sam­keit

Die Begriffe Selbst­wirk­sam­keit (self-efficacy) und Selbst­wirk­sam­keits­er­war­tung (perceived self-efficacy) bzw. Selbst­wirk­sam­keits-Über­zeu­gung (self-efficacy beliefs) gehen auf den kana­di­schen Psycho­logen Albert Bandura zurück, der die entspre­chenden Konzepte in den 1970er-Jahren im Rahmen der Sozi­al­ko­gniven Lern­theorie entwi­ckelt hat. Bandura wird zu den einfluss­reichsten Psycho­logen der zweiten Hälfte des 20. Jahr­hun­derts gezählt.

Verein­facht gespro­chen, war Banduras wesent­liche Erkenntnis, dass Menschen trotz vorhan­dener Moti­va­tion nur dann zur Tat schreiten, wenn sie eine positive Erwartung an ihre Selbst­wirk­sam­keit haben, d. h. wenn sie davon überzeugt sind, dass sie der Heraus­for­de­rung gewachsen sind.

Allge­meine und spezi­fi­sche Selbst­wirk­sam­keit

Neben der allge­meinen bzw. gene­ra­li­sierten Selbst­wirk­sam­keits­er­war­tung verfügen Menschen auch über soge­nannte hand­lungs­spe­zi­fi­sche Selbst­wirk­sam­keits­er­war­tungen, die sich jeweils auf einen bestimmten Kontext wie zum Beispiel den erlernten Beruf oder eine bestimmte Sportart beziehen.

Von unserer Selbst­wirk­sam­keit hängt ab, was wir in bestimmten Situa­tionen wahr­nehmen, fühlen und denken – und wie wir infol­ge­dessen handeln. Menschen, die über eine starke Selbst­wirk­sam­keit verfügen, gehen Wege und ergreifen Chancen, die von Menschen mit schwacher Selbst­wirk­sam­keit oftmals gar nicht erst erkannt werden.

Selbst­wirk­sam­keit basiert auf der soge­nannten inter­nalen Kontroll­über­zeu­gung, der Über­zeu­gung, grund­sätz­lich in der Lage zu sein, das eigene Schicksal gezielt beein­flussen zu können. Das Gegenteil wäre eine externale Kontroll­über­zeu­gung, nach der das eigene Schicksal von unkon­trol­lier­baren externen Faktoren bestimmt wird.

Der verstor­bene Apple-Gründer Steve Jobs verfügte über eine ausge­spro­chen starke Selbst­wirk­sam­keit. Wie es war, diese zu entdecken, hat er im Jahre 1994 in einem Interview mit der Santa Clara Valley Histo­rical Asso­cia­tion beschrieben. Frei aus dem Engli­schen übersetzt:

»Wenn du erwachsen wirst, erzählt man dir, dass die Welt ist, wie sie ist, und dass es Regeln gibt, die du akzep­tieren solltest. Versuche, nicht zu sehr anzuecken. Gründe eine Familie, habe Spaß und lege etwas Geld für später zurück. Diese Art von Leben ist sehr limitiert. Das Leben wird schlag­artig aufre­gender, sobald du dir einer einfachen Tatsache bewusst geworden bist: Alles um dich herum wurde von Menschen gemacht, die auch nicht klüger waren als du. Und du kannst die Dinge verändern … sobald du das erkannt hast, wirst du ein komplett anderer Mensch sein.«

In dem Buch Die 6 Säulen des Selbst­wert­ge­fühls erklärt der verstor­bene US-ameri­ka­ni­sche Psycho­the­ra­peut Nathaniel Branden, dass die Selbst­wirk­sam­keit einem Vertrauen in die eigenen mentalen Prozesse und Fähig­keiten gleich­kommt.

