Willens­kraft verstehen und stärken

Geschrieben am 5. August 2020 von Dr. Jan Höpker.

Willens­starke Menschen lassen sich von Hinder­nissen wie Unlust­ge­fühlen und Ablen­kungen nicht von ihren Zielen abbringen. Dadurch haben sie mehr Erfolg in Schule und Beruf, bessere persön­liche Bezie­hungen, weniger Stress und nicht zuletzt eine höhere Lebens­zu­frie­den­heit. Viele Menschen reden sich ein, dass sie zu wenig Willens­kraft haben, aber in Wahrheit haben sie ein ganz anderes Problem: Sie kriegen die PS nicht auf die Straße; es mangelt an Umsetzungskompetenz.

Was ist der Wille?

Warum tun wir Menschen das, was wir tun? Was ist die primäre Ursache unserer Hand­lungen? Bis zur Mitte des 20. Jahr­hun­derts gingen die Experten davon aus, dass wir mehr oder weniger auto­ma­tisch das tun, wozu wir motiviert sind – dass also die Motive ausschlag­ge­bend sind. Albert Bandura war einer der Ersten, die erkannten, dass das so nicht stimmte. Der kana­di­sche Psycho­loge stellte fest, dass die tatsäch­liche Leistung der Menschen nicht durch ihre Leis­tungs­mo­ti­va­tion deter­mi­niert ist. Und das gilt auch für andere Motive: Etwas tun zu wollen, führt nicht auto­ma­tisch dazu, dass man das Vorhaben umsetzt.

Schließ­lich wurde der Beha­vio­rismus vom Kogni­ti­vismus verdrängt. Im Rahmen dieses Para­dig­men­wech­sels, der sich irgend­wann zwischen 1940 und 1970 ereignete und der später als »kognitive Wende« bezeichnet werden sollte, wandelte sich auch die Vorstel­lung von der primären Ursache mensch­li­chen Handelns. Die Motive, so die neue Vorstel­lung, sind dem Willen unter­ge­ordnet, denn wir können uns willent­lich dazu entscheiden, Motive aus dem Nichts zu erschaffen und vorhan­dene Motive willent­lich zu verstärken, abzu­schwä­chen oder gänzlich zu unter­drü­cken. Der US-ameri­ka­ni­sche Erzie­hungs­wis­sen­schaftler Howard Gardner hat diese Fähig­keiten als emotio­nale Intel­li­genz bezeichnet.

In Form des soge­nannten Bereit­schafts­po­ten­tials konnte der Wille von den beiden Frei­burger Wissen­schaft­lern Hans Helmut Korn­berger und Lüder Deeke 1964 erstmals im mensch­li­chen Gehirn nach­ge­wiesen werden. Beim Bereit­schafts­po­ten­tial handelt es sich um ein elek­tro­phy­sio­lo­gisch messbares Phänomen, das etwa eine halbe Sekunde vor jeder selbst-initi­ierten Will­kür­be­we­gung im Gehirn auftritt.

Wie frei ist unser Wille?

Das soge­nannte Libet-Expe­ri­ment hatte großes Aufsehen erregt, weil es den freien Willen infrage stellte. Etwas verein­facht gespro­chen hatte der US-ameri­ka­ni­sche Physio­loge Benjamin Libet Ende der 1970er Jahre heraus­ge­funden, dass bestimmte Teile unseres Gehirns von unseren Entschei­dungen wissen, bevor wir selbst wissen, dass (und wie) wir uns entscheiden werden. Der Vorsprung beträgt ungefähr 0,35 Sekunden. Ist der freie Wille eine Illusion?

Libet selbst war nicht der Ansicht, dass er den freien Willen widerlegt hatte, denn seine Expe­ri­mente hatten auch gezeigt, dass die vom Gehirn vorbe­rei­teten Entschei­dungen noch bis zu einem gewissen Zeitpunkt willent­lich abge­bro­chen werden konnte. Die Freiheit unseres Willens besteht also darin, dass wir uns gegen unsere Impulse entscheiden können – unser freier Wille ist ein Vetorecht! Der Wille ist nicht CEO, sondern Aufsichtsrat der Ich-AG.