Demnach hängt die Selbst­wirk­sam­keit nicht davon ab, ob wir schon zu Beginn einer Heraus­for­de­rung über alles Wissen und alle Fähig­keiten verfügen, die für eine erfolg­reiche Bewäl­ti­gung notwendig sind oder notwendig werden könnten. Worum es vielmehr geht, ist die Über­zeu­gung, dass wir prin­zi­piell in der Lage sind, uns bei Bedarf neues Wissen und neue Fähig­keiten anzu­eignen. Auch geht es nicht darum, frei von Fehlern zu sein. Sehr viel wichtiger ist, dass wir in der Lage sind, trotz Rück­schlägen an einer Heraus­for­de­rung fest­zu­halten und die Fehler zu korri­gieren.

Die vier Quellen der Selbst­wirk­sam­keit

Albert Bandura hat unter­sucht, wie Selbst­wirk­sam­keit entsteht. Er hat vier Faktoren iden­ti­fi­ziert, die einen Einfluss haben.

Faktor #1: Eigene Erfah­rungen

Unsere persön­li­chen Erfolge und Miss­erfolge wirken sich positiv bzw. negativ auf unsere Selbst­wirk­sam­keit aus. Aufgrund der soge­nannten selbst­wert­dien­li­chen Verzer­rung wiegen unsere Miss­erfolge aber oftmals weniger schwer: Wir neigen dazu, Miss­erfolge auf äußere Ursachen zu schieben und Erfolge auf unserem eigenen Konto zu verbuchen. Bis zu einem gewissen Grad ist diese Form der Selbst­über­schät­zung eine gute Sache.

Die US-ameri­ka­ni­sche Inno­va­ti­ons­wis­sen­schaft­lerin Melissa Schilling hat die Biogra­fien von Über­flie­gern wie zum Beispiel Thomas Edison, Nikola Tesla, Steve Jobs und Elon Musk auf Gemein­sam­keiten unter­sucht. In ihrem Buch Quirky: The Remar­kable Story of the Traits, Foibles, and Genius of Breakthrough Inno­va­tors Who Changed the World erklärt sie deren fast über­mensch­liche Selbst­wirk­sam­keit mit Schlüs­sel­mo­menten aus ihrer Kindheit und Jugend.

Zum Beispiel brachte sich der erst 12-jährige Elon Musk Anfang der 1980er-Jahre selbst das Program­mieren bei und verkaufte das von ihm eigen­händig program­mierte Compu­ter­spiel »Blastar« für $500 an das Magazin PC and Office Tech­no­logy.

Faktor #2: Fremde Erfah­rungen

Zeuge zu sein, wie andere Personen Erfolg haben oder scheitern, kann sich ebenfalls positiv bzw. negativ auf unsere Selbst­wirk­sam­keit auswirken.

Die Voraus­set­zung ist, dass die entspre­chenden Personen mit uns vergleichbar sind. Man spricht von soge­nannten Modell­per­sonen. Die Erfolge von Super­helden wie Superman und Co. wirken sich leider nicht auf unsere Selbst­wirk­sam­keit aus.

Faktor #3: Soziale Gruppen

Von anderen Personen verbal ermutigt oder klein­ge­macht zu werden, kann sich unter Umständen positiv bzw. negativ auf die eigene Selbst­wirk­sam­keits­er­war­tung auswirken.

Die Voraus­set­zung ist, dass die Fremd­ein­schät­zung von einer Auto­ri­täts­person kommt und dass es keinerlei Erfah­rungs­werte gibt, die ihr wider­spre­chen. Mit anderen Worten: Während sich Kinder noch leicht verbal ermutigen lassen, klappt es bei Erwach­senen eher nicht mehr.

Unsere Selbst­wirk­sam­keit kann leiden, wenn wir von anderen aus Situa­tionen gerettet werden, mit denen wir selbst hätten fertig werden können.

Faktor #4: Inter­pre­ta­tion von Empfin­dungen

Körper­re­ak­tionen wie zum Beispiel Herz­klopfen und/oder feuchte Hände können auf verschie­dene Weise inter­pre­tiert werden. Wer diese Körper­re­ak­tionen als Zeichen von Angst deutet, wird anders über eine Situation denken als jemand, der in den gleichen Körper­re­ak­tionen Zeichen von Aufregung oder Vorfreude erkennt. Entspre­chend unter­schied­lich wirken sich die verschie­denen Inter­pre­ta­tionen auf die Selbst­wirk­sam­keit aus.

Was unsere Selbst­wirk­sam­keit mit uns macht

Menschen mit schwacher Selbst­wirk­sam­keit geraten leicht unter Stress und haben daher häufig Angst vor Neuem. Außerdem sind sie vergleichs­weise anfäl­liger für Angst­stö­rungen und Depres­sionen. Im Gegensatz dazu geht eine starke Selbst­wirk­sam­keit mit ange­nehmen Gefühlen einher.

Wenn Hinder­nissen auftau­chen, neigen Menschen mit starker Selbst­wirk­sam­keit dazu, sich mehr anzu­strengen, um die Hinder­nisse zu über­winden. Menschen mit schwacher Selbst­wirk­sam­keit neigen hingegen dazu, zu resi­gnieren und aufzu­geben. So kriegt jeder das, was er erwartet.

Weil sie gravie­rende Auswir­kungen auf unser Leben hat, kann die allge­meine Selbst­wirk­sam­keit als eine unserer wich­tigsten persön­li­chen Ressourcen angesehen werden.

Die Selbst­wirk­sam­keit stärken bzw. fördern

Da eine starke Selbst­wirk­sam­keit viele Vorteile und so gut wie keine Nachteile hat, erscheint es sinnvoll, sie zu stärken. Wichtig ist, dass die Selbst­wirk­sam­keit nicht den Bezug zur Realität verliert und zur Selbst­über­schät­zung wird.

Die Selbst­wirk­sam­keit scheint hohe unver­än­der­liche Anteile zu haben: Sie hängt mit der allge­meinen Intel­li­genz und den Persön­lich­keits­di­men­sionen Gewis­sen­haf­tig­keit und Extra­ver­sion zusammen. Außerdem besteht ein umge­kehrter Zusam­men­hang zur Persön­lich­keits­di­men­sion Neuro­ti­zismus. (Die Rede ist von Persön­lich­keits­di­men­sionen nach dem Big Five Modell.)

Auf der anderen Seiten spiegelt die Selbst­wirk­sam­keit aber unser tatsäch­li­ches Können wider, d. h. wenn wir unsere Fähig­keiten verbes­sern, stärken wir auch unsere Selbst­wirk­sam­keit.

Konkrete Maßnahmen

Der wirk­samste Hebel zur Stärkung der Selbst­wirk­sam­keit sind persön­liche Erfolgs­er­leb­nisse. Damit die Erfolge auch auf das Konto der allge­meinen Selbst­wirk­sam­keit gehen, sollten möglichst verschie­dene Lebens­be­reiche abgedeckt werden.

Es kann sinnvoll sein, große Ziele in kleinere Etap­pen­ziele herun­ter­zu­bre­chen, weil dadurch die Anzahl der Erfolge erhöht wird. Außerdem können sich so auch dann noch einige kleinere Erfolge ergeben, wenn das große Ziel nicht erreicht wird.

Von fremden Erfolgen profi­tieren wir, wenn wir Menschen studieren, die den Erfolg haben, den wir uns für unser eigenes Leben wünschen. Da die meisten Menschen gerne von ihren Erfolgen erzählen, sind viele erfolg­reiche Menschen bereit, sich über ihre Erfolge befragen zu lassen.

Quellen

Bandura, A. (1977). Self-efficacy: Toward a unifying theory of beha­vioral change. Psycho­lo­gical Review, 84(2), 191–215.

Bandura, A. (1993). Perceived self-efficacy in cognitive deve­lo­p­ment and func­tio­ning. Educa­tional Psycho­lo­gist, 28(2), 117–148.

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