Vom (freien) Willen zur Willenskraft

In seinem popu­lär­wis­sen­schaft­li­chen Buch Willpower (Titel der deutschen Ausgabe: Die Macht der Disziplin*) verbreitet der US-ameri­ka­ni­sche Willens­kraft­for­scher Roy Baumeister eine ähnliche Sicht­weise, wobei er jedoch nicht vom (freien) Willen, sondern von der Willens­kraft spricht: Die Aufgabe der Willens­kraft besteht nicht etwa darin, mit dem Kopf voran durch Wände zu gehen, sondern unan­ge­brachte Impulse zu unter­drü­cken. Zu den wich­tigsten Aufgaben der Willens­kraft zählen:

  • Gedan­ken­kon­trolle: unpas­sende Gedanken vorbei­ziehen zu lassen, ohne ihnen Beachtung zu schenken oder sie weiterzuverfolgen
  • Impuls­kon­trolle: unan­ge­brachten Gelüsten zu widerstehen
  • Affekt­re­gu­la­tion: Zum Beispiel höflich zu bleiben, obwohl man wütend ist und sich lieber streiten würde
  • Leis­tungs­kon­trolle: Zum Beispiel eine einmal begonnene Aufgabe zu Ende zu bringen, obwohl man keine Lust mehr hat

In Summe, so Baumeister, ist unsere Willens­kraft jeden Tag rund vier Stunden mit diesen und ähnlichen Aufgaben beschäftigt.

In der Persön­lich­keits­ent­wick­lungs­szene wurde Baumeister insbe­son­dere für das Konzept der Selbst­er­schöp­fung bzw. Ego-Depletion und für das Ressour­cen­mo­dell der Selbst­kon­trolle bekannt.

Selbst­er­schöp­fung und das Ressour­cen­mo­dell der Selbstkontrolle

Nach dem Ressour­cen­mo­dell der Selbst­kon­trolle hängt die Willens­kraft von einer begrenzten biolo­gi­schen Ressource ab, bei der es sich um den Blut­zu­cker­spiegel handelt. Wenn der Blut­zu­cker­spiegel unter ein bestimmtes Mindestmaß abfällt, können wir nicht mehr über unsere Willens­kraft verfügen. Die Gewohn­heiten und andere Auto­ma­tismen über­nehmen das Kommando. Der Fach­be­griff für diesen Zustand lautet Selbst­er­schöp­fung bzw. Ego-Depletion.

Auch Baumeis­ters Entde­ckung, dass die Willens­kraft trainiert werden kann, traf auf helle Begeis­te­rung in der Szene. Aufgrund der Paral­lelen zu einem Muskel wurde der Begriff »Willens­kraft-Muskel« geprägt.

Wie wir unsere Willens­kraft trai­nieren können

Allgemein gespro­chen können wir unseren Willens­kraft-Muskel trai­nieren, indem wir bewusst entgegen unseren Gewohn­heiten handeln. Zu den Trai­nings­me­thoden, deren Wirk­sam­keit Baumeister expe­ri­men­tell nach­weisen konnte, zählen:

  • Kontrolle der eigenen Körper­hal­tung: Bei Studenten, die zwei Wochen lang bewusst auf eine aufrechte Körper­hal­tung geachtet hatten, wurde im Vergleich zu einer Kontroll­gruppe, die nicht auf die Körper­hal­tung geachtet hatte, eine stärkere Willens­kraft gemessen (Quelle).
  • Bewusst die schwache Hand benutzen: Bei Probanden, die Routi­ne­tä­tig­keiten bewusst mit ihrer schwachen Hand durch­ge­führt hatten (Rechts­händer benutzten die linke Hand und Links­händer benutzten die rechte Hand), wurde eine verbes­serte Fähigkeit zur Selbst­re­gu­la­tion sowie eine verrin­gerte Anfäl­lig­keit für Selbst­er­schöp­fung fest­ge­stellt (Quelle).

Heute sind die o. g. Übungen ein fester Bestand­teil von Büchern und Artikel zu den Themen Disziplin und Willens­kraft. Da könnte man leicht auf die Idee kommen, dass es sich um die wirk­samsten Trai­nings­me­thoden handelt. Doch die Kriterien, nach denen die im Rahmen der Studien verwen­deten Übungen ausge­wählt wurden, dürften andere gewesen sein: Nicht die maximal mögliche Effekt­stärke, sondern eine idio­ten­si­chere Durch­führ­bar­keit und Repro­du­zier­bar­keit der Übungen dürfte im Vorder­grund gestanden haben.

Und das ist nicht das einzige Argument, das gegen das Prak­ti­zieren der o. g. Übungen zur Stärkung der Willens­kraft spricht. Neuere Forschungs­er­geb­nisse deuten nämlich darauf hin, dass das Phänomen der Selbst­er­schöp­fung womöglich nur bei jenen Menschen auftritt, die an eine begrenzte Willens­kraft glauben. Wer nicht daran glaubt, scheint über einen unbe­grenzten Vorrat an Willens­kraft verfügen zu können. Die ganze Geschichte ist unglaub­lich spannend und wird in meinem Artikel Reverse Ego-Depletion: Das Geheimnis der uner­schöpf­li­chen Willens­kraft ausführ­lich erzählt.

So viel zur Theorie. Was ist mit der Praxis?

Umset­zungs­kom­pe­tenz schlägt Willenskraft

Wir müssen bedenken, dass die Univer­si­täten zumeist Grund­la­gen­for­schung betreiben, d. h. die dort beschäf­tigten Wissen­schaftler finden heraus, wie die Natur funk­tio­niert, aber nach einer prak­ti­schen Anwendung der gewonnen Erkennt­nisse wird in der Regel nicht gesucht. Dafür sind die Wirt­schafts­un­ter­nehmen zuständig. Sie greifen die Erkennt­nisse der Univer­si­täten auf und entwi­ckeln daraus inno­va­tive Produkte und effi­zi­en­tere Unter­neh­mens­pro­zesse. Für sie ist auch das Thema Willens­kraft von großem Interesse, denn willens­stär­kere Mitar­beiter bedeuten letztlich bares Geld.

Jedoch sind die Unter­nehmen nicht an den geistigen Abläufen, die sich im Inneren der Köpfe ihrer Mitar­beiter abspielen, inter­es­siert, sondern an messbaren Resul­taten. Mit anderen Worten: Für sie zählt nicht die Willens­kraft, sondern die Umset­zungs­kom­pe­tenz.

Was bedeutet Umsetzungskompetenz?

Bei Wikipedia heißt es:

»Umset­zungs­kom­pe­tenz […] bezeichnet die durch Willens­kraft und Selbst­kon­trolle gesteu­erte Fähigkeit von Menschen [...], bestimmte Pläne in tatsäch­liche Ergeb­nisse umzusetzen.«

Zur Umset­zungs­kom­pe­tenz kommt man, wenn man das, was der Göttinger Hoch­schul­lehrer Narziß von Ach um 1910 als den Wirkungs­grad des Wollens bezeichnet hat, mit der Willens­kraft multipliziert:

Umset­zungs­kom­pe­tenz = Willens­kraft • Wirkungs­grad des Wollens

Den meisten umset­zungs­schwa­chen Menschen dürfte es nicht an Willens­kraft, sondern an Umset­zungs­kom­pe­tenz mangeln. Ihr Problem ist ein (zu) niedriger Wirkungs­grad des Wollens. Sie sind wie tradi­tio­nelle Glüh­birnen: Zwar setzen sie große Mengen Energie um, aber der größte Teil davon geht ungenutzt durch Reibungs­ver­luste als Wärme verloren. LEDs geben mehr Licht, obwohl sie weniger Energie verbrau­chen – weil ihr Wirkungs­grad höher ist. Die Technik macht den Unter­schied! Und was für Leucht­mittel gilt, gilt auch für umset­zungs­schwache Menschen: Sie brauchen nicht mehr Willens­kraft, sondern eine bessere Technik.

Wie die Umset­zungs­kom­pe­tenz verbes­sert werden kann

Auf seiner Webseite Willens​kraft​.net erklärt Prof. Dr. Pelz, dass die Umset­zungs­kom­pe­tenz in Fähig­keiten bzw. Kompe­tenzen und Persön­lich­keits­ei­gen­schaften herun­ter­ge­bro­chen werden kann. Diese Unter­schei­dung ist wichtig, denn nur Fähig­keiten bzw. Kompe­tenzen können erlernt und ausgebaut werden. Persön­lich­keits­ei­gen­schaften sind dagegen auf lange Sicht äußerst stabil und damit praktisch unveränderlich.

Die vier Persön­lich­keits­ei­gen­schaften, die am meisten zu einer starken Umset­zungs­kom­pe­tenz beitragen, sind:

  • Ehrgeiz
  • Inte­grität
  • Energie
  • Opti­mismus

Je ausge­prägter diese vier Persön­lich­keits­ei­gen­schaften bei einem Menschen sind, umso mehr ist Umset­zungs­kom­pe­tenz-technisch bei ihm möglich.

Und die fünf erlern­baren Fähig­keiten, die am meisten zu einer starken Umset­zungs­kom­pe­tenz beitra­genden, sind:

  • Aufmerk­sam­keits­steue­rung und Fokus­sie­rung: Sich auf wenige wesent­liche Ziele fokus­sieren können; Prio­ri­täten setzen können; Ablen­kungen igno­rieren können.
  • Emotions- und Stim­mungs­ma­nage­ment: Die eigenen und fremden Gefühle und Stim­mungen verstehen und in einer Weise regu­lieren können, sodass die Ziel­er­rei­chung begüns­tigt wird.
  • Selbst­ver­trauen und Durch­set­zungs­stärke: Aufgrund der eigenen positiven Erfahrung davon überzeugt sein, dass man das Ziel erreichen kann.
  • Voraus­schau­ende Planung und Problem­lö­sung: Ressourcen wie Zeit und Energie bevorzugt im zweiten Quadranten der Dringend-vs-wichtig-Matrix (Eisen­hower-Matrix) einzu­setzen.
  • Ziel­be­zo­gene Selbst­dis­zi­plin: In der Tätigkeit bzw. Ziel­er­rei­chung einen tieferen Sinn sehen; sich nicht von Druck, sondern von Sog antreiben lassen.

Es handelt sich um echte Erfolgs­fak­toren, denn im Rahmen einer Studie hat Prof. Dr. Pelz die o. g. Kompe­tenzen in starker Ausprä­gung bei den umset­zungs­stärksten zehn Prozent, aber nicht bei den umset­zungs­schwächsten zehn Prozent einer fünf­stel­ligen Anzahl an Studi­en­teil­neh­mern gefunden.

Fazit

Wer glaubt, mehr Willens­kraft zu benötigen, sollte sich um die fünf oben genannten Kompe­tenzen kümmern. Ein guter Anfang ist, sich mit den eigenen Werten ausein­an­der­zu­setzen (hier erkläre ich, wie das geht) und sich ein moti­vie­rendes lang­fris­tiges Ziel zu setzen (wie das geht, erkläre ich hier).

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Über Dr. Jan Höpker

Eines Tages bin ich aufge­wacht und habe fest­ge­stellt, dass ich über viele spannende Dinge nicht nur nichts wusste, sondern dass ich nicht einmal wusste, dass ich nichts wusste (trotz Studium und Promotion). Seitdem lese ich viele Bücher und mache mir Gedanken, die ich auf dieser Webseite veröf­fent­liche.

Meine Artikel gehen in die Tiefe, weil ich für Ober­fläch­lich­keit keine Zeit habe. Warum die Seite HabitGym heißt? Weil es nicht darum geht, Dinge nur zu wissen, sondern Wissen auch anzu­wenden, was einiger Übung bedarf. Auch Geld ist nur ein Werkzeug, nicht mehr und nicht weniger. Zurzeit arbeite ich übrigens an meiner zweiten Million – die erste Million hat leider nicht geklappt ;)

